Wegen Corona-Pandemie: Für Schulunterricht zurück in die alte Heimat

Geschlossen: Wann das College in Fullerton in Kalifornien wieder öffnet, steht in den Sternen. So geht es Schulen in vielen US-Bundesstaaten Keystone / Eugene Garcia

Virtuell oder persönlich? An wie vielen Tage pro Woche? Auf der ganzen Welt fragen sich Eltern, wie der Unterricht ihrer Kinder im nächsten Schuljahr wohl aussehen wird. In der Schweiz sind die Schulen seit Mai wieder offen, die Lage scheint einigermassen übersichtlich. Auslandschweizer Familien erwägen deshalb eine Rückkehr in ihr Heimatland.

Dieser Inhalt wurde am 29. Juli 2020 - 11:55 publiziert

Vor 27 Jahren flog Doris S. für eine Reise in die USA. Sie lernte dort ihren Mann kennen und blieb. Heute lebt das Paar mit seinen beiden Kindern im Alter von 9 und 14 Jahren in Kalifornien.

Als die Pandemie in den USA ausbrach, wurden die Schulen geschlossen und der Unterricht online fortgesetzt. Die Kinder von Doris lernen seit Mitte März online. Und noch ist unklar, wann die Schulen in Kalifornien wieder öffnen.

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Noch bis vor rund zwei Monaten haben Doris und ihr Mann nicht daran gedacht, für die Ausbildung ihrer Kinder in die Schweiz zu ziehen, erzählt sie. Doch die Eltern erfuhren, dass der Gouverneur die Schulgelder kürzen könnte und dass öffentliche Schulen erwägen, für das Herbstsemester geschlossen zu bleiben.

Doris griff zum Telefon und rief ihren Vater in der Schweiz an. Die Familie begann, ihren Umzug in Doris' Heimat zu planen, damit die Kinder dort zur Schule gehen können.

Rückkehr für ein Schuljahr oder für immer?

Die Geschichten von Anne M. und Monica B. tönen ähnlich: Beide zogen vor vielen Jahren von der Schweiz in die USA und gründeten dort Familien. Und wie Doris ziehen auch sie nun in Betracht, für die Ausbildung ihrer Kinder in die Schweiz zurückzukehren.

Sowohl Anne als auch Monica sagen, dass die Pandemie für viel Unsicherheit sorge. Für die Kinder sei es schwierig, ihnen fehle der Kontakt mit Gleichaltrigen und der Online-Unterricht sei nicht sonderlich effizient.

“Sollten die Schulen beschliessen, mit dem Fernunterricht fortzufahren, dann macht es nicht mehr viel Sinn, hier zu bleiben", findet Anne. Sie würde allerdings nur vorübergehend in die Schweiz ziehen, Anne spricht von maximal einem Jahr.

swissinfo.ch

In Panama auf dem Trockenen

Clara G. lebt mit ihrer fünfjährigen Tochter in Panama. Sie arbeitet im Tourismussektor und ist zurzeit arbeitslos. Wie in den USA führte die Pandemie im zentralamerikanischen Land zu einem strengen Lockdown, die Schulen wurden geschlossen und die Menschen durften ihre Häuser kaum mehr verlassen.

Clara hatte bereits vor dem Ausbruch der Pandemie in Panama darüber nachgedacht, mit ihrer Tochter in die Schweiz zurückzukehren. Nun erwägt sie ernsthaft, ihrer Tochter eine Schweizer Ausbildung zu ermöglichen. Sollte sich Clara dafür entschliessen, wäre die Rückkehr in ihrem Fall endgültig.

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Aus Indonesien zum Studium an eine Schweizer Uni

Franco C. lebt in Indonesien. Auch er denkt an eine dauerhafte Rückkehr aus seiner Wahlheimat. Der Tessiner ist dort ebenfalls im Tourismussektor tätig. "Es ist schwierig zu entscheiden, was für meinen Sohn und dessen Ausbildung das Beste ist", sagt Franco

Schweizer Schulen während der Pandemie

Am 13. März beschloss die Schweizer Regierung die landesweite Schliessung sämtlicher Schulen. Obligatorische Schulen (Primarschulen und Schulen der Sekundarstufe I, mit Schülern und Schülerinnen im Alter von 6 bis 15 Jahren) kehrten nach der Wiedereröffnung am 11. Mai grösstenteils zum normalen Unterrichtsbetrieb in vollen Klassenzimmern zurück.

Schüler und Schülerinnen in nicht-obligatorischen Schulen wie Berufsschulen und Gymnasien durften ab dem 8. Juni in die Klassenzimmer zurückkehren, aber vorerst nur in kleinen Gruppen. Viele Schulen setzten den Fernunterricht deshalb bis zu den Sommerferien fort.

Die Kantone, die in der Schweiz für Bildungsfragen zuständig sind, müssen nun entscheiden, unter welchen Bedingungen die Schulen für das nächste Schuljahr geöffnet werden.

Als erster Kanton kündigte Luzern Mitte Juli an, dass ältere Schüler und Schülerinnen sowie Lehrpersonen nach den Sommerferien voraussichtlich Hygienemasken tragen müssen. Der Kanton Tessin plant eine Maskenpflicht für alle Lehrpersonen in den Gängen und im Lehrerzimmer, nicht aber im Unterricht. Schüler und Schülerinnen sollen keine Masken tragen müssen.

Auch das Anmeldeverfahren für öffentliche Schulen in der Schweiz wird von den Kantonen geregelt. Wer seine Kinder auf eine öffentliche Schule schicken will, muss sich also mit den kantonalen Schulbehörden in Verbindung setzen.

Hier finden Sie mehr Informationen zum Schweizer Bildungssystem.

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Sein Sohn ist 18 Jahre alt und hat gerade das Gymnasium abgeschlossen. Franco überlegt sich deshalb, ob dieser ein Studium an einer Schweizer Universität in Angriff nehmen soll. Der Plan wäre, bis zum Abschluss in der Schweiz zu bleiben.

"Schweizer wandern Tag und Nacht"

Aber was würde ein Umzug in die Schweiz für die Kinder bedeuten? "Mein jüngster Sohn denkt, dass in der Schweiz alle rund um die Uhr wandern", sagt Doris und lacht. Ihre wie auch die anderen Kinder kennen ihre zweite Heimat aus Ferien und aus Geschichten. Die Eltern hoffen, dass ihre Kinder durch den Umzug ihre helvetischen Wurzeln sowie die Kultur des Landes besser kennen lernen.

Der Umzug bedeutet für die Kinder auch, dem Unterricht in einer neuen Sprache zu folgen. Das sollte aber kaum ein Problem sein, denn die Kinder von Doris und Monica besuchten auch in den USA zweisprachige Schulen. Und Clara und Franco sprechen mit ihren Kindern in ihrer Schweizer Muttersprache. Die Kinder von Anne besuchten eine deutsche Sommerschule.

Alle Familien wollen ihre Kinder in der Schweiz in eine öffentliche Schule schicken. Für Franco und seinen Sohn wird die Sprache bei der Wahl der Universität eine Herausforderung sein: "Mein Sohn spricht Englisch und Italienisch. Studiengänge in einer dieser Sprachen zu finden, wird nicht einfach", sagt er.

Es droht die Trennung

Während sich die anderen noch nicht entschieden haben oder den Umzug am planen sind, ist Doris mit ihrer Familie bereits in der Schweiz. Sie fand eine Wohnung in einer Stadt im Kanton Zürich, in der Nähe von Freunden und Verwandten. Sobald die zehn Tage Quarantäne vorüber sind, wird sie sich um die Planung des Schuljahrs ihrer Kinder kümmern.

Als Doris noch in den USA war, hatten die Schweizer Schulämter ihre Dienste ferienhalber bereits eingestellt. Also entschied sie sich, zuerst zu reisen und dann von der Schweiz aus Kontakt mit den Schulen aufzunehmen.

Ihr Ehemann wird zur Arbeit in die USA zurückkehren müssen. Und während seiner Ferien wird er kaum in die Schweiz reisen können. Das heisst, dass die Familie für eine Weile getrennt leben wird. Doris hofft, dass sie im Notfall einen Weg finden würden, um sich zu treffen.

Auch Anne und Monica machen sich Sorgen wegen einer möglichen Trennung der Familie. So kann Monica beispielsweise nicht über mehrere Monate im Homeoffice arbeiten. Entscheidet sie sich für den Umzug in die Schweiz, müsste sie ihren Mann deshalb alleine zurücklassen. "So lange getrennt zu sein, wäre nicht einfach", sagt sie.

Franco und Clara machen sich Sorgen mit Blick auf ihre berufliche Situation in der Schweiz. Sie rechnen damit, dass es schwierig sein wird, Arbeit in der Tourismusbranche zu finden. Nach einer so langen Zeit im Ausland stellen sie sich eine Rückkehr in die Schweiz grundsätzlich nicht einfach vor. Für den Fall, dass es nicht klappen sollte, "werde ich mir die Türe zurück nach Panama auf jeden Fall offen halten", sagt Clara.

(Übertragung aus dem Englischen: Kathrin Ammann)

Einladung zum virtuellen Gespräch: Wie ist die Schweiz Teil Ihrer Identität im Ausland?

Am 1. August feiert die Schweiz ihren Geburtstag. Zu diesem Anlass möchten wir mit Ihnen darüber diskutieren, was es bedeutet, Schweizerin oder Schweizer im Ausland zu sein. Wie wird die Schweiz in Ihrem Aufenthaltsland wahrgenommen? Wie geben Sie Ihre Schweizer Identität Ihren Kindern weiter? Karin Wenger, Radiokorrespondentin von SRF in Südost-Asien und langjährige Auslandschweizerin, diskutiert am 29. Juli um 15 Uhr (MEZ) mit uns über diese und weitere Fragen.

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Gerne dürfen Sie uns Ihre Fragen oder Ideen auch im Vorfeld senden: emilie.ridard@swissinfo.ch.

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