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Der lange Weg zum Frauenstimmrecht

Der globale Kampf um das Frauenstimmrecht

Die Maori Frauen waren weltweit die ersten, die offiziell abstimmen durften. Photo 12 / Alamy Stock Photo

In vielen Staaten der Welt halfen Revolutionen, internationale Kooperationen und direktdemokratische Volksrechte bei der Einführung des Frauenstimmrechtes. Doch die Widerstände in der Schweiz blieben lange hartnäckig– bis vor 50 Jahren der internationale Reputationsschaden zu gross zu werden drohte.

Dieser Inhalt wurde am 07. Februar 2021 - 09:00 publiziert

Der Durchbruch am anderen Ende der Welt kam plötzlich: am 18. Mai 1893 stellte sich die 24 Jahre alte Meri Mangakahia vor die "Kotahintaga", das im Jahr zuvor erstmals gewählte Parlament der indigenen Maori-Volkes in Neuseeland und erklärte: "Heute schlage ich Ihnen ein Gesetz vor, dass es künftig Frauen erlauben soll, zu wählen und in dieses Parlament gewählt zu werden".  

swissinfo.ch/Carlo Pisani, Céline Stegmüller, Jonas Glatthard

Das männliche Maori-Parlament zauderte und deshalb begannen Mangakahia und ihre Mitstreiterinnen in den Wochen darauf, im ganzen Land Unterschriften für die Einführung des Frauenstimmrechtes zu sammeln. Ende Juli 1893 konnten über 30'000 UnterschriftenExterner Link in Form von gleich dreizehn VolksinitiativenExterner Link beim Repräsentantenhaus der damaligen britischen Kolonie in Wellington eingereicht werden.

Meri Mangakahia um 1900. Gl Archive / Alamy Stock Photo

Wenige Wochen später sprach sich das Männerparlament mit 20 zu 18 Stimmen für das Frauenstimmrecht aus – und machte somit den Inselstaat zum ersten Land der Welt mit dem allgemeinen Wahlrecht. Damit waren Frauen und Männer gleichermassen zu den Wahl- und Abstimmungsurnen zugelassen. 

Neuseeland: Feministisch-konservative Allianz gegen "Trunkenbolde"

Neuseeland war damals ein kolonialer Aussenposten des britischen Weltreiches und hatte einen markanten Männerüberschuss, schreibt  die neuseeländische Historikerin Katie Pickles im Online-Magazin The SpinoffExterner Link und betont: "Aus Angst vor und als Gegengewicht zu einer grossen Zahl alleinstehender Trunkenbolde sprachen sich damals auch konservative Männer für das Frauenstimmrecht und die gleichzeitige Einführung des brieflichen Abstimmens aus".

Der feministische Kampf gegen die Flasche sollte Neuseelands Demokratie noch lange begleiten: bis 1964 fanden 24 nationale Volksabstimmungen über den gesetzlichen Umgang mit Alkohol statt.

Zum hundertsten Jahrestag der Einführung des Frauenstimmrechtes wurde in Neuseeland das Volksrecht der VolksinitiativeExterner Link gestärkt.

Finnland: bürgerlich-sozialistischer Schulterschluss gegen Zaren

Der zweite grosse Streich gelang der Frauenstimmrechtsbewegung einige Jahre später im hohen Norden Europas. Wie im übrigen russischen Zarenreich, so begannen sich auch im damaligen Grossfürstentum Finnland verschiedene Bewegungen – liberale, gewerkschaftliche und feministische – gegen den Alleinherrscher in Moskau zu wenden.

"Es kam zum Schulterschluss bürgerlicher und sozialistischer Kreise für das Selbstbestimmungsrecht Finnlands und verbunden damit zur Einführung des Wahlrechtes für Männer und Frauen", sagt die Frauenforscherin Johanna Kantola, die an der Universität von Tampere lehrt, zu SWI swissinfo.ch. 

Im Unterschied zu Neuseeland, wo die Frauen 1893 "nur" das aktive Wahlrecht erhielten, also nicht selbst kandidieren durften, wurde in Finnland im Sommer 1906 – als erstem Land der Welt überhaupt - auch das passive Wahlrecht für alle Bürgerinnen und Bürger eingeführt: im ersten freigewählten finnischen Eduskunta (Reichstag) betrug der Frauenanteil knapp zehn Prozent.

Dazu Johanna Kantola: "Dieser frühe Erfolg für das Frauenstimmrecht verleitete spätere Generationen jedoch dazu, in Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter etwas passiv zu werden".

Nachdem der Frauenanteil im finnischen Parlament zeitweise unter die Anfangsmarke von 1907 sank, haben die Finninnen in jüngster Zeit jedoch machtpolitischen Boden gut gemacht. Mitgeholfen hat dabei die neue Verfassung aus dem Jahr 2000: Diese stärkt die direktdemokratischen Volksrechte.

So war es laut Kantola der Frauenbewegung in den letzten Jahren zum Beispiel gelungen, die Ehe für alle einzuführen. Und: In der jetzigen Regierung der 34 Jahre jungen Ministerpräsidentin Sanna Marin sind 12 Frauen und 7 Männer vertreten.

In Helsinki führen fünf Frauen die Regierung an - die meisten von ihnen sind jünger als 35 Jahre. Emmi Korhonen / Lehtikuva / AFP

USA: 15 Männer-Volksentscheide für das Frauenstimmrecht

Mit den historischen Demokratiereformen in Neuseeland und Finnland war der konservative Männer-Bann gegen das Frauenstimmrecht in grossen Teilen der Welt gebrochen. Bis Mitte der 1920er-Jahre konnten die Frauen in vielen damaligen Demokratien an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen. Unter anderem wurde das Frauenstimmrecht in 15 US-Bundesstaaten bis 1918 per Männer-VolksentscheidExterner Link beschlossen; 1920 erfolgte dann eine entsprechende Änderung der US-Verfassung.

Ein Treffen der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation "League of Women Voters", 1924. The Granger Collection / New York

Als Folge des Ersten und Zweiten Weltkrieges kamen weitere wichtige Faktoren im Kampf für das Frauenstimmrecht hinzu: Dazu gehören, so der Schweizer Politologe Werner Seitz, die Idee des Neuanfanges und einer gewissen Dankbarkeit der Männer den Frauen gegenüber nach den Kriegsjahren. Der langjährige Leiter der Sektion "Politik, Kultur, Medien" im Bundesamt für Statistik ist Autor eines neu erschienen Buches* zum Kampf um das Frauenstimmrecht in der Schweiz.

Die Schweiz erweist sich als hartnäckig konservativ

Im Gespräch mit SWI swissinfo.ch betont Seitz, dass es in der Schweiz nach den Weltkriegen aber "weder einen Neuanfang noch eine Dankbarkeit der Männer gegenüber den Frauen" gab. Auch das demokratische Argument, wonach eine Hälfte der Bevölkerung nicht ausgeschlossen werden dürfe, war nicht mehrheitsfähig.

"Die Mischung aus republikanischem Gedankengut und eidgenössischem Gründungsmythos führte zu einer ausgeprägt männlichen politischen Kultur, welche die Frauen ausschloss", konstatiert Seitz und fügt hinzu, dass die Stimmrechtsfrage zum Opfer der politischen Polarisierung zwischen links und rechts wurde: "Noch in den 1950er-Jahren argumentierten konservative Politiker mit antikommunistischen Parolen gegen das Frauenstimmrecht".

swissinfo.ch-Serie zu 50 Jahren Frauenstimmrecht

Am 7. Februar 1971 sagten die Schweizer Männer Ja zum Frauenstimmrecht – 123 Jahre nach der Staatsgründung. Die Schweiz war somit eines der letzten Länder, welche das allgemeine Wahlrecht einführte. Das macht sie, die international gern als Modell der direkten Demokratie zitiert wird, zu einer jungen liberalen Demokratie.

SWI swissinfo.ch widmet dem unrühmlichen Jubiläum einen Schwerpunkt mit Textbeiträgen, Videos und Bilderstrecken.

Am 4. März organisiert SWI swissinfo.ch eine digitale Podiumsdiskussion zum Thema "50 Jahre nach dem Frauenstimmrecht: Alte Machtfrage, neue Kämpferinnen, neue Erfolge". Teilnehmerinnen: Marie-Claire Graf, Klimaaktivistin und UNO-Klimabotschafterin; Estefania Cuero, Spezialistin für Diversität und Menschenrechte sowie Regula Stämpfli, Politikwissenschafterin mit Spezialgebiet Macht.

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Angesichts solcher Widerstände halfen zunächst auch die im internationalen Vergleich weitentwickelten direktdemokratischen Männer-Volksrechte nicht weiter. Im Gegenteil: zwischen 1919 und 1956 scheiterten nicht weniger als 29 entsprechende Vorstösse in kantonalen Abstimmungen. Zudem ignorierte 1929 die Landesregierung eine von über 10% der Schweizer Bevölkerung unterstützten Petition zur Einführung des Frauenstimmrechts.

In der Stimmrechtsfrage hätte die Schweiz das Anderssein so lange zelebriert, bis der internationale Reputationsschaden zu gross zu werden drohte, sagt Seitz. Die 1946 gegründete UNO-Kommission zur Rechtsstellung der Frauen kritisierte in ihren Berichten regelmässig die Schweiz, was vor allem im Vorfeld der Ansiedlung des europäischen Hauptsitzes der UNO in Genf und dem Beitritt des Schweiz in den Europarat für Negativschlagzeilen in den internationalen Medien sorgte.

Schweiz: der späte Abschied vom Demokratiefluch

Schliesslich half der Pragmatismus weiter: Wegen des aufkommenden Kalten Krieges schlug der Bundesrat 1954 einen obligatorischen Zivilschutzdienst für Frauen vor, der wegen der fehlenden politischen Mitbestimmung jedoch auf breite Ablehnung stiess. Im Sinne eines Kuhhandels schlug die Regierung deshalb erstmals auch die Einführung des FrauenstimmrechtesExterner Link vor. Beides misslang, doch der schweizerische Demokratiefluch war gebrochen.

In den 1960er-Jahren schafften Frauenstimmrechtsvorlagen die Männer-Abstimmungshürde in neun Kantonen. Doch erst am 7. Februar 1971 sprachen sich zwei Drittel der stimmberechtigten Männer für die überfällige Zeitenwende aus. 123 Jahre nachdem sie als fast erste das Stimmrecht in Europa erlangt hatten.

An der Quelle der direkten Demokratie der Schweiz, in den Initiativkomitees, bleiben Frauen in der Minderheit. Kai Reusser / swissinfo.ch

Von einer massiven Teilnahme oder gar Machtübernahme der Frauen konnte aber zunächst keine Rede sein, erinnert sich Anita Fetz, die zwischen 1985 und 2019 mit Unterbrüchen dem nationalen Parlament angehörte. "Die aktive Partizipation musste zunächst gelernt werden", erklärt die Politikerin aus Basel gegenüber SWI swissinfo.ch den nur langsam steigenden Frauenanteil im Parlament. Dieser liegt nach den letzten Wahlen 2019 immerhin bei 42% im Nationalrat.

Dazu waren neben dem aktiven und passiven Wahlrecht auch die Volksrechte sehr wichtig: denn die direkte Demokratie, so Fetz, lade dazu ein, sich auch ausserhalb des Parlamentes in die Politik einzubringen. Sie hat den Tatbeweis dazu gleich selbst erbracht: Mit nicht weniger als 18 Einsitzen in nationalen Initiativkomitees hält sie gemäss einer Studie des Zentrums für Demokratie Aarau (ZDA)** den "Schweizerrekord" unter allen stimmberechtigten Frauen und Männern.  


*Auf die Wartebank geschoben. Der Kampf um die politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900, Werner Seitz, Chronos-VerlagExterner Link, Zürich (2020)

**Die Volksinitiative als (ausser-)parlamentarisches Instrument? Nadja Braun Binder/Thomas Milic/Philippe E. Rochat, Schulthess-Verlag Externer Link Zürich (2020)

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