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Eine Schweizer Firma im digitalen Pionierland



Hier werden Bankkarten personalisiert: Andreas Lehmann im hoch gesicherten Produktionsraum der Trüb Baltics.

Hier werden Bankkarten personalisiert: Andreas Lehmann im hoch gesicherten Produktionsraum der Trüb Baltics.

(swissinfo.ch)

Was in der Schweiz oder in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt, ist in Estland seit 2001 Alltag: Die digitale Identitätskarte und damit die digitale Unterschrift und der elektronische Umgang mit dem Staat. Herstellerin der Karten ist eine Schweizer Firma.

Der Taxifahrer kurvt um den Block. Die Adresse stimme, sagt er, aber die Firma Trüb bleibt unauffindbar. Da - neben einem unauffälligen Eingang in einem neuen, aber unscheinbaren Gewerbeviertel – hängt ein Schweizer-Kreuz an der Wand.

Der Empfang ist ungewohnt. “Bitte Identitätskarte hier in die Schublade legen und das Formular ausfüllen“, tönt eine Stimme aus einem Lautsprecher. Kurz danach kommt die Schublade mit der Identitätskarte und einem Besucherausweis zurück.

“Wir personalisieren hier auch Tausende von Bankkarten für finnische und estnische Banken“, sagt Andreas Lehmann, Direktor der baltischen Niederlassung der Trüb AG: “Deshalb haben wir sehr hohe Sicherheitsvorschriften.“

Der Zutritt in den Produktionsraum erfolgt durch eine Hochsicherheits-Schleuse, in der zwingend nur eine Person Platz findet. Drinnen rattern die Maschinen und spucken Bankkarten aus, die Angestellten kontrollieren und kümmern sich um Verpackung und Versand.

Die Fenster sind aus schusssicherem Glas, der Server, auf dem für eine gewisse Zeit die Bankdaten gespeichert sind, ist doppelt gesichert. Kameras überwachen den Raum. “Wenn jemand hier einzubrechen versucht, stehen die Polizeiautos bereits vor dem Haus, bevor er richtig drinnen ist“, sagt Lehmann.

Das Ei zuerst gelegt

Trüb hat seit 2001 eine Niederlassung in Tallinn. Die Firma hat damals die Ausschreibung für die Produktion der neuen digitalen Identitätskarte gewonnen. “Zur gleichen Zeit haben die estnischen Banken den Technologiewechsel auf die neuen Chip-Karten vollzogen. Mit unserer Ausrüstung konnten wir so zusätzlich noch ins Bankkartengeschäft einsteigen“, so Lehmann.

Estland ist ein Pionierland in Sachen e-Governement, e-Voting und e-Commerce. Die Esten stimmen selbst im hintersten Winkel des Landes elektronisch ab, verkehren elektronisch mit den Behörden, eröffnen Firmen und bezahlen ihre Rechnungen elektronisch.

“Mit der Karte kann ich ein Grundstück von zu Hause aus verschreiben, ohne zum Notar gehen zu müssen“, sagt Lehmann. “Estland hat diese Karten so konsequent eingeführt, wie kein anderes Land. Seit Jahren ist sie für alle, von den Kindern bis zu den Rentnern, eine Selbstverständlichkeit. Breitbandinternet gilt hier schon fast als Grundrecht und ist entweder gratis, oder es kostet nicht viel. Man hat das Huhn-Ei- Prinzip durchbrochen und gesagt, ‘jetzt legen wir zuerst das Ei‘.“

Klare Orientierung nach Westen

Estland sei ein “ausserordentlich innovatives Land“, das gefalle ihm als Ingenieur, sagt Lehmann: “Im Vergleich zum deutschsprachigen Raum ist die Risiko-Aversion hier sehr gering. Besitzstandwahrung ist kein Thema. Man will nach Europa aufschliessen und das kann man nur, wenn man die Chance ergreift.“

Estland orientiere sich ganz klar nach Westen, so Lehmann: “Die Leute wollen nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun haben. Die Furcht sitzt tief. Das Land ist sehr klein und liegt am Rand von Europa. Die Esten kennen das Recht des Stärkeren sehr gut und vermeiden - wo immer möglich - eine Abhängigkeit vom Osten. Beispiele gibt's zuhauf, wo der östliche Nachbar sagt, er liefere kein Gas mehr, dann ist alles abgestellt.“

Eigene Kultur bewahrt

Nach dem Ende der Sowjet-Besatzung sei das Land ohne Industrie und ohne Kapital da gestanden. “Als Konsequenz hat man einen Schnitt gemacht, die alten Sowjet-Zöpfe, wie Korruption und mangelnde Transparenz im Steuerwesen abgeschnitten und nach vorne geschaut.“

Beeindruckt zeigt sich Lehmann davon, dass die 900‘000 Esten trotz 50 Jahren Sowjet-Okkupation “ihre Kultur und ihre Sprache haben bewahren können. Das haben sie gut gemacht. Sie haben sogar eine eigene Schriftsprache“.

Und die Minderheit der 400‘000 Russen, die in Estland leben? – “Natürlich wurden am Anfang die Spannungen von beiden Seiten gezielt geschürt. Im Alltag funktioniert das Zusammenleben mittlerweile relativ gut. Die hier lebenden Russen sind ja auch nicht für die Sowjets. Sie wollen auch nicht unbedingt zurück nach Russland. Sie sind jedoch stolz darauf, dem russischen Kulturkreis anzugehören.“

Estland ist mit 1,4 Millionen Einwohnern ein kleines Land. Der Effekt, dass man vielfach auf dieselben Leute treffe und sich kenne, sei noch grösser als in der Schweiz. “Hier ist alles vernetzt, macht man Verträge per Handschlag. Wer das Vertrauen missbraucht, wird sehr schnell weitherum geächtet und muss sich weit weg um einen neuen Job bemühen."

Andreas Keiser, Tallin, swissinfo.ch

Trüb

In ihren Gründungsjahren war die Trüb AG in Aarau eine Druckerei.

In den vergangenen 150 Jahren erweiterte die Firma ihr Produktionsfeld kontinuierlich und wurde zu einem Spezialisten im Bereich des Sicherheitsdrucks.

Der Druck von Wertpapieren wurde 2005 zu Gunsten des Kartenherstellung und -personalisierung aufgegeben. Der entsprechende Bereich wurde verkauft.

Die Trüb AG Switzerland ist heute der führende Kartenhersteller und -personalisierer der Schweiz.

Seit Mai 2010 produziert die Firma auch die digitale Suisse ID, seit 1994 die Schweizer Identitätskarten.

Infobox Ende
(swissinfo.ch)


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