Die Anhänger verneigen sich vor ihm, die "Berliner Zeitung" applaudiert ebenfalls: "Danke Lusti, für 12 Jahre Hertha BSC!" Fabian Lustenberger verabschiedet sich mit Stil und Grandezza aus Berlin.

Gegen Bayer Leverkusen betritt er den Rasen zum 308. und letzten Mal im Trikot der Blau-Weissen. Nur der französische Bayern-Star Franck Ribéry ist in der Liga ein paar Tage länger ununterbrochen beim gleichen Klub engagiert. Die letzte Ballberührung im Olympia-Stadion naht, die finalen Gefühlswallungen sind programmiert, das Ende einer Ära ist absehbar.

"Die Leute bitten mich um Abschiedsfotos", schmunzelt Lustenberger. "Es war wie in einem Film - man läuft mit, die Zeit vergeht." Dabei hat sich einiges radikal verändert. "Die Jungen treten komplett anders auf. Sie einzufangen, ist für keinen Trainer einfach. Die Ansprüche sind höher, jeder will mehr wissen. Der Fussball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft." Lustenberger ging immer mit der Zeit. Von der ersten Trainingseinheit an der Hanns-Braun-Strasse bis zur Derniere im Olympia-Stadion.

Der Lockenkopf aus der Innerschweiz

Im August 2007 stellte der damalige Coach Lucien Favre einen 19-jährigen Innerschweizer Lockenkopf vor, den ausserhalb von Luzern kaum einer kannte. "Er ist polyvalent, Sie werden viel Freude haben an ihm." Der Romand versprach nicht zu viel. Und Lustenberger erinnert sich an seinen früheren Mentor: "Ohne ihn hätte mich die Hertha nie auf dem Zettel gehabt." Die mittlerweile neun Nachfolger Favres kamen allesamt zum gleichen Schluss: Der im defensiven Bereich nahezu überall einsetzbare Luzerner garantierte Stabilität und lebte bis weit nach Berliner Dienstschluss Professionalität vor.

Lustenberger mögen sie in der Hauptstadt ohne Einschränkung. Die Fans bewundern seine Klubverbundenheit und Bodenhaftung. Seine Chefs werden ihn als Leader in Erinnerung behalten, der die eigenen Interessen nie über das Wohlbefinden der Equipe stellte. Seiner unschönen Entmachtung als Captain folgte kein persönlicher Streik, sondern ein erstklassiges Commitment: "Ich nahm mich nie zu wichtig. Für mich war die Bereitschaft, 100 Prozent Leistung zu bringen, nicht vom Captainamt abhängig."

Wie sehr er Mitspieler mit seiner Sozialkompetenz und seinem Führungsstil prägte, verdeutlichen Rückmeldungen alter Hertha-Copains. "Hey Capitano, wie geht es?" Für einige seiner Weggefährten blieb er der Mann auf der Kommandobrücke, die souveräne Figur, der Spieler, der wie nur wenige andere in der Vereinsgeschichte für Konstanz auf hohem Niveau steht.

Vom Wiederaufsteiger zum Captain

220 Bundesliga-Partien schmücken am Ende sein Berliner Palmarès, zwei Abstürze in die zweite Klasse gehören ebenso zu seiner Laufbahn in Deutschland. Lustenberger hat nahezu alle Schattierungen erlebt. Euphorie, Kritik, Platzstürme, grosse Comebacks, privates Glück. "Zu 99 Prozent positive Dinge." Aufgeben war zu keinem Zeitpunkt eine Option. Von diversen Verletzungen erholte er sich, den sofortigen Wiederaufstieg schaffte Lustenberger gleich zweimal.

"Die zweite Promotion war für mich sehr prägend. Ich stand in 33 von 34 Runden auf dem Platz. Danach machte mich Jos Luhukay zum Captain. Das ebnete mir den Weg, meine Laufbahn in Berlin zu verlängern", schweift Lustenberger im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA gedanklich in die Sommermonate 2013 zurück. In solchen Augenblicken spürte er die Grösse der Hertha. Zehntausende zelebrierten die Rückkehr in die Beletage.

Vorfreude auf YB

Mit Berlin assoziiert Lustenberger mehr als rauschende oder dramatische Sportmomente. In der Welt-Metropole fand er ein breites Spektrum vor. "Die Stadt tat mir vom ersten Tag an gut." An der Spree lernte der Fussball-Profi seine Frau kennen, die beiden Söhne kamen in Berlin zur Welt. "Für mich ist das Umfeld entscheidend. Nur wenn alles passt, ist eine solche Konstanz überhaupt möglich." Auch darum habe er sich bis zum YB-Transfer "nie gross Gedanken gemacht, wie es anderswo sein könnte".

Auf die kommenden Saisons beim ambitionierten Titelhalter Young Boys freut sich Lustenberger. Berlin wird er nicht vergessen. Bei einem letzten Treffen mit Vertretern der Hertha-Fanszene wurde ihm klar: "Wenn irgendwann mal was ansteht, kann ich mich jederzeit melden. Ich bin hier mittlerweile sehr gut vernetzt." Der eigens für ihn komponierte Fan-Song zum Abschied passt: "Lusti, wir brennen für dich."

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