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Nach dem Scheitern in den Viertelfinals gegen Wales ist beim EM-Mitfavoriten Belgien der Schuldige bald gefunden. Trainer Marc Wilmots wird wohl seinen Rücktritt einreichen.

Man könnte nun frotzeln: Wenigstens ist die Heimreise nicht weit für die Belgier. Nur knapp 20 Kilometer von der eigenen Grenze entfernt mussten sich die Roten Teufel im Stade Pierre-Mauroy von Lille enttäuschend früh aus dem EM-Turnier verabschieden. Ausgerechnet in der nordfranzösischen Metropolregion, die im grenznahen Gebiet auch belgische Gemeinden umfasst, ging der Weg des vor der EM hoch gehandelten Mitfavoriten zu Ende. Als sich 35'000 belgische Fans im Stadion und weitere über 100'000 Landsleute in der Stadt aufhielten.

Viele Belgier waren noch nach dem Spiel deprimiert nach Hause gefahren. Das Erwachen am Samstag war ein böses. Das Team von Marc Wilmots, hinter Weltmeister Deutschland und Titelverteidiger Spanien das teuerste im EM-Feld, hat in Frankreich trotz drei Siegen in fünf Spielen bestenfalls in Ansätzen sein Potenzial gezeigt. Als Hauptschuldiger für das frühe Ausscheiden gegen einen krassen Aussenseiter wurde auch in diesem Fall der Trainer ausgemacht. In den Stunden nach der Niederlage hat sich Wilmots zwar noch nicht zum Rücktritt durchringen können. Doch ist davon auszugehen, dass der 47-jährige Wallone bald nicht mehr Nationalcoach ist.

Dazu muss man wissen, dass Wilmots von Teilen der Öffentlichkeit schon vor der EM arg kritisiert wurde. Nicht wenige waren in Belgien der Meinung, dass es unverantwortlich sei, dieses hochtalentierte Team einem taktisch nicht eben gewieften Trainer anzuvertrauen. Seine Defizite konnte Wilmots dann in Frankreich nicht kaschieren. Das Startspiel gegen Italien ging ebenso auf strategischer Ebene verloren wie der Viertelfinal gegen Wales. Auffallend ist, dass Medien und Experten nach dem 1:3 gegen die Briten kaum auf die vielen Absenzen in der Verteidigung hinwiesen.

Die grösste flämische Zeitung, "Het Laatste Nieuws", wirft dem Trainer vor, gegen Wales nach der Pause taktisch genau so gespielt zu haben wie in der Partie gegen Italien. "Schon da war diese Strategie hochgradig gescheitert", so die Zeitung. Auch im französischsprachigen Belgien, in der Heimat von Wilmots, hielten die Medien mit Kritik am Trainer nicht (mehr) zurück. "Die EM war ein klarer Misserfolg. Wilmots muss gehen", forderte "La Dernière Heure", die einflussreiche Zeitung aus dem wallonischen Teil des Landes.

Wilmots scheint nur schon deshalb nicht mehr tragbar, weil auch die Mannschaft nicht mehr hinter ihm steht. "Wir haben die gleichen Fehler gemacht wie gegen Italien. Wales war taktisch stärker als wir", meinte Torhüter Thibaut Courtois. Wer nicht verstanden hatte, an wen die Kritik gerichtet war, dem machte der Keeper klar: "Ich habe Wilmots meine Meinung schon in der Kabine gesagt." Derweil verpackte Stürmer Kevin de Bruyne seine Kritik in moderate Töne und hofft auf die Wirkung der Worte zwischen den Zeilen. "Man muss ein Mittel finden, wie sich das Team weiterentwickeln kann."

Neben den taktischen Mängeln von Wilmots war in Frankreich auch augenfällig, wie sehr diese belgische Generation von Hochbegabten darauf vertraute, dass sich ihre überlegene Qualität irgendwann durchsetzen würde. Feuer, Kampf und Leidenschaft liess sie vermissen. Aussenverteidiger Thomas Meunier sagte nach dem Ausscheiden: "Wir waren sicher nicht schlechter als der Gegner, aber uns fehlte der nötige Kampfgeist."

Dass ausgerechnet Meunier das sagte, verärgert die Fans. Am letzten Dienstag, dem einzigen freien Tag zwischen Achtel- und Viertelfinal, nutzte er die Freizeit, um mit Paris Saint-Germain über einen Transfer zu verhandeln. Am gleichen Tag hatte auch Stürmer Michy Batshuayi das Camp verlassen, um den Wechsel zu Chelsea unter Dach und Fach zu bringen. Das mögen bloss Randgeschichten sein, doch sie verfestigen das Bild einer in einigen Bereichen heterogenen Truppe, der allem Talent zum Trotz die Geschlossenheit fehlte, um auf dem Niveau einer EM-Endrunde bis zum Ende durchzukommen.

sda-ats

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