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Ungarn meldet sich heute auf der grossen Fussball-Bühne zurück. Erster EM-Gegner für Gabor Kiraly und Co. ist dabei Österreich. Beide Länder waren einst auch fussballerisch eng miteinander verbunden.

12. Oktober 1902, WAC-Platz im Wiener Prater: Erstmals stehen sich mit Österreich und Ungarn zwei nicht-britische Mannschaften bei einem offiziellen Länderspiel gegenüber. Dieses fällt in die Zeit der Doppelmonarchie, in die kaiserliche und königliche Monarchie Österreich-Ungarn. Abwegig erscheint es deshalb nicht, wäre bei der Gründung der beiden Verbände kurz nach 1900 auch ein österreichisch-ungarischer Fussballverband entstanden.

Gegenüber der österreichischen Nachrichtenagentur APA stellte Matthias Marschik, Sporthistoriker an der Universität Wien, jüngst jedoch klar: "Es wurde in dieser Doppelmonarchie sehr schnell entschieden, dass es zwei eigenständige Verbände in Österreich und Ungarn gibt." Dies könne historisch jedoch nicht unbedingt so interpretiert werden, dass sich damals auf sportlicher Ebene der Zerfall Österreich-Ungarns schon abzeichnete. Tatsache war vielmehr, dass es sehr viele Spiele zwischen den beiden Ländern gab. "Das war eher ein Signal, wir bleiben zusammen." Zuerst handelte es sich um Städtespiele zwischen Budapest und Wien; nachträglich wurden diese als offizielle Länderspiele anerkannt.

Am Dienstagabend kommt es im Stade de Bordeaux an der Garonne zum 137. Aufeinandertreffen zwischen Ungarn und Österreich. Keine Länderspiel-Begegnung gab es in Europa häufiger. Beide Verbände haben ihre erfolgreichste Zeit allerdings längst hinter sich. Das Ende des "Donaufussballs" - und mit ihm auch jenes der mitteleuropäischen Fussballherrlichkeit - kam mit der WM 1954 in der Schweiz. Beide zu dieser Zeit hoch gehandelten Nationalteams schafften es zwar in die Halbfinals, der Weltmeister hiess nach einem 6:1 gegen Österreich und einem 3:2 gegen Ungarn letztlich aber Deutschland.

Die fussballerische Verbundenheit zwischen Ungarn und Österreich nahm in der Folge ebenfalls ab, die gegeneinander ausgetragenen Länderspiele wurden seltener. Marschik begründet dies mit der "Europäisierung des Fussballs". 1960 wurde erstmals eine EM ausgetragen, fünf Jahre zuvor hatte die erste Europacup-Saison für Klubteams stattgefunden. Die Bedeutung von Freundschaftsspielen nahm durch die steigende Zahl von Qualifikationspartien ab. Besonders zu leiden hatte der Fussball der Magyaren jedoch, weil sich Stars der besten Klubs aus Budapest nach dem durch die sowjetische Armee blutig niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand ins Ausland absetzten - auch Ferenc Puskas, der bei Real Madrid zum wichtigsten Spieler Ende der Fünfzigerjahre avancierte.

Kiralys Eintrag ins EM-Geschichtsbuch

Nach Spielern, die bei einem europäischen Topklub engagiert sind, sucht man 60 Jahre später im ungarischen EM-Kader vergeblich. Die meisten spielen in der heimischen Liga, die im UEFA-Fünfjahresranking derzeit an 33. Stelle geführt wird. So auch jener Routinier, der aufgrund seiner Engagements in der Bundesliga und in der Premier League hierzulande den grössten Bekanntheitsgrad unter den aktiven Fussballern Ungarns hat: Gabor Kiraly. Der langjährige Goalie von Hertha Berlin, der mittlerweile wieder zu seinem Stammklub Haladas Szombathely zurückgekehrt ist, fällt nicht nur durch seine Leistungen zwischen den Pfosten auf, sondern auch aufgrund seines ungewöhnlichen Outfits mit grauer "Schlabberhose".

Mit dieser wird Ungarns Rekord-Internationaler gegen Österreich auch sein 104. Länderspiel bestreiten und gleichzeitig EM-Geschichte schreiben. Mit 40 Jahren und 74 Tagen löst Kiraly Lothar Matthäus als ältesten Spieler ab, der jemals an einer EM-Endrunde ein Spiel bestritten hat. Gedanken daran verschwendet der Ungar jedoch nicht: "Jetzt kann ich nichts sagen, weil ich diesbezüglich kein Gefühl habe. Ich schaue nur auf das nächste Spiel." Dieses findet gegen die Nachbarn aus Österreich statt. Wie schon sein erstes Länderspiel am 25. März 1998, als Kiraly beim 3:2-Erfolg in Wien einen Penalty von Österreichs Rekordtorschütze Toni Polster parierte.

sda-ats

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