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Lea Sprunger ist pfeilschnell, sie entriss Mujinga Kambundji zuletzt sogar den Schweizer Rekord über 200 m. Doch in der Startphase als Langhürdlerin kann die Romande ihren Speed nicht voll entfalten.

Die gelernte Siebenkämpferin - im Winter 2012 entschied sich Sprunger für den Wechsel auf die 200 m und 2014 nach dem Verpassen des EM-Finals in Zürich folgte die Umstellung auf die Hürdenbahn - profitiert nicht nur von ihrer vielseitigen leichtathletischen Vergangenheit, sondern auch von ihrer Körpergrösse. 1,83 m gross ist die jüngere Schwester der Sprinterin und Siebenkämpferin Ellen Sprunger und Cousine der erfolgreichen Springreiterin Janika Sprunger. Ihr Hebel erlaubt ihr, sich im 15er-Rhythmus zwischen den 76 cm hohen Hindernissen zu bewegen - und dies bis zum Schluss. Diese Frequenz schafft auch in Rio de Janeiro keine andere Athletin.

Gleichwohl hat die Waadtländerin ein beträchtliches Handicap. Um ihre Schnelligkeit voll zu entfalten, sollte sie eigentlich zu Beginn im 14er-Schritt laufen und nach 15er-Einheiten zum Schluss auch noch in den 16er-Rhythmus wechseln. Aber das klappt nicht, weil sie in diesem Fall die Hürden teils mit ihrem schlechten linken Schwungbein anpeilen müsste. Diese Technik beherrscht sie (noch) nicht gut genug. Sprunger ist einseitig ausgelegt wie eine 100-m-Hürdenläuferin, die immer mit dem gleichen Bein vorangeht.

Die Athletin des COVA Nyon muss sich also in der erste Rennhälfte mit 15 Schritten ins enge Korsett der Hürden zwängen. Eine 14 einzustreuen würde sich trotz Raumgewinn nicht ausbezahlen. Zuviel Kraft ginge wegen der mangelhaften Technik verloren. Kraft, die ihr in der Schlussphase fehlen würde.

"In Zukunft wollen wir den 15er-Rhythmus durchbrechen, aber auf diese Saison hin hat es nicht gereicht", sagt ihr Trainer Laurent Meuwly. Trotz ihrer 26 Jahre ist Lea Sprunger noch keine routinierte Läuferin über 400 m Hürden. Gleichwohl setzt sich die Westschweizerin in ihrer dritten Disziplin auf internationalem Niveau den Finaleinzug in Rio de Janeiro zum Ziel.

Dank Bestzeit in den Final?

Der 15er-Schritt ist in Rio also angesagt. Geht der Lauf auf, kann Sprunger die Hürden immer mit ihrem bevorzugten rechten Schwungbein nehmen und wird schnell unterwegs sein. So wie diesen Sommer in Genf, als sie erstmals unter 55 Sekunden lief und in 54,92 Sekunden eine persönliche Bestzeit erzielte. Um in den Olympia-Final vorzustossen, müsste sie diese Marke wohl noch um den einen oder anderen Zehntel senken. Sprunger traut sich diesen Schritt zu. "Der Finaleinzug ist mein Ziel", sagt die Romande. Der Weg dazu führt über die Vorrunde in der Nacht auf Dienstag und den Halbfinal in der Nacht auf Mittwoch.

Auf den ersten Blick erstaunt, dass Sprunger trotz des Disziplinenwechsels ihre Grundschnelligkeit verbessert hat. "Wir haben zwar mehr Schnelligkeits-Ausdauer gemacht, aber auch in Sachen Kraft weiter Gas gegeben", erklärt Meuwly. "Den zusätzlichen Reiz kann Lea in Speed umsetzen."

Doch braucht es auf den letzten 100 m nicht einfach Stehvermögen? So wie dies Anita Protti zu Beginn der Neunzigerjahre vorgemacht hat, als sie an den Weltmeisterschaften in Tokio 1991 ihren Schweizer Rekord auf 54,25 Sekunden senkte? "Lea ist kräftiger als man denkt. Sie hat viel Power", betont Meuwly. Gleichwohl: Protti sei mit der Kraftausdauer über die Runden gekommen, Sprunger lebe von ihrer Schnelligkeit. "Aber im reinen 15er-Rhythmus wird Lea den Schweizer Rekord kaum brechen", fügt er an. Sprunger muss, um einen weiteren Schritt nach vorne zu machen, beidbeinig werden. "Vielleicht sind wir kommende Saison schon so weit", meint Meuwly.

sda-ats

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