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Seit einigen Wochen kurvt der erste selbsfahrende Bus der Schweiz durch die Sittener Innenstadt. Einheimische und Besucher haben den chauffeurlosen Winzling bereits ins Herz geschlossen.

KEYSTONE/SEDRIK NEMETH

(sda-ats)

An einer Haltestelle in der Sittener Altstadt öffnet ein kleiner Bus seine Türe. Drinnen ist gerade noch ein letzter Sitzplatz frei. Und schon rollt der Bus wieder an. Alles ganz normal, möchte man meinen - sässe da bloss ein Busfahrer am Lenkrad.

Der Walliser Kantonshauptort ist derzeit so etwas wie ein Zukunftslabor der Mobilität. Der Bus, der seit einigen Wochen ohne Chauffeur und Lenkrad durch die Sittener Innenstadt kurvt ist ein sogenanntes Smart-Shuttle: ein knallgelbes Mini-Postauto, das selbst gesteuert auf einer vorgegebenen Route seine Runden dreht.

Das kleine Gefährt mit seinen rundlichen Formen sieht aus, als hätte sich ein Spielzeugdesigner einen Traum erfüllt. Doch das Smart-Shuttle ist kein Spielzeug, sondern ein Studienobjekt der PostAuto Schweiz AG und deren Projektpartner.

Dort wo früher Chauffeur und Lenkrad ihren festen Platz hatten, ist modernste Technik untergebracht. Eine Software steuert das elektrisch angetriebene Gefährt.

In einem auf zwei Jahre angelegten Versuch wollen die Projektbeteiligten erfahren, ob und wie sich der selbstfahrende Bus im öffentlichen Raum einsetzen lässt.

Von Grünzeug ausgetrickst

Im Eiltempo kommt das Gefährt aus der Mobilitätszukunft allerdings nicht gerade daher. Vielmehr ruckelt und zuckelt es mehr oder weniger im Schritttempo durch die Sittener Altstadtgassen.

Immer wieder hält das Gefährt an, wenn die Software irgendein Hindernis erkennt - oder zu erkennen glaubt. Mitunter ist nicht ganz ersichtlich, was den virtuellen Chauffeur zum Anhalten brachte.

Dieser liess sich auch schon von Walliser Weinstöcken austricksen, wie man bei PostAuto Schweiz zu erzählen weiss. Werden die Triebe der Reben entlang der Strecke zu lang, müssen sie zurückgeschnitten werden, damit sie von der Software nicht als Hindernis erkannt werden.

Häufiger sind es aber falsch parkierte Autos, die den virtuellen Chauffeur aus dem Konzept bringen. Dann muss die stets im Shuttle mitfahrende Begleitperson von PostAuto den Bus manuell um das Hindernis herum lenken - mit einem Joystick.

Aus Sicherheitsgründen verkehrt das Smart-Shuttle auf einem exakt festgelegten Pfad, auf dem es Hindernisse nicht selbständig umfahren kann.

Nachsicht mit Macken

Mitunter streikt der virtuelle Chauffeur komplett - dann braucht es einen Neustart. Zum Testbetrieb mit Pioniercharakter gehöre es dazu, dass die Fachleute noch fast täglich technische Herausforderungen meistern müssten, heisst es dazu bei PostAuto.

In solchen Situationen werde deutlich, dass es sich um einen Testbetrieb und nicht um ein neues Transportangebot handle. Die Passagiere erleben die Entwicklung des Smart-Shuttles also direkt mit.

Auch Betriebsunterbrüche lassen sich derzeit nicht ganz ausschliessen. Eine App und eine Internetseite geben deshalb -teilweise in Echtzeit - Auskunft über den Shuttlebetrieb.

Die Passagiere verzeihen dem Gefährt die Macken meist bereitwillig und nehmen die Sache mit Humor. Nach einer Shuttle-Runde durch Sitten vor einigen Tagen waren sich die Passagiere einig: das Shuttle ist eine tolle Sache; einen Postautochauffeur aus Fleisch und Blut ersetzt die Software aber noch nicht.

Das ist für Postauto auch gar nicht das Ziel - zumindest nicht auf den bestehenden Linien. Mit dem Shuttle wird vielmehr die Möglichkeit getestet, Orte zu erschliessen, die mit konventionellem öffentlichem Verkehr nicht bedient werden können, beispielsweise Fussgängerzonen.

Das selbstfahrende Mini-Postauto hat die Herzen vieler Einheimischer und Auswärtiger bereits erobert. Wer mit dem Smart-Shuttle eine Runde drehen will, braucht mitunter etwas Geduld, zumal das kleine Fahrzeug nur einer Handvoll Leuten Platz bietet.

Bei der PostAuto Schweiz AG hat man an Spitzentagen bis zu 200 Fahrgäste gezählt. "Das liegt über unseren Prognosen", führte Unternehmenssprecherin-Sprecherin Katharina Merkle aus. Auch zahlreiche Einheimische benützten das Shuttle, etwa um einen Fussmarsch innerhalb der Stadt abzukürzen.

Geschwisterchen bekommen

Seit einigen Tagen ist das kleine Shuttle nicht mehr einsam: es hat ein Geschwisterchen bekommen. Das zweite Fahrzeug kommt vor allem in Stosszeiten oder bei Betriebsausfällen des ersten Fahrzeugs zum Einsatz.

Bis zum Ende des Testbetriebs im Oktober 2017 will PostAuto mit den Partnern den Betrieb der Shuttles laufend weiterentwickeln. "Bis dahin werden wir sehr viele Alltagserfahrungen mit dem autonomen Fahren im öffentlichen Verkehr gesammelt haben", ist Merkle überzeugt.

Das Smart-Shuttle verkehrt jeweils am Nachmittag vom Dienstag bis Sonntag. Am Montag hat der virtuelle Chauffeur frei.

www.smartshuttle.ch

sda-ats

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