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Frankreich zelebriert heute im Stade de France das rauschende Ende seiner EM. Der Gastgeber ist im Final gegen Cristiano Ronaldos Portugal Favorit und greift nach dem dritten EM-Titel.

Im EM-Final geht es am Sonntag ab 21 Uhr nicht nur um den wichtigsten Titel im europäischen Fussball. Es geht auch darum, für die Geschichtsbücher ein Kapitel zu schreiben, das eine ganze Generation prägt. Dank dem Sieg im Endspiel von Saint-Denis würden sich die Namen der Gewinner für immer im Gedächtnis der Öffentlichkeit einbrennen. Bei den Franzosen kann sich das Ensemble um Antoine Griezmann und Paul Pogba mit einem Schlag auf die Höhe der Ikonen um Michel Platini in den Achtzigerjahren oder der Generation um Zinédine Zidane anderthalb Dekaden später hieven.

Bei den Portugiesen würde eine im Vergleich zu früheren Jahren weniger talentierte Auswahl aus dem Schatten der goldenen Generation um Rui Costa und Luis Figo treten. Und ihre Gallionsfigur Cristiano Ronaldo müsste künftig definitiv in einem Atemzug mit dem Brasilianer Pele und dem Argentinier Diego Maradona genannt werden, den beiden geadelten Fussballern des letzten Jahrhunderts.

Im Stade de France wird am Sonntag also auf jeden Fall Geschichte geschrieben. Egal, ob Portugal den ersten Titel überhaupt holt, oder ob Frankreich nach einem äusserst schwierigen Jahrzehnt im Nachgang der Rücktritte von Zidane und Co. die erste Trophäe seit 16 Jahren gewinnt und mit dem dritten EM-Titel zu den Rekordsiegern Deutschland und Spanien aufschliesst.

Frankreich fehlt noch ein Schritt, um in der Aktualität und in der Historie die Spitze Europas zu erklimmen. Das ist trotz Heimvorteil nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, woher diese Mannschaft kommt. Der Captain Hugo Lloris und der Routinier Patrice Evra haben die Schande der Tage in Südafrika erlebt, als das Team an der WM 2010 die Trainings bestreikte. Als Didier Deschamps vor vier Jahren übernahm, hatte das französische Team an der EM 2012 in der Ukraine mit unflätigem Verhalten die Schwelle zum Skandal ebenfalls berührt.

Der vierjährige Weg des Aufbaus eines ausgewogenen Teams im Hinblick auf die Heim-EM war für Deschamps mit Hindernissen belegt. Die Probleme rund um die Erpressungsaffäre um den Stürmerstar Karim Benzema zog weite Kreise und wurden am Ende womöglich nicht vom Nationalcoach gelöst, sondern auf hoher politischer Ebene. Ausserhalb des Rasenvierecks wurde Frankreich ebenfalls heftig geschüttelt. Die Angst vor Terroranschlägen schien die "Grande Nation" teilweise zu paralysieren. Die Streiks von Zug- und Flugpersonal blockierten das Land in den ersten EM-Tagen. Die Welle der Begeisterung für den Fussball-Anlass kam zunächst nur schleppend voran.

So verwundert nicht, dass der vierwöchige Steigerungslauf der Gastgeber durch das Heimturnier selbst mit dem Halbfinal-Triumph über Weltmeister Deutschland noch nicht alle Restzweifel beseitigt hat. "Dieser Generation fehlt ein klarer Chef", schrieb die Sport-Zeitung "L'Equipe" in der ersten EM-Woche. "Kann Griezmann in die Fussstapfen von Platini und Zidane treten?", fragte sie vor dem Halbfinal gegen Deutschland. Die Abkehr von einer negativen Ansage hin zu einer Frage ist dabei immerhin als Steigerung zu werten. Siegt Frankreich am Sonntag gegen Portugal, werden die Zeitungen das Frage- wieder durch ein Ausrufezeichen ersetzen. Griezmann und Co. würden im Hexagon Heldenstatus erlangen - auf Lebzeiten.

In diesen Sphären ist Cristiano Ronaldo im eigenen Land längst angekommen. Nun kann er zum Besten aller Zeiten werden, wenn er nach unzähligen individuellen Auszeichnungen und Trophäen mit dem Klub auch noch einen Titel mit dem Nationalteam holt. In Ronaldos Schatten macht sich derweil eine nicht selten kritisierte Generation Hoffnung auf den nationalen Ritterschlag. João Mario ist kein Luis Figo, Adrien Silva kein Rui Costa und José Fonte kein Fernando Couto. Sie spielen (noch) nicht bei Real Madrid, Barcelona oder Milan, sondern bei Sporting Lissabon, Valencia oder Southampton.

Doch sie können nun gewinnen, was der goldenen Generation vor rund 15 bis 20 Jahren verwehrt blieb. Und der nächste Schritt in der Karriere steht danach unmittelbar bevor. Renato Sanches wechselt von Benfica Lissabon zu Bayern München, Aussenverteidiger Raphaël Guerreiro, von dem behauptet wurde, er gehöre nur auf Geheiss von Kumpel Ronaldo zum Nationalteam, hat während der EM den Transfer von Lorient zu Borussia Dortmund vollzogen. Für die anderen Schattenmänner Ronaldos steht die Prominenz aus Madrid, München oder Mailand, Barcelona, Turin oder Manchester Schlange.

An den französischen Teams um Michel Platini und Zinédine Zidane ist Portugal an EM- und WM-Endrunden dreimal in K.o.-Spielen gescheitert. 1984 durch das späte Siegestor von Platini in der Verlängerung, 2000 durch das Golden Goal von Zidane mittels Handspenalty und 2006 durch einen Foulpenalty wiederum von Zidane.

Man könnte also sagen: Auch das portugiesische Team will sich von den Ikonen des französischen Fussballs emanzipieren. Gelingt es ihm, läge es im Trend dieser EM-Tage. Deutschland hat das italienische Trauma überwunden, ehe es selbst über Frankreich stolperte, sein Lieblingsopfer vergangener Tage. Und nun also Portugal mit dem ersten K.o.-Sieg gegen Frankreich? Die Antwort gibt es am Sonntagabend, in einem Spiel, das die Protagonisten auf Jahrzehnte hinaus prägen wird.

sda-ats

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