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Der lange Weg zum Frauenstimmrecht

1991 oder als in der Schweiz die letzte Männerbastion fiel

Der grosse Tag: Am 28. April 1991 konnten die Frauen im Kanton Appenzell Innerrhoden erstmals an der Landsgemeinde teilnehmen. Noch im Jahr davor hatten die Männer "im Ring" das Frauenstimmrecht abgelehnt. Keystone

Noch 1990 verwehrten die Männer im Kanton Appenzell-Innerrhoden, wo etwa 16'000 Menschen leben, den Frauen das Stimmrecht auf Kantonsebene. swissinfo.ch hat mit Appenzellerinnen über die Gründe und die Entwicklung seither gesprochen. 

Dieser Inhalt wurde am 22. Januar 2021 - 09:00 publiziert
Benjamin von Wyl und Nora Hesse (Video), Appenzell

Maria Vitti glättet konzentriert die Haare ihrer Kundin, während sie erzählt, dass sie es den Männern nicht übelnimmt. "Sie haben nicht aus Trotz gegen die Frauen gehandelt", sagt sie, "Sondern aus Traditionsbewusstsein. Innerrhoden ist sehr traditionell."

Es scheint unfassbar: Noch vor gut 30 Jahren hat in Appenzell-Innerrhoden, wo etwa 16 000 Menschen leben, eine Mehrheit von Männern den Frauen die politischen Rechte verwehrt.

Ihr Vater konnte auch als Mann nicht mitreden – er war Italiener: Maria Vitti. swissinfo.ch

Zwar habe man zuhause diskutiert, wie der Herr an der reinen Männerversammlung stimmen soll. "In der Regel hat der Mann dann gemacht, was man daheim entschieden hat. Aber abzustimmen ist ein Grundrecht - und ausser Tradition gab es kein Argument, es den Frauen zu verwehren."

Selbst Vittis Vater fand das Nein zum Frauenstimmrecht damals unverständlich. Aber als Italiener war er ohne Mitspracherecht. Als dann Vitti vor knapp 20 Jahren den Schweizer Pass erhielt und sie erstmals "in den Ring" durfte, war das Frauenstimmrecht auch in Innerrhoden Normalität.

Von Vittis Friseursalon ist es nicht weit bis zum Landsgemeindeplatz. Das Jahr über dient er als Parkplatz. Im Frühling kommen hier an einem Tag tausende Appenzellerinnen und Appenzeller zusammen und stimmen über die politischen Geschicke ihres Kantons ab. Dicht an dicht stehen die Stimmberechtigten – ausser im Pandemiejahr. 2020 hatte man ausnahmsweise auch in Innerrhoden Abstimmungszettel ausgefüllt.

"Grüezi": Ob auf dem Platz oder vor dem Regierungsgebäude – die Gemeinde Appenzell ist wohl der einzige Kantonshauptort, in dessen Gassen Unbekannte von den Einheimischen gegrüsst werden. Die Einheimischen sprechen vom "Dorf".

swissinfo.ch-Serie zu 50 Jahre Frauenstimmrecht

Am 7. Februar 1971 sagten die Schweizer Männer Ja zum Frauenstimmrecht – 123 Jahre nach der Staatsgründung. Die Schweiz war somit eines der letzten Länder, welche das allgemeine Wahlrecht einführte. Das macht sie, die international gern als Modell der direkten Demokratie zitiert wird, zu einer jungen liberalen Demokratie.

SWI swissinfo.ch widmet dem unrühmlichen Jubiläum einen Schwerpunkt mit Textbeiträgen, Videos und Bilderstrecken.

Am 4. März organisiert SWI swissinfo.ch eine digitale Podiumsdiskussion zum Thema "50 Jahre nach dem Frauenstimmrecht: Alte Machtfrage, neue Kämpferinnen, neue Erfolge". Teilnehmerinnen: Marie-Claire Graf, Klimaaktivistin und UNO-Klimabotschafterin; Estefania Cuero, Spezialistin für Diversität und Menschenrechte sowie Regula Stämpfli, Politikwissenschafterin mit Spezialgebiet Macht.

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Anju Rupal lebte bereits Ende der 1980er-Jahre im "Dorf". Anfangs ohne das Demokratiedefizit zu erahnen. "Freundinnen schickten mir Auszüge aus New York Times und Guardian", erinnert sie sich. Die Britin mit indischen Wurzeln erfuhr vom fehlenden Frauenstimmrecht an ihrem Wohnort aus der internationalen Presse. Im Rückblick könne es naiv wirken, aber Rupal ging damals davon aus, dass in westlichen Demokratien alle das Stimmrecht hätten.

Wurde von ihren Freundinnen aus New York über die Appenzeller Rückständigkeit informiert: Anju Rupal. swissinfo.ch

In Innerrhoden sei sie schnell akzeptiert worden. Das liege an ihrer Art, aber auch daran, dass sie mit einem Appenzeller verheiratet ist. "In Appenzell fragt man immer, 'Zu wem gehörst du?'", erklärt Rupal. Haltungen wie diese seien wohl ein Faktor, weshalb die Männerbastion Frauen so lange ausschloss.

Gegen die Walt-Disney-Schweiz der Männer 

In der Schweizer Frauenbewegung spielt Innerrhoden nur marginal eine Rolle. National wurde das Frauenstimmrecht erst 1971 eingeführt – 65 Jahre später als im europäischen Vorreiter Finnland und zwölf Jahre nach dem Vorreiter-Kanton Waadt. Dies geschah mittels einer Volksabstimmung unter den männlichen Stimmberechtigten. Fast alle Kantone führten das Frauenstimmrecht spätestens im Folgejahr 1972 ein.

Da Rupal mit ihrer Hochzeit mit einem Mann aus Appenzell Innerrhoden den Schweizer Pass erlangte, war sie mit dabei, als die Appenzellerinnen erstmals an die Landsgemeinde durften. Wenn sie sich erinnert, wirkt sie noch heute euphorisiert: "Ich war so begeistert, dass ich mit beiden Händen abgestimmt hatte – an dem Tag waren das wohl die einzigen braunen Hände."

Einzig im benachbarten Appenzell-Ausserrhoden stimmte die Landsgemeinde der Einführung des Frauenstimmrechts ähnlich spät zu, nämlich1989. Während eine Petition der Ausserrhoder Frauen ans Schweizer Parlament ging, gab es aus Innerrhoden wenig national wahrgenommenes Engagement. Feministinnen aus den grossen Städten sprachen im Schweizer Fernsehen "von einem Stück Walt Disney" und vor Ort fehlte eine breite Frauenbewegung.

Als Ende der 1980er-Jahre die Frauenorganisation der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz ihre Jahresversammlung in Appenzell durchführte, stiess dies auf wenig Gegenliebe. Der Abwehrreflex gegen Eingriffe von aussen war in Innerrhoden gross. 

"Es war nicht 'in', für das Frauenstimmrecht zu sein – für Frauen wie für Männer": Agathe Nisple. swissinfo.ch

"Hier engagierten sich Einzelkämpferinnen wie Ottilia Paky-Sutter oder die Künstlerin Sibylle Neff, die während der Landsgemeinde aus Protest Teller aus dem Fenster warf", erzählt Agathe Nisple. Die grösste Aktion sei ein Inserat gewesen, in dem sich Innerrhoder Frauen zum Stimmrecht bekannten.

Wirtschaftlich unabhängig

Wegen des Erfolgs des Stickereihandwerks verfügten zwar viele hiesige Frauen bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert über das Haupteinkommen, so die Kunsthistorikerin Nisple. Die politische Sphäre blieb dennoch rein männlich. 

Die heute 65-jährige Nisple ist in Appenzell aufgewachsen, hatte aber die kleine Welt für Beruf und Studium zeitweise hinter sich gelassen. Auf nationaler Ebene gehört sie zur ersten Generation Schweizerinnen, die ihr Erwachsenenleben lang wählen und gewählt werden dürfen. In ihrem Heimatkanton dagegen konnte sie die Politik lange bloss rechtlos beobachten. "Jetzt sind es schon 30 Jahre – und andererseits erst 30 Jahre", verwirft die Appenzellerin die Hände.

Nachdem die Männer-Landsgemeinde im Frühling 1990 das Frauenstimmrecht erneut abgelehnt hatte, gingen Beschwerden mit etwa 100 Unterschriften ans Bundesgericht. Am 26. November 1990 hiess das höchste Schweizer Gericht diese einstimmig gut. 

Männer geistig im Schützengraben 

"Ich war dankbar für den Entscheid des Bundesgerichts", sagt Nisple, "sonst hätten wir vielleicht bis heute kein Frauenstimmrecht." So verfahren sei die Stimmung gewesen. 1990 waren im Appenzeller Kantonsparlament alle Männer dafür gewesen. Aber an der Landsgemeinde entschied die Männerversammlung anders. 

Die Landsgemeinde

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entschieden acht Kantone ihre Angelegenheiten an Landsgemeinden. Neben Glarus ist die Innerrhoder Landsgemeinde die letzte verbliebene. Im benachbarten Appenzell-Ausserrhoden stimmte eine Männermehrheit 1989 dem Frauenstimmrecht zu. Ausgerechnet dieser Entscheid habe das Vertrauen in diese Urform der direkten Demokratie bei vielen männlichen Landsgemeinde-Unterstützer und Frauenrechtsgegner so sehr erschüttert, dass er die Mehrheit für ihre Abschaffung Ende der 1990er-Jahre vorbereitete.

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Wie oft, wenn Männer anderen Geschlechtern Rechte, Räume und Positionen verwehren, argumentierten viele Stimmrechtsgegner nicht offen sexistisch. So hiess es etwa, der Versammlungsplatz sei zu klein, wenn auch die Frauen teilnehmen dürften.

In einer Fernsehdiskussion behauptete aber ein Gegner, die Landsgemeinde sei für Männer dasselbe wie der Muttertag für die Frauen. Dass nicht alle Frauen Mütter sind, hatte er nicht bedacht. Uns ist gar zu Ohren gekommen, dass die Tochter einer Stimmrechts-Befürworterin damals die Schule nur noch mit Polizeischutz besuchen konnte. 

Agathe Nisple ist immer offen für das Frauenstimmrecht eingetreten. "Schon in meiner Jugend haben Kollegen uns an Stammtischen gehänselt. Es sei unnötig, man brauche es nicht, sagten sie". Auf Provokationen habe sie immer konstruktiv und erklärend reagiert. "Manchmal frage ich mich, ob das richtig war."

Endlich: Die Landsgemeinde für beide Geschlechter

Die Premiere mit Frauen im "Ring" der Landsgemeinde verlief 1991 ohne Konflikte. "Das hat mich unheimlich überrascht – aber auch sehr gefreut," sagt Nisple. Etwa ein Drittel der 4000 Anwesenden waren Frauen. Nur ein einziges Mal hat eine von ihnen das Wort ergriffen.

"Mit seiner Stimme ist man ausgesetzt", sagt sie. "Es kostet Kraft, eine andere Meinung zu haben. Aber das gehört dazu." Jedes Argument auf dem Podium kann die Stimmung auf dem Platz kippen. Nisple liebt dieses Demokratie-Ritual bis heute. 

Ottilia Paky-Sutter – eine erste Vorkämpferin

Umgekehrt wie der Britin Anju Rupal erging es der Appenzellerin Ottilia Paky-Sutter. Die Vorkämpferin für das Frauenstimmrecht verlor wegen ihrer Hochzeit mit einem Österreicher 1947 den Schweizer Pass. Diese Erfahrung des Ausschlusses - als "Urappenzellerin" und Volksmusik-Star, der sie war – beförderten Pakys Politisierung.

1952 erhielten sie und ihre Familie gegen die Zahlung von 2500 Franken das Schweizer Bürgerrecht vor der Landsgemeinde zurück. Der Betrag entspricht etwa der Kaufkraft von heute 12'000 Franken. Aber die Erfahrung prägte Paky, die in Appenzell ein Trachtengeschäft geführt hat, ein Leben lang und machten sie zur streitbaren Fürsprecherin für’s Stimmrecht. Ende der 1970er-Jahre berief Paky Versammlungen ein, zu denen um die 60 Frauen kamen.

Ein verbreitetes Argument der Stimmrechtsgegner damals war, dass sie behaupteten, bloss zugezogene Frauen würden die politischen Rechte missen. Paky wollte mit einem Inserat, unter das möglichst viele Frauen ihren Namen setzten, dagegen vorgehen. Nachdem nur 25 dazu bereit waren, beendete Paky ihre Versuche eine Bewegung zu bilden.

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Im Rest der Schweiz gilt die Landsgemeinde vielen als vormodern. Durch die fixe Bindung an Zeit und Ort werden Kranke und Abwesende von der Stimmabgabe ausgeschlossen. Und natürlich sehen alle, wer wie abstimmt. Das Stimmgeheimnis als Grundvoraussetzung einer funktionierenden Demokratie ist also nicht gewahrt. Nisple dazu: "In Sachen Frauenstimmrecht war die Gruppendynamik sicher ein Faktor. Es war nicht 'in', für das Frauenstimmrecht zu sein – für Frauen wie für Männer." 

Anfang der 1990er-Jahre gründete sich das Frauenforum als Verein. Frauen wurden Richterinnen und Grossrätinnen. Ruth Metzlers Karriere – sie ist die wohl berühmteste Frau aus dem Minikanton – führte sie 1999 bis in den Bundesrat. Doch im Vergleich zur übrigen Schweiz blieb der Frauenanteil im dortigen Kantonsparlament bis heute ausserordentlich tief. 

Männerdominierte Öffentlichkeit  

Nur elf der 50 Mitglieder sind Frauen. Eine von ihnen ist Gerlinde Neff-Stäbler. In der Hauptgasse erzählt sie, wie sie diese vor gut 30 Jahren erlebte. An einem Mittwoch, einem "Mektig", wie es im Dialekt heisst. "Die Altstadt war rauchgeschwängert. Überall sassen sie mit Pfeifen und Stumpen und gingen ihren Geschäften nach: die Landwirte, die Viehhändler, die Müller und Mehlhändler."

"Es war ein völliger Männerauflauf": Gerlinde Neff-Stäbler. swissinfo.ch

Auch Frauen? "Frauen waren keine dabei. Ich kam da frisch aus Stuttgart und fragte mich, was das soll – ein solcher Männerauflauf war das." Neff-Stäbler kam aus der deutschen Grossstadt in die Ostschweiz, um als Krankenschwester zu arbeiten. Bald wechselte sie den Beruf und betrieb mit ihrem heutigen Mann, einem Appenzeller, eine Alpwirtschaft. 

Heute vertritt sie im Parlament die bäuerliche Fraktion. "Ich bin vom Charakter her gemässigt, keine vehemente Kämpferin." Wenn sie Bundestagsdebatten verfolge, sei sie froh, dass der Umgangston in ihrem Parlament freundlicher ist. "Aber ich bin überzeugt, dass es Frauen braucht, die laut vorangehen." Von den lauten Forderungen falle bis zur Umsetzung vieles weg. "Was bleibt, ist dann hoffentlich die Gleichstellung." 

Erst kürzlich habe ihr ein Mann gesagt, er habe an keiner Landsgemeinde mehr teilgenommen, seit es das Frauenstimmrecht gibt. "Noch immer gibt es Männer, die das nicht goutieren. Und noch immer gibt es Frauen, die nicht hingehen."

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