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Die Babyboomer werden alt – jetzt droht eine Lücke in der Care-Arbeit

Grossvater mit Enkelin im Museum vor einem Gemälde
Ein Museumsbesuch des Grossvaters mit seiner Enkelin. Dass die älteste Generation auf die jüngste aufpasst, ist eine Schweizer Realität. Die geleistete Betreuung summiert sich auf jährlich über 8 Milliarden Franken. Thomas Kern

Betreuen und Betreut-Werden: Ab der zweiten Lebenshälfte spielt sich vieles zwischen diesen beiden Polen ab. Einen grossen Teil der Care-Arbeit übernehmen bisher Angehörige. Doch die Pensionierung der Babyboomer bringt das System ins Wanken.

Statistiken zeigen: Ältere Menschen kümmern sich überdurchschnittlich oft um andere, vorab um Enkelkinder, aber auch um Eltern oder Lebenspartner:innen. Wie dereinst die Pflege und Betreuung dieser heutigen Jungrentner:innen selbst aussehen soll und von wem sie geleistet wird, gehört jedoch zu den grossen Fragen der Alterspolitik vieler westlicher Gesellschaften.

Auch in der wohlhabenden Schweiz wird die Versorgung von Betagten bisher zu einem grossen Teil von Angehörigen und vom Umfeld übernommen. Freiwillige haben 2020 laut dem Bundesamt für Statistik fast 74 Millionen Stunden unentgeltliche Betreuungs- und Pflegearbeit geleistet.

Das entspricht einer Arbeitsleistung von knapp 3,4 Milliarden Franken und übertrifft jene der Spitex-Organisationen. Die Leistung dieser professionellen ambulanten Pflege und Gesundheitsversorgung betrug im gleichen Jahr knapp 3 Milliarden Franken.

Zwischen Moral und Machbarkeit

Dass Angehörige derart viel schultern – das dürfte nicht so bleiben, finden Altersforscher wie François Höpflinger. Grund dafür ist nicht der gerne beklagte Zerfall der Familie. „Der Generationenkitt im engsten Verwandtenkreis ist nach wie vor intakt“, schreibt er Höpflinger im Buch “Generationenungerechtigkeit überwinden” des Think Tanks Avenir Suisse. Die Hilfsbereitschaft in der Familie bleibe bestehen.

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Der „implizite Generationenvertrag“, also die gesellschaftliche Erwartung, sich um die eigenen Kinder und Grosskinder beziehungsweise Eltern oder Partner zu kümmern, sei in der Schweiz stark verankert, sagt auch Carlo Knöpfel, Professor für Sozialpolitik und Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz. „Die meisten Menschen wollen dieser moralischen Verpflichtung nachkommen – aber sie stossen oft rasch an ihre Grenzen.“

Ältere Menschen in der Schweiz leisten häufiger Freiwilligenarbeit als der Durchschnitt der Bevölkerung. Etwa die Hälfte aller Personen zwischen 55 und 74 Jahren engagieren sich formell oder informell, wie es in einer Zusatzauswertung der Beisheim Stiftung zum Freiwilligenmonitor Schweiz 2020 heisst.

Zur informellen Freiwilligenarbeit gehören vor allem die Betreuung von Enkelkindern, aber auch die Pflege von Angehörigen. 40% aller Grosseltern hüten hierzulande mindestens einmal pro Woche ihre Enkelkinder; zählt man auch jene Älteren dazu, die ab und zu oder in den Ferien zu ihren Grosskindern schauen, kommt man laut Bundesamt für Statistik sogar auf über 70%.

Diese Enkelkinderbetreuung summiert sich auf rund 160 Millionen Stunden pro Jahr, was einem Gegenwert von 8,2 Milliarden Franken entspricht. Die Betreuung der Enkel durch die Grosseltern habe auch mit dem Ausbau von institutionellen Angeboten nicht an Bedeutung verloren, konstatierten Heidi Stutz und Silvia Strub im Bericht “Familien in den späteren Lebensphasen” aus dem Jahr 2006 – wobei Fachleute bestätigen, dass sich daran bis heute nichts grundlegend geändert hat.

Erbracht werde die Betreuungsarbeit vor allem von den Grossmüttern: Sie übernähmen fast vier Fünftel der gesamten Hütezeit und leisteten den grössten Einsatz in der Regel, noch bevor sie 65 Jahre alt seien – dann also, wenn die Enkelkinder noch klein sind, die Grossmütter aber auch selbst häufig noch im Arbeitsleben stehen.

Denn in der Gesellschaft haben sich einige Parameter fundamental verändert: Die durchschnittliche Familie hat heute noch ein bis zwei Kinder; viele Erwachsene, die jetzt in Rente gehen, sind kinderlos. Die Sorge für den betagten Vater oder die gebrechliche Schwiegermutter verteilt sich nicht mehr auf gleich viele Schultern wie früher.

Grossmutter mit grosskind am spielen
40 Prozent aller Schweizer Grosseltern hüten mindestens einmal pro Woche ihre Enkel. Gaetan Bally/Keystone

Die Mehrheit der Frauen in der Schweiz – die seit jeher den Löwenanteil der sogenannten Care-Arbeit erbringen – ist heute erwerbstätig und kann oder will vielleicht auch nicht mehr gleich viel Zeit für die Unterstützung von Angehörigen aufbringen.

Zudem hat die Distanz zwischen den Wohnorten der verschiedenen Familienmitglieder zugenommen; die erwachsenen Kinder leben oft nicht mehr um die Ecke oder in derselben Stadt, was regelmässige Hilfe erschwert.

Schliesslich wird die demographische Alterung deutlich an Fahrt aufnehmen. Das liegt nicht nur an der Lebenserwartung, die weiter steigt, sondern vor allem an den geburtenstarken Jahrgängen der Nachkriegszeit. Die Babyboomer gehen gegenwärtig in Rente und zählen in zwanzig Jahren zu den Betagten.

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Mit ihnen verlagern sich die Anteile in den verschiedenen Altersgruppen markant. Die Zukunft von Pflege und Betreuung wird nachhaltig verändert – nicht zuletzt auch durch die Werthaltungen dieser Generation: “Die meisten möchten nicht, dass sich dereinst ihre Kinder oder Grosskinder um sie kümmern müssen”, sagt Knöpfel im Gespräch. “Sie erwarten diese Unterstützung vom Sozialstaat oder von privaten Anbietern.”

Der immer längere Übergang

Senior:innen, so lautet eine viel gehörte Prognose, werden ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit künftig noch entschlossener bewahren wollen, als dies schon heute der Fall ist. Und das heisst vor allem: möglichst lange zuhause zu wohnen.

“Dass Menschen in der Schweiz immer älter werden, bedeutet nicht automatisch längere Pflegebedürftigkeit”, sagt Knöpfel. Schliesslich leben die Menschen auch oft länger ohne grosse Beschwerden und Einschränkungen als früher.

Allerdings werde in Zukunft der Übergang vom dritten zum vierten Alter länger, zu jener Phase also, in man fragiler wird und anfälliger für Gebrechen. “Gute und frühe Betreuung wird darum noch viel wichtiger.” Sie trage entscheidend dazu bei, dass ältere Menschen möglichst lange zu Hause wohnen können.

Was aber ist eigentlich Betreuung? Im Gegensatz zur Pflege sei der Begriff in der Schweiz weder rechtlich noch inhaltlich geklärt, kritisiert Knöpfel. Häufig wird unter Betreuungsaufgaben das verstanden, was nicht explizit Pflegeleistungen sind: Von der Unterstützung im Haushalt bis zur sozialen Zuwendung: dass man mit der Nachbarin zu Mittag isst, dem betagten Schwiegervater hilft, die Wäsche zu machen, oder der Mutter zeigt, wie Onlinebanking funktioniert.

Fehlanreiz im Schweizer System

In der Alterspolitik der Schweiz ist Pflege ein zentrales Thema. Die künftige Ausgestaltung von Betreuung kommt bisher jedoch kaum zur Sprache. “Die Gesellschaft wird künftig aber einen Teil der Betreuungsarbeit finanzieren müssen, die heute gratis durch Familienangehörige, Freunde, Nachbarn und Freiwillige erbracht wird”, heisst es in einem Bericht der Paul Schiller Stiftung, dem eine Studie von Knöpfel, Riccardo Pardini und Claudia Heinzmann zugrunde liegt.

Während öffentliche, gemeinnützige Spitex-Organisationen vor allem pflegerische und somit kassenpflichtige Aufgaben erbringen, werden Betreuungsdienstleistungen bisher meist von privaten Spitex-Unternehmen angeboten und können nicht über die Krankenkasse abgerechnet werden. “Das können sich längst nicht alle Menschen leisten”, sagt Knöpfel, der lange Geschäftsleitungsmitglied von Caritas Schweiz war. “Es braucht mehr auf Bundesebene mitfinanzierte Angebote.”

Das sei auch im Interesse der Politik, denn damit könne der Übertritt in eine stationäre Alterseinrichtung – deren oft ungedeckte Betreuungskosten der Staat trägt – verzögert oder vermieden werden, ist Knöpfel überzeugt. Gemeinsam mit der Paul Schiller Stiftung fordert der Alters- und Armutsforscher deshalb ein gesetzlich verankertes Anrecht auf Betreuung.

Im Jahr 2018 lancierte die nationalrätliche Kommission für Gesundheit und Soziale Sicherheit die Motion Ergänzungsleistungen für betreutes Wohnen, die inzwischen vom Parlament an den Bundesrat überwiesen wurde. Es wird darin eine Gesetzesänderung zur Finanzierung von betreutem Wohnen über die Ergänzungsleistungen gefordert, mit denen der Staat schlecht gestellte Rentenbezüger:innen unterstützen soll.

Heute, so die Argumentation, gibt es einen Fehlanreiz im System. Viele Menschen würden trotz relativ geringem Pflege- und Betreuungsaufwand im Heim leben, obwohl sie eigentlich in der eigenen Wohnung verbleiben könnten – denn die Finanzierung analog der aktuellen Gesetzgebung reiche meist nicht aus, um die entsprechenden Kosten der Betreuung abzufangen.

Die Antwort des Bundesrates steht noch aus. “Eine Professionalisierung der Betreuung bedeutet keinesfalls, dass aus der Pflege noch mehr herausgepresst werden soll”, betont Knöpfel. “Es geht darum, Betreuung breiter zu verstehen, dass sich Organisationen wie die Spitex neu erfinden und neue Soziale Berufsfelder erschliessen.”

Familie bleibt ein Faktor

Damit wir in Würde altern können, werden wir auch in Zukunft auf Familie und Freunde angewiesen sein. Die professionelle Betreuung wird stets Ergänzung zur informellen Begleitung und Unterstützung bleiben. Eine komplette Professionalisierung der Betreuung älterer Menschen sei weder wünschenswert noch finanziell und personell möglich, sagt Knöpfel. „Betreuung und Pflege bleiben ein Zusammenspiel verschiedenster Akteurinnen und Akteure.“

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