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"Vergessen wir nie, was am 9. November 1938 geschah"

Jetzt, da die letzten Zeitzeugen wegsterben, ist die Erinnerung an die Judenvernichtung zentral. Das ist die Überzeugung unserer Autorin Anita Winter. Ihre persönliche Annäherung zum Jahrestag der Reichspogromnacht.

Dieser Inhalt wurde am 09. November 2020 - 15:05 publiziert

Kristallnacht – welche Wortschöpfung. Zerborstene Scheiben werden zu funkelnden Steinen, die in der Nacht glitzern. Reichskristallnacht. Welch propagandistische Meisterleistung. In der kollektiven Erinnerung der Nationalsozialisten sollte diese Nacht vom 9. November 1938 fortan mit etwas Schönem verbunden werden, mit einer Feier.

Mein Vater war Zeuge

Tatsächlich herrschte damals bei vielen eine ausgelassene Stimmung. Als mein Vater am Morgen des 10. Novembers 1938 alleine durch Berlin lief, sah er nicht nur die Zerstörungen der letzten Nacht, sondern auch, wie die SA, Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder fröhlich weiter wüteten. Niemand schritt ein.

Mein Vater war damals 16 Jahre alt, als er verstand, dass er als Jude Deutschland so rasch wie möglich verlassen musste. Weil diese Scheiben am Boden nur ein Vorbote sein konnten für das viel Schlimmere, das noch kommen würde.

In der Reichspogrom-Nacht 1938 brannten juedische Synagogen in ganz Deutschland. Angehörige von Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS) zertrümmerten die Schaufenster jüdischer Geschäfte, demolierten die Wohnungen jüdischer Bürger und misshandelten diese. Keystone / Str

Wie recht er hatte – diese Nacht war der Beginn auf dem Weg zur "Endlösung". Was er in Berlin mit eigenen Augen gesehen hatte, war in ganz Deutschland geschehen. Überall hatten die Braunhemden jüdische Geschäfte zerstört und geplündert, Synagogen niedergebrannt, Jüdinnen und Juden misshandelt, Hunderte ermordet und Tausende in Konzentrationslager verschleppt.

Die letzten Zeitzeugen sterben

Mein Vater, Walter Strauss, hat mir, meinen Geschwistern und seinen Enkelkindern noch im hohen Alter immer wieder von dieser Nacht, diesem orchestrierten Gewaltausbruch, erzählt. Aber auch von der Zeit davor, wie die Juden immer stärker ausgegrenzt worden waren.

Selbst das Eiserne Kreuz, mit dem sein Vater im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden war, nützte der Familie nichts. Gestern noch war die jüdische Ärztefamilie mitten in der Gesellschaft, um sich innert kürzester Zeit ausserhalb derselben wiederzufinden.

Mein Vater selbst, damals noch als Schüler in Heilbronn, durfte als Jude nicht studieren und kam so alleine nach Berlin, um bei einem Schneider eine Lehre zu absolvieren. Hier erlebte er alleine, versteckt hinter einem Schrank, die Nacht vom 9. November 1938 in Angst und Schrecken. Von hier aus flüchtete er alleine über Umwege in die Schweiz.  Nur deswegen hat er die Shoa überlebt.

Zeitzeuge Walter Strauss im Alter von 96 Jahren. zvg

Viele glaubten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dass der Holocaust, die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das Ende des Antisemitismus bedeuten würde. Mein Vater war da viel pessimistischer. Er glaubte nicht, dass die Menschen aus diesem Zivilisationsbruch wirklich gelernt hätten.

Er musste in hohem Alter miterleben, wie Antisemitismus wieder aufflackert. So starb er, mein geliebter  Vater Walter Strauss, mahnend, und so sterben auch die anderen letzten  Zeitzeugen des Holocaust.

Erinnerung, gerade jetzt

Reichskristallnacht - die Kristalle stehen für die zynische Kälte und für das frostige Eis, in dem sich die Gesichter all jener spiegeln, die mitgemacht oder geschwiegen haben.

Reichskristallnacht – Reichspogromnacht. Wie wir diese Nacht letztlich nennen, spielt keine Rolle. Solange wir verstehen, was in dieser Nacht passiert ist, dass zerborstene Scheiben damals den Auftakt zur Vernichtung bildeten. Heute wissen wir es und können dagegen antreten, solange wir die Erinnerung an den 9. November wachhalten. Es geht darum, nie zu vergessen, nie zu schweigen, nie gleichgültig zu sein, nie.

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