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Frankreich will die EM im eigenen Land als Befreiungsschlag aus der Depression nutzen. Beim Turnierbeginn kann der Gastgeber einige seiner Probleme nicht kaschieren.

In den Gassen von Paris stapelt sich der Abfall, landesweit und grenzübergreifend fallen Züge aus, die Air France kündigte einen Streik in den nächsten Tagen an. Es sind Ausläufer der Depression, unter der die Grande Nation leidet. Die Regierung will mit Reformen die Arbeitslosigkeit eindämmen, die Gewerkschaften treten in den Streik, noch bevor es zu Verhandlungen kommt.

Am härtesten von den seit Wochen anhaltenden Streiks und Protesten betroffen ist die Staatsbahn SNCF. Wer mit dem öffentlichen Verkehr zu den EM-Städten und -Stadien reist, insbesondere in Paris, muss sich in Geduld üben, flexibel sein und mehr Zeit einplanen. An kleineren Stationen sind Französischkenntnisse von Vorteil, um die schwer verständlichen Durchsagen an den Perrons zu verstehen. An grösseren wird auch auf Englisch informiert.

Ab Samstag werden auch Flugreisende an Flughäfen festsitzen. Wegen geplanter Sparmassnahmen kündigte die Air France Streiks bis Dienstag an. Betroffen sollen vor allem Mittelstreckenflüge sein, wobei nach Paris etwa jede vierte Verbindung ausfallen, insgesamt aber gemäss der Airline 80 Prozent der Flüge planmässig abheben werden.

Gestreikt wird auch bei der Pariser Müllabfuhr. Wie die Bahnmitarbeiter protestieren auch sie gegen die Reform des Arbeitsgesetzes, die mitunter eine Lockerung des Arbeitsrechts vorsieht. Die Auswirkungen rücken Paris in ein schlechtes Licht und sorgen für Stirn- und Nasenrümpfen. Weil der Abfall in einigen Stadtteilen nicht mehr bestellt wurde, türmen sich an vielen Hauswänden die Abfallsäcke und quillen die Mülltonnen über.

Am Freitag entspannte sich die mit unangenehmen Gerüchen verbundene Situation teilweise, indem die Regierung private Unternehmen aufbot. Bürgermeisterin Anne Hidalgo versprach im Sender RMC, dass der ganze Abfall in den nächsten Tagen eingesammelt wird.

Dem Imageschaden ist sich Frankreichs Regierung bewusst. Präsident François Hollande sorgte sich um das Bild, das Frankreich im Ausland abgibt, und appellierte an die Verantwortung der Gewerkschaften, die besonders hartnäckig sind und sich immer wieder gegen Reformen auflehnen. Auch EM-Organisationschef Jacques Lambert sagte gegenüber dem Sender France Inter: "Das Bild ist nicht das, was wir uns mit dieser EM gewünscht haben. Die Streiks und Proteste haben den Turnierauftakt bereits ein wenig verdorben."

Den Zeitpunkt vor und während der EM erachten die Gewerkschaften natürlich als günstig. Einknicken will die Regierung bei ihren Reformplänen gleichwohl nicht. So kündigte sie gegen streikende Bahnmitarbeiter eine harte Haltung an und erklärte, es werde bei Blockaden von Geleisen keine neuen Verhandlungen geben.

Zumindest buchstäblich steht der Grande Nation das Wasser bis zum Hals. In Paris erreichte der Pegel der Seine wegen anhaltender Niederschläge vor wenigen Tagen den höchsten Stand seit 30 Jahren. Zwischenzeitlich hat sich die Lage entschärft. Doch als hätte Frankreich nicht genügend andere Probleme, sind für die nächsten Tage wieder Niederschläge angekündigt.

sda-ats

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