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Kein Platz für Senioren in der Arbeitswelt

Die Ausnahme, die die Regel bestätigt: Der 98-jährige Coiffeur Adolf Hui in seinem eigenen Salon.

(Keystone)

80% der Unternehmen lehnen das Rentenalter 67 laut einer aktuellen Umfrage ab. Die meisten Firmen in der Schweiz erachten die Pläne von Bundesrat Pascal Couchepin als realitätsfremd.

Damit ist die Arbeitgeber-Seite ausnahmsweise gleicher Meinung wie die Gewerkschaften.

Vier von fünf Unternehmern sind nicht bereit, Arbeitskräfte über 65 Jahre einzustellen. Dies ergab eine aktuelle Umfrage der Handelszeitung.

In den 300 in der Deutschschweiz und Westschweiz befragten Unternehmen mit mehr 10 und mehr Beschäftigten zeigte sich eine klare Ablehnung gegen eine Heraufsetzung des Rentenalters.

Bundespräsident Pascal Couchepin will 2015 das Rentenalter um ein Jahr auf 66 und zehn Jahre später um ein weiteres Jahr auf 67 erhöhen.

Kleine Firmen eher bereit

Bei Betrieben mit 10 bis 15 Mitarbeitern unterstützten gut 20% das höhere Rentenalter. Damit stehen die kleinen Firmen einem höheren Rentenalter recht positiv gegenüber: Bei grösseren Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten schrumpfte der befürwortende Anteil auf 10%.

Fast drei von fünf Unternehmen wären indessen bereit, einen eigenen Angestellten über das Pensionsalter 65 weiter zu beschäftigen.

Etwa 80% aller befragten Unternhmen würden jedoch niemanden über 65 neu anstellen.

Gewerkschaften schütteln den Kopf

Colette Nova vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) erstaunt das Resultat der Umfrage nicht. "Seit vielen Jahren praktizieren die Unternehmen eine gegenteilige Politik, wollen also ältere Arbeitnehmende nicht mehr beschäftigen."

Das Argument, dass die demographische Entwicklung grosse Probleme verursachen werde, mag Nova schon gar nicht mehr hören.

"Seit Jahrzehnten ist das AHV-System mit der Alterung der Gesellschaft konfrontiert. Und genau so lang wird dies auch als 'Schreckgespenst' aufgebauscht. Die AHV hat diese Herausforderung bisher glänzend gemeistert."

Laut Nova gibt es sinnvollere Möglichkeiten, als die Menschen in der Schweiz bis zum Alter von 67 Jahren hart arbeiten zu lassen: "Am wichtigsten ist es sicher, für Wirtschaftswachstum zu sorgen."

Den Weg für Frauen und Mütter ebnen

Und vor allem könne man weiteres Potenzial im Inland ausschöpfen – die Frauen. "Wenn man den Frauen und Müttern nicht so viele Steine in den Weg legen würde, könnten diese erheblich mehr am Berufsleben teilnehmen."

Wenn die Frauen Beruf und Kind unter einen Hut bringen könnten, gäbe es auch wieder mehr Nachwuchs. Skandinavien mache dies seit Jahren vor.

Mit anderen Worten: Eine Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, die den Frauen die Kinderpflege und Erziehung erleichtert bis ganz abnimmt. Mittags-Lunch, Tagesschulen, Kinderkrippen, Blockzeiten-Stundenpläne, die auf Arbeitszeiten Rücksicht nehmen, weniger Erziehungsföderalismus, Freizeitkoordination (Sportförderung) etc.

Eine andere Möglichkeit, einen allfälligen Arbeitskräftemangel zu beheben, liegt laut Nova in der Einwanderungsförderung von beruflich qualifizierten Personen. "Natürlich müsste dies einhergehen mit entsprechenden Integrationsmassnahmen", so die SGB-Vertreterin.

Zahl 67 "nur" als Massstab

Peter Hasler, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, sieht andere Möglichkeiten zur Sicherung der Altersvorsorge: "Man könnte die Renten senken oder die Beiträge erhöhen."

Ab 2006 würden 'kräftige' Jahrgänge in Pension gehen und 'schwache' Jahrgänge ins Berufleben eintreten, so Hasler.

"Dann muss man mit einem gravierenden Arbeitskräftemangel rechnen. Es darf jedoch trotzdem nicht sein, dass alle bis 67 arbeiten müssen. Das Rentenalter 67 dient lediglich als Rentenberechnungs-Zeitpunkt." Der Arbeitgeberverband will das Rentenalter bereits im Jahr 2010 erhöhen.

Stufenweiser Ausstieg

Arbeitgeberverband-Direktor Hasler bevorzugt statt einer starren Regelung einen stufenweisen Ausstieg aus dem Berufsleben.

Auch Martin Mezger von Pro Senectute ist gegen ein fixes Rentenalter: "Sinnvoller wären individuelle Lösungen, zum Beispiel ein schrittweiser Rückzug aus dem Berufsleben", ist Mezger überzeugt.

Vom Rentenalter 67 hält Mezger nichts: "Heute bezieht jeder fünfte Mann über 60 eine IV-Rente. Bei einem Rentenalter von 67 wäre es vielleicht jeder Dritte. Auch das belastet die Sozialwerke", sagt Mezger gegenüber swissinfo. Tatsächlich ist die Invalidenversicherung bereits heute schwer defizitär.

Früherer Einstieg ins Berufsleben

"Eine Alternative zur Erhöhung des Rentenalters wäre zum Beipiel auch eine frühere Einschulung und in der Konsequenz ein früherer Einstieg ins Berufsleben", ist Mezger überzeugt.

Dies sei bereits ein Trend in Europa. "Schon ein, zwei Jahre früherer Einstieg ins Berufsleben würde sich stark auf die Sozialwerke auswirken", so der Direktor von Pro Senectute.

swissinfo, Billi Bierling und Elvira Wiegers

In Kürze

80% der Unternehmen sind gegen das Rentenalter 67 und würden keine Personen über 65 Jahren einstellen. Dies ergibt eine aktuelle Umfrage der Handelszeitung.

Befragt wurden 300 Firmen mit 10 und mehr Angestellten in der Deutschschweiz und in der Westschweiz, darunter Migros, Ciba, Novartis, Swisscom, Zschokke und Richemont.

Gewerkschaften und Unternehmen halten die Pläne von Sozialminister Pascal Couchepin für realitätsfremd.

Tatsächlich geht heute ein Viertel der Erwerbstätigen frühzeitig in Pension. Dies hat seinen Preis: Wer fünf Jahre früher voll ausscheidet, muss mit einer Renten-Reduktion von etwa 30% rechnen.

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