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"Dürrenmatt benutzt den Krimi, um die Schuld der Schweiz anzuprangern"

Monique Jacot/Keystone

Friedrich Dürrenmatt hat eine Handvoll Kriminalromane hinterlassen. Einige davon wurden als Fortsetzungsromane in Zeitschriften publiziert, heute sind sie Schulliteratur. Die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat sie für uns nochmal gelesen.

Dieser Inhalt wurde am 05. Januar 2021 - 13:00 publiziert
David Eugster

Am 5. Januar jährt sich der 100. Geburtstag des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt, vor wenigen Wochen gedachte man seiner anlässlich seines 30. Todestages. Dürrenmatt gilt als einer der grossartigsten Schriftsteller der deutschsprachigen Schweiz im letzten Jahrhundert – manche nennen ihn in seiner fröhlichen Abgründigkeit in einem Atemzug mit Grössen wie Franz Kafka.

Anlässlich der Jubiläen verfolgen wir den Weltruhm des Theaterstücks "Der Besuch der alten Dame", und beleuchten die Handvoll Kriminalromane, die Dürrenmatt, angeblich aus Geldnot, um 1950 verfasst hat, neu.

Der bekannteste davon ist "Das Versprechen", der 2003 von Sean Penn verfilmt wurde.  Dazu haben wir mit Elisabeth Bronfen gesprochen. Die Literaturwissenschaftlerin, die an der Universität Zürich und der New York University unterrichtet, kennt sich mit Mord und Totschlag in der Kultur bestens aus.

Von ihr wollen wir wissen, welcher internationaler Traditionen Dürrenmatt sich bedient und warum seine Fälle von knorrigen Kommissaren aus dem Berner Oberland auch 2020 noch von einem nicht-schweizer Publikum gelesen werden können.

Was macht einen Krimi aus? Die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen beschäftigte sich lange mit dieser Frage. © Severin Bigler/ch Media

swissinfo.ch: Warum hat sich das Genre des Kriminalromans, der Erzählung über Morde zu einer der beliebtesten Unterhaltungsgenres gemausert?

Elisabeth Bronfen: Ihre gesellschaftliche Funktion zeigten die ersten Kriminalgeschichten im 19. und frühen 20. Jahrhundert wohl am deutlichsten:  Ein Mord findet statt, eine begrenzte Anzahl Menschen sind verdächtig. Nach den Ermittlungen ist nur einer des Mordes schuldig – doch auch das Opfer ist nicht unschuldig. Es geht beim Krimi nicht nur darum, die Schuld des Mörders offen zu legen, sondern auch darum, dass die Ermordung nicht zufällig ist, sondern notwendig.

Solche Geschichten liefern einen Katharsis-Effekt, den man vom antiken Drama kennt: Die Gemeinde reinigt sich durch den Tod des Opfers und die Bestrafung des Täters von der Schuld – eine klassische Sündenbockgeschichte.

Diese Reinigung vollzieht sich bis heute auch für die Fernsehzuschauerinnen von Krimis?

Genau. Doch neben diesen moralischen Kammerspielen entstand eine zweite Linie des Kriminalromans, die Tradition des amerikanischen hard-boiled Krimis. Das beginnt mit dem linken Dashiell Hammett: Er benutzt Kriminalliteratur um auf Verbrechen im Polizeisystem und Korruption in der Politik hinzuweisen.

Die Kriminalgeschichte wird hier zur Chiffre für alles, was in der, in den meisten Fällen, kapitalistischen Kultur nicht stimmt. Diese Linie kann man bis zum heutigen Nordic Noir ziehen, also diesen wahnsinnig beliebten Krimis aus Schweden und Dänemark, die auch primär der Gesellschaftskritik dienen.

Verfolgt Dürrenmatt in seinen Kriminalromanen mit seiner Beschreibung der idyllischen, kriegsverschonten Schweiz nicht auch dieses Rezept – hat er so was wie Swiss Noir produziert?

In gewissem Sinne ja. Aber es fehlt, um Dürrenmatt zu verstehen, noch ein Puzzleteil: Der Einfluss der französischen Serie Noir. Bei den Amerikanern hat man zunächst diese Stereotypen: der good cop, der bad cop, die Femme Fatale, verruchte Söhne, die ganz grossen Fragen nach Schuld, Sühne und Trauma – das hat was Existenzialistisches.  Zugleich schreiben die hard-boiled Krimis in einer sehr rauen Form über die amerikanischen Städte der 1940er- und 1950er-Jahre. Die französische Serie Noir, in der auch Georges Simenon herausgegeben wurde, übernimmt diesen Existenzialismus, lässt aber den Realismus weg: Die Franzosen machen aus dem Kriminalroman wieder etwas Allegorisches. Wenn man das Wort "allegorisch" nicht mag, könnte man auch sagen: Der Krimi liefert die Mythologie der modernen Gesellschaft.

Selbstporträt Friedrich Dürrenmatt SLA/CDN

Dürrenmatt ist ein Hybrid zwischen all diesen Formen. Er verfolgt keinen schmutzigen Realismus, eine gesäuberte Schweiz dient seinen Romanen als Kulisse, aber er will aufklären – er benutzt den Krimi, um die Brutalität des Spiessertums und insbesondere die Schuld der Schweiz im Zweiten Weltkrieg anzuprangern.

In "Der Verdacht" ermittelt der Kommissar gegen einen Schweizer, der während des Zweiten Weltkriegs in den Konzentrationslagern grausame Experimente durchgeführt hat und zurück in der Schweiz als Sanatoriumsarzt sein Unwesen treibt –  mithilfe eines mordenden Kleinwüchsigen, einer morphiumsüchtigen Ex-Kommunistin und einer Krankenschwester, die aus christlichen Motiven Menschen ins Jenseits befördert. Das hat etwas von der Effekthascherei eines B-Movies.

Interessant. Lassen Sie mich etwas ausholen. Wenn man Dürrenmatt jetzt liest, hat man so einen Doppelblick: Einerseits wirkt das altmodisch…

Wo sehen Sie das?

Man spürt in der Art wie die Leute reden, wie sie sich bewegen. Dass diese Bücher in den 1940ern und 1950ern geschrieben wurden, insbesondere der Blick auf die Frauen ist oft, man muss es sagen, bieder. Das hat alles etwas Betuliches, es gibt bei Dürrenmatt keine Exzesse – das ist sehr eng, sehr klein. Dazu kommt dieses  Idealisierende, immer wenn Kommissär Bärlach durch die Berner Landschaft fährt. Wenn er Zürich besucht, ist ihm das zu laut, da ist ihm zu viel Verkehr. Da denkt man als Leserin: Entschuldigung, meint er tatsächlich das ruhige Zürich in den 1950er Jahren? Andere Krimis spielten damals in Grossstädten wie New York, San Francisco, Los Angeles, oder auch Paris.

Ich möchte Dürrenmatt vielleicht trotzdem kurz retten…

Das tue ich doch gerade auch! Denn – das wollte ich noch sagen – ich finde ihn auch erstaunlich präzise in der Kritik an seinem Land. Es gibt keine Weite. Es gibt in "Im Richter und sein Henker" nur zwei Strassen, die zum Haus des Bösewichts führen. Wenn der Kommissär weiss, welche er nicht genommen hat, kann es nur die andere sein – und schon ist der Fall klar. Im amerikanischen Noir können Leute in Grossstädten untertauchen oder mit dem Auto von L.A. nach Tijuana fahren und in Mexiko verschwinden – bei Dürrenmatt kommt man noch nicht mal aus der Deutschschweiz raus. Er inszeniert und entlarvt auch, wie eng diese Schweiz ist, mit den Bergen drumherum. Deswegen würde ich auch den "Verdacht" mit seinem beschränkten Personal nicht als effekthascherisch bezeichnen: Es ist vielleicht ein etwas skurriler, aber eigentlich dramaturgisch extrem genau geplanter Versuch der Vergangenheitsbewältigung, vor der kleinen Bühne eines Krankenhauses, eines Seziertischs.

Sehen Sie die Vergangenheitsbewältigung auch in seinen anderen Krimis?

Dürrenmatt geht es insbesondere in seinen Krimis darum, dass man die Leichen sieht, die im Wohlstand begraben sind, insbesondere die Nazi-Toten. Im "Verdacht" ist das offensichtlich, aber auch beim "Richter und sein Henker" geht es um einen, der mit den Nazis Geschäfte gemacht hat und in "Das Versprechen" kommt man schnell darauf, dass es hier um die Blindheit geht, mit der die Schweizer den Zweiten Weltkrieg durchlebt haben.

Inwiefern?

Der Roman endet mit dem Geständnis der Ehefrau des Kindermörders, den der Kommissar das ganze Buch hindurch jagt. Dürrenmatt lässt diese Frau am Schluss, auf dem Sterbebett gestehen, dass sie immer von den Morden ihres Mannes wusste, und immer dachte, na, das macht er sicher nicht wieder. Sie ist die Komplizin – und man merkt beim Lesen: Das ist die Schweiz. Die Schweizer wussten im Zweiten Weltkrieg eigentlich vieles und liessen es geschehen.

Das Buch entstand ja ursprünglich als Drehbuch für einen deutschen Film mit dem Titel "Es geschah am helllichten Tag" (1958)  - erst später hat er es umgeschrieben. Im Gegensatz zum Film ist im Buch auch der Ermittler eine moralisch schwierige Figur: Kommissär Matthäi benutzt ein kleines Kind als "lebenden Köder", um einen Sexualverbrecher anzulocken.

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Bereits im "Richter und sein Henker" spielt der Kommissar mit dem Verbrecher und benutzt ihn. Diese Verbissenheit in die Gerechtigkeit kommt schon aus der amerikanischen Tradition, wo das Ziel die Aufklärung des Verbrechens ist, egal mit welchen Mitteln. Heute ist das zu einem Gemeinplatz geworden, nicht nur in Krimis: Damit man Verbrecher verstehen kann, muss man stückweise auch ein Stück Verbrecher sein. Das wird auch bei Dürrenmatt deutlich.

Dürrenmatt schreibt im Buch "Das Versprechen" ja aggressiv gegen den Film an, für den er das Drehbuch verfasst hat. Warum?

Man hat in der Filmgeschichte sehr oft den Fall, dass die Literatur viel härter ist, während die Verfilmung einen versöhnlichen Schluss findet. Aber Dürrenmatt schreibt in seiner Buchversion gegen diese Verharmlosung an: In der Verfilmung mit Heinz Rühmann wird das Kind, das er als Köder einsetzt, gänzlich geschont, der Kindermörder wird mit einer Schaufensterpuppe in die Falle gelockt. Der Protagonist endet nicht in der Verzweiflung. Auch das Geständnis der Frau fehlt, das Element des tatenlosen Hinsehens fehlt.

Das fehlt auch in einer neueren Verfilmung von Sean Penn, "The Pledge" (2003). Hätte sich Dürrenmatt über die auch geärgert?

War der Film von 1958 viel harmloser als Dürrenmatts Vorstellung, ist dieser viel härter: Man sieht die Brutalität, die dem Mädchen angetan wurde.  Der Kommissar muss der Mutter des Opfers auf ein Kreuz beschwören, dass er den Verbrecher findet, der Ermittler hört Stimmen, er ist besessen von seinem Auftrag. Das Versprechen gerät hier in den Kontext dieses radikalen Evangelismus. Ein "Pledge" ist nicht nur ein "Promise", es ist auch eine Verbürgung. Gerade deswegen glaube ich, dass diese Verfilmung Dürrenmatt sehr gut gefallen hätte: Ihn interessiert, wie eine Figur an einem Versprechen zerbricht.

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Wie passt die von Ihnen beschriebene Kleinheit Dürrenmatts in die Weiten der USA?

Der Ort, an dem der Film spielt, hat ja so ein bisschen etwas Schweizerisches an sich – er spielt in Nevada, hoch oben in den Bergen. Doch es kommt Dürrenmatt zugute, dass das Buch vom Theater her gedacht ist: Es gibt wenige Figuren, die Handlung ist zwingend und stringent.  Gerade durch ihre Beschränktheit, ihre Kleinheit haben Dürrenmatts Romane eine absolute Klarheit, verfügen über Konstellationen, die man auch an andere Orte versetzen kann. Ich interessiere mich ja dafür, wie kulturelle Dinge international wandern,Externer Link wann und auch warum sie überhaupt wandern können. Und bei Dürrenmatt können thematische Anliegen und Figuren-Konstellationen wandern. Ins einen Texten gibt es Stoffe, die man aufnehmen und umwandeln kann. Das hat etwas Archetypisches.

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