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Massenentlassungen In Massen Entlassene sind weniger stigmatisiert

Der robuste Schweizer Industriesektor vermag vor allem jüngere Betroffene von Massententlassungen wieder zu beschäftigen.

(Keystone)

Wer im Schweizer Industriesektor von einer Massenentlassung betroffen ist, hat gute Chancen, rasch eine neue Stelle zu finden, sagen die Autoren einer noch unveröffentlichten Studie der Universität Lausanne. Über-55-Jährige aber haben es schwerer.

UBS, Swisscom, Merck Serono, Lonza…, die Reihe der Unternehmen mit Massenentlassungen könnte problemlos verlängert werden. 2012 verschwanden in der der Schweiz rund 10'000 Stellen. Nicht nur Abteilungen wurden geschlossen, sondern auch ganze Betriebe. Darüber kann auch die Arbeitslosenquote von 2,9% - die tiefste Europas – nicht hinweg täuschen.

Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) haben Daniel Oesch und Isabel Baumann von der Uni Lausanne die Chancen und Perspektiven von Mitarbeitern, die in Massenentlassungen auf die Strasse gestellt wurden, genauer untersucht. Dafür haben sie fast 750 Betroffene befragt. Sie hatten zur Belegschaft von fünf Industriebetrieben gehört, die 2010 ihre Tore geschlossen hatten. Gegenüber swissinfo.ch gibt Daniel Oesch erste Ergebnisse bekannt.

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swissinfo.ch: Was hat Sie an Ihren Untersuchungen am meisten überrascht?

Daniel Oesch: Zwei Drittel der Betroffenen haben trotz schwierigem Umfeld in der Exportindustrie, Stichwort starker Franken, in weniger als zwei Jahren eine neue Stelle gefunden. Nur 17% sind immer noch ohne Arbeit, während 11% in Frühpension gingen.

Über 70% der Männer und 60% der Frauen fanden wieder einen Job in der Industrie, während wir von einem grösseren Transfer in den Dienstleistungssektor erwarteten.

80% erhielten Dauerstellen, oft zu gleichen oder gar besseren Lohnbedingungen. Dies unterstreicht die gute Verfassung des Schweizer Industriesektors.

swissinfo.ch: Haben Betroffene einer Massenentlassung bessere Perspektiven als solche, die einzeln entlassen wurden? 

D.O.: Wer Opfer einer Massenentlassung wird, dessen berufliche und soziale Kompetenzen werden nicht angezweifelt. Die Stigmatisierung ist also geringer.

Macht ein Betrieb dicht wie etwa im Fall von Merck Serono in Genf, ergibt sich für die Konkurrenz die Möglichkeit, sich von einem Tag auf den anderen hochqualifiziertes Personal zu verstärken. Teils wechseln so ganze Abteilungen, manchmal sogar mit Maschinen, den Arbeitgeber.

swissinfo.ch: Sind Massenentlassungen also besser als ihr Ruf? 

D.O.: Kollektiventlassungen sind eine Folge des Strukturwandels des Arbeitsmarktes. In den OECD-Ländern verschwinden jedes Jahr rund 20% der Stellen, die aber in anderen Firmen und Branchen wieder geschaffen werden. Der Mitarbeiter aber, der sich 10 oder 20 Jahre für seine Firma eingesetzt hat und plötzlich ohne Vorwarnung rausgeworfen wird, fühlt sich verständlicherweise verraten.

Die meisten finden zwar eine andere Arbeit, wie unsere Studie zeigt. Aber sie machen eine monatelange, von Ängsten und Nöten geprägte Stresssituation durch, die ernsthafte Folgen für die Gesundheit haben kann. Vergessen wir aber nicht jene, die nach dem Ende der Bezugsdauer für die Arbeitslosenunterstützung ausgesteuert werden. 

Leben nach der Massenentlassung

Daniel Oesch und Isabel Baumann von der Uni Lausanne untersuchten die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Schliessung 2010 von fünf grossen Schweizer Industriebetrieben auf das Leben der entlassenen Mitarbeiter.

Von 1200 kontaktierten Betroffenen haben 750 an der Befragung mitgemacht.

Die Betriebe stammten aus den Bereichen Maschinen, Metallbearbeitung, Kunststoffe, Chemie und Druckerei.

Die Zahl der Angestellten hatte zwischen 170 und 550 Personen betragen.

Massenentlassungen sind in vier Artikeln des Schweizer Obligationenrechts (OR) geregelt.

Demnach ist der Arbeitgeber verpflichtet, bei Entlassung von mehr als 10% des Personals die Angestellten zu konsultieren. Das OR sagt aber nichts über die Dauer dieses Verfahrens aus.

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swissinfo.ch: Welche Entlassenen sind am meisten von diesem Schicksal betroffen?

D.O.: Zu unserer Überraschung erwies sich das Alter als Nachteil, der viel entscheidender ist als ein Mangel an Bildung oder der Aufenthaltsstatus. Von den Über-55-Jährigen hatte rund ein Drittel auch nach zwei Jahren keine neue Stelle.

Es ist paradox: Firmen beschäftigen viele ältere Mitarbeiter, weil sie gut arbeiten. Einmal ohne Arbeit, sind solche aber stigmatisiert. Die Logik interner Karrieren, die auf Treue gegenüber dem Arbeitgeber setzt, scheint bei dieser Alterskategorie von Arbeitslosen ausser Kraft. 

Die grössten Massenentlassungen 2012

UBS (Bank): 2500 Stellen gestrichen

Merck Serono (Chemie/Pharma): 580

Lonza (Chemie): 400

Swisscom (Kommunikation): 400

Credit Suisse (Bank): 300

Hewlett-Packard (IT): 232

Tornos (Werkzeugmaschinen): 225

Lufthansa Basel (Airline): 222

SBB-Cargo (Logistik): 200

Greatbatch Medical (medizinische Geräte) :180

Sunrise (Kommunikation): 140

Universitätsspital Genf (Gesundheit): 112

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swissinfo.ch: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus? 

D.O.: Die sozialpolitischen Bestrebungen zielen in der Schweiz seit langem auf die Erhöhung des Rentenalters. Fakt ist aber, dass der Arbeitsmarkt all jenen Senioren enorm zu schaffen macht, die oft während Jahren eine Arbeit suchen. Wer nicht über eine zweite Säule verfügt, muss oft seine Ersparnisse aufbrauchen oder gar Sozialhilfe beantragen. Dieses Problem dürfte sich künftig noch verschärfen.

Wir wünschen uns, dass die Politik die Ergebnisse unserer Studie berücksichtigt und gewisse Anpassungen vornehmen wird. Beispielsweise durch die Förderung der Möglichkeiten für ein flexibles Rentenalter. Dieser Realität sollten sich auch jene Unternehmen nicht verschliessen, die Massenentlassungen aussprechen.

Als Merck Serono seinen Standort Genf dichtmachte, handelte die Gewerkschaft Unia einen Sozialplan aus, in dem die Schwelle für eine vorzeitige Pensionierung bei 56 Jahren liegt. Gemessen an unseren Resultaten ist diese Schwelle nachweislich sinnvoll.


(Übertragung aus dem Französischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch

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