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Erdbeben-Forschung muss vertieft werden

Erdbeben wie, hier in Indonesien, sind weltweit eine Naturgefahr.

(Keystone)

Die Schweiz spielt in der Erdbeben-Forschung eine grosse Rolle. Das sagt ein Schweizer Experte.

Domenico Giardini, Professor für Seismologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) räumt jedoch ein, dass noch viel zu tun sei, um Schäden bei Naturkatastrophen beschränken zu können.

Das Globale Wissenschafts-Forum der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat in Potsdam, Deutschland, ein zweitägiges Seminar durchgeführt zum Thema "Erdbeben-Forschung und ihre Auswirkung auf die Gesellschaft".

An dem Treffen nahmen rund 60 führende Wissenschafter und Hochschulvertreter aus aller Welt teil, auch aus Entwicklungsländern.

"Diskutiert wurde unter anderem der Zugang zu aktuellsten Zahlen und Daten", sagt Giardini, der auch Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes (SED) ist, gegenüber swissinfo. "In diesem Bereich wurden zwar in den letzten Jahren Fortschritte erzielt, aber es bleibt noch viel zu tun."

Erdbeben-Vorhersagen sind ein wichtiger Faktor in der Seismologie. An dem Seminar seien Physik und Wahrscheinlichkeit von Erdbeben erörtert worden und wie die Erkenntnisse in der Praxis umgesetzt werden können, so Giardini.

Kommunikations-Pannen

Erdbeben sind weltweit eine Naturgefahr. Im vergangenen Mai kamen bei einem Erdbeben von der Stärke 6,3 auf der Richterskala auf der Insel Java, Indonesien, über 6000 Menschen ums Leben. Bei einem weiteren Beben (7,6) im Oktober 2005 in Pakistan und der indischen Kashmir-Region wurden mindestens 75'000 Menschen getötet.

Und beim Seebeben im Indischen Ozean (9,15) vom 26. Dezember 2004, das eine Reihe von Flutwellen (Tsunamis) auslöste, starben rund 220'000 Menschen.

Erkenntnisse in die Praxis umsetzen

Aus solchen Naturkatastrophen könnten Wissenschafter zahlreiche Erkenntnisse gewinnen, erklärt Giardini. "Wir haben auch erfahren, dass die lokalen Behörden auf ein solches Katastrophenereignis nicht vorbereitet waren. Sogar die Weiterleitung des Alarms an die Menschen, die sich am Strand befanden, klappte nicht."

Nach Ansicht des Schweizer Seismologen waren die Kommunikations-Pannen auch eine Folge der Unfähigkeit, vorhandene wissenschaftliche Kenntnisse zur Rettung von Menschenleben umzusetzen. "Wir haben solche Informationen in unseren wissenschaftlichen Texten, die wir an den Universitäten lehren. Aber was tun wir, damit die Leute sie in der Praxis umsetzen können?", fragt sich Giardini.

Erfahrung

Ein weiteres Ziel des OECD-Seminars war der Vergleich zwischen nationalen und regionalen Handhabungen, Plänen, Projekten und Prioritäten in derartigen Katastrophenfällen.

Laut Giardini spielt die Schweiz in der Erdbeben-Forschung international eine wichtige Rolle, weil sie während fünf Jahren den Weltverband der seismologischen Netzwerke präsidiert. Das heisst, dass die Schweiz Zugang zu allen Daten hat, die zwischen den seismologischen Agenturen ausgetauscht werden.

Wie der jüngste Felssturz auf der Gotthard-Autobahn mit tödlichem Ausgang für zwei Menschen zeigt, ist auch die Schweiz betroffen von den Launen der Natur.

"Wir haben viel Erfahrung, besonders bei Vielfachrisikofällen – wenn ein Erdbeben einen Erdrutsch auslöst, der seinerseits eine Flutwelle im See bewirkt, und so weiter", sagt Giardini.

Aspekte ganzheitlicher angehen

"Das Zusammenbringen verschiedener Risiken ist aber keine einfache Sache. Denn Flutwellen sind Sache der Ozeanographen, auch wenn sie durch ein Erdbeben ausgelöst werden. Die beiden Experten-Gruppen sind gewöhnlich voneinander abgekoppelt."

Giardini plädiert deshalb dafür, alle Aspekte von Naturkatastrophen ganzheitlicher anzugehen.

swissinfo, Thomas Stephens
(Übertragung aus dem Englischen: Jean-Michel Berthoud)

In Kürze

Experten sind sich einig, dass die gefährlichsten Naturkatastrophen einmalige Ereignisse wie Erdbeben sind, und nicht solche, die sich oft ereignen wie Überschwemmungen.

Das Erdbeben-Risiko in der Schweiz ist im internationalen Vergleich mässig bis mittelmässig. Risiko-Gebiete sind vor allem der Kanton Wallis, die Region Basel, das sanktgallische Rheintal und der Kanton Graubünden.

In der Schweiz werden jährlich zwischen 300 und 400 Erdstösse registriert. Das jüngste Erdbeben ereignete sich 1991 im Kanton Graubünden.

90% aller Gebäude in der Schweiz wurden vor 1989 erbaut, dem Jahr, in dem die Erdbeben sichernden Baunormen in Kraft traten.

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Fakten

27. Mai 2006: Erdbeben von der Stärke 6,3 auf der Richtertskala auf der Insel Java, Indonesien – über 6000 Tote.

8. Oktober 2005: Erdbeben (7,6) in Pakistan und der indischen Kashmir-Region – mindestens 75'000 Tote.

28. März 2005: Erdbeben auf der Insel Nias, Indonesien – 905 Tote.

26. Dezember 2004: Seebeben bei Sumatra löst Flutwellen (Tsunamis) aus, von denen 12 südostasiatische Länder betroffen sind – 220'000 Tote oder Vermisste.

26. Dezember 2003: Erdbeben in Bam, Iran – 31'000 Tote.

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