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Stefan Küng ist erst 23-jährig, er hat in seinen ersten zwei Profijahren aber schon einiges durchgemacht. Stürze und das Pfeiffersche Drüsenfieber haben ihn gebremst. Nun will er wieder angreifen.

Stefan Küng ist die grosse Schweizer Radsport-Hoffnung. Vor neun Monaten erlitt der Thurgauer bei seinem Sturz an den Schweizer Zeitfahr-Meisterschafen in Martigny Brüche an der Hüfte, der Hand und am linken Schlüsselbein. Seine Olympia-Träume musste er begraben. Der Bahn-Weltmeister von 2015 gilt aufgrund seiner Voraussetzungen auf der Strasse als designierter Nachfolger des zurückgetretenen Fabian Cancellara.

Im Interview mit der Nachrichtenagentur sda gewährt er Einblicke in das Innenleben eines Radprofis. Er spricht über Ängste, Risiken und seine Ansprüche, in Zukunft Rennen gewinnen zu wollen.

Stefan Küng, wie zufrieden sind Sie mit dem ersten Saisonviertel?

Stefan Küng: "Mein Zwischenfazit fällt zweischneidig aus. Persönlich hat bei mir noch nicht alles zusammengepasst. Mein Level stimmt, da kann ich mir keinen Vorwurf machen. Ich bin sicher nochmals einiges weiter als in den beiden Jahren zuvor. Es ist das erste Mal, dass ich Ende März mehr als fünf Renntage in den Beinen habe. 2015 war ich noch auf der Bahn unterwegs, im Vorjahr hat mich das Pfeiffersche Drüsenfieber zurückgeworfen."

Aber man kann trotzdem von einem gelungener Start sprechen?

"Ja, denn dem Team ist es bisher super gelaufen. In jedem Rennen, das ich bestritten habe, hatten wir einen Fahrer auf dem Podest. Der moderne Radsport ist ein Teamsport. Du hast immer einen Leader in der Mannschaft. Wir haben ein so starkes Team, die Hälfte davon könnte ein Leader sein. Es ist schön, wenn es funktioniert. Das ist das, was zählt. Die eigenen Ansprüche stellt man hinten an."

Würden Sie nicht lieber auf eigene Rechnung fahren?

"Wenn du ein Leader sein willst, musst du auch Rennen gewinnen können. Die Etappen sind teils noch ein bisschen zu schwierig für mich. Ich bin zwar bereits in meinem dritten Jahr als Profi, aber ich fühle mich ein Stück weit immer noch als Neo-Profi."

BMC setzt grosse Stücke auf Sie. Wie sieht Ihre Rolle im Team aus?

"Man arbeitet sich Schritt für Schritt hoch. Mittlerweile bin ich dort angelangt, dass ich einer jener Fahrer bin, die den Leader im Finale unterstützen. Ob ich Siebter oder Achter werde, bringt mir schlussendlich nichts, wenn unser Captain nur Dritter wird. Wenn er aber gewinnt und ich Rang 20 erreiche, habe ich meinen Job gemacht."

Im Teamzeitfahren ist BMC auch diese Saison bisher nicht zu schlagen.

"Da sind wir momentan das Mass aller Dinge. Es ist meine Aufgabe und meine Stärke, ein Motor zu sein für die Mannschaft. Das ist mir jeweils sehr gut gelungen."

Das abschliessende Einzelzeitfahren am Tirreno - Adriatico vor zwei Wochen haben Sie krankheitsbedingt verpasst.

"Ja, das war ärgerlich. Eine schwere Erkältung machte mir einen Strich durch die Rechnung. Leider gibt es nicht mehr so viele Einzelzeitfahren im Rennkalender. Ich habe mich deshalb sehr auf diese Prüfung gefreut und mich auch entsprechend vorbereitet. Der flache Kurs war ziemlich auf mich zugeschnitten. Zehn Kilometer ist eine optimale Distanz für mich. Genau dann, wenn ich zeigen könnte, was ich drauf habe, erwischt es mich. Das hat mich schon gewurmt."

Wie geht es Ihnen körperlich? Spüren Sie noch Nachwehen vom Sturz im letzten Juni?

"Die Hüfte bereitet mir teils schon noch etwas Probleme. Beispielsweise nach einer längeren Wanderung spüre ich das. Es ist möglich, dass mich dies ein Leben lang beeinträchtigen wird. Bis ich bei 80 Prozent war, ging es relativ schnell. Bis 90 oder 95 Prozent braucht es schon viel mehr. Momentan bin ich etwa bei 97 Prozent angelangt. Auf dem Velo behindert es mich aber nicht."

Es war nicht Ihr erster Rennunfall. Bei einem Sturz vor zwei Jahren im Giro d'Italia hatten Sie viel Glück und kamen mit einem Wirbelbruch relativ glimpflich davon. Wie gehen Sie mit solchen Rückschlägen um?

"Nach meinem letzten Sturz habe ich mit Leuten gesprochen, die viel Erfahrung haben. Mit anderen Profis oder auch mit einem Sportpsychologen in Magglingen."

Wie sah diese Zusammenarbeit aus?

"Es ist ein Prozess, den jeder für sich selber machen muss. Ich kann nicht einfach zum Arzt gehen und dann bin ich geheilt. Der Sportpsychologe kann mir zwar Tools oder Methoden geben, wie ich reflektieren kann. Den Lernprozess muss ich aber selber machen."

Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen?

"Der Grat zwischen Erfolg und 'über dem Limit fahren' ist relativ schmal. In der Vergangenheit war ich sicher zu oft am Limit, weil ich unbedingt gewinnen wollte. Du bekommst im Jahr nur wenige Chancen, um ein Rennen zu gewinnen. Weil ich wusste, dass ich bereit bin, habe ich dieses Ziel strikt verfolgt. Ich wurde aber zusehends verzweifelter. Und wenn man verzweifelt ist, macht man mehr Fehler."

Das heisst konkret?

"Wenn ich mich so nahe am Limit bewege, ist die Chance gross, dass ich die Linie überschreite und dadurch einen Sturz verursache. Wenn ich hingegen etwas vom Gas gehe, fahre ich konzentrierter. Ich fahre deswegen nicht langsamer, sondern nehme einfach weniger Risiko. Wenn ich in einer Kurve beispielsweise zwei Zehntel verliere, dann verliere ich deswegen vielleicht ein Rennen. Wen ich aber jedes zehnte Mal mit zwei gebrochenen Knochen im Strassengraben liege, verliere ich mehrere Monate. Es sind die Feinheiten, die ich für mein Risiko-Management finden muss."

Wie gut haben Sie das jetzt im Griff?

"Bis ich in den Abfahrten wieder mit vollem Tempo in die Kurven liegen konnte, brauchte ich etwas Zeit. Mittlerweile bin ich wieder auf einem guten Level. Aber Anfang Jahr fehlte mir noch ein wenig das Vertrauen. Angst ist kein guter Begleiter. Sobald man Angst hat, bremst man zum falschen Zeitpunkt, dann passieren Fehler. Meinen Ehrgeiz möchte ich trotzdem beibehalten. Das ist ein Teil von mir. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Ich fahre Rennen, um zu gewinnen, nicht um Fünfter zu werden. Dann könnte ich gleich zuhause bleiben."

Mit der Flandern-Rundfahrt am 2. April und Paris - Roubaix am 9. April stehen in Belgien die grossen Rad-Klassiker auf dem Programm. Sie fahren an der Seite Ihres Teamcaptains Greg van Avermaet, der gleich mehrere Vorbereitungsrennen gewinnen konnte. Sind Sie bereit?

"Ja, wir haben sicher eines der stärksten Teams. Wir müssen uns in den Klassikern in diesem Jahr vor niemandem verstecken. Wir werden auf Sieg fahren."

Was macht die Faszination dieser Klassiker aus?

"Die ganze Region fiebert diesen Rennen entgegen. Die Leute sind total verrückt nach Radsport. Das ist für die wie für uns Schweizer das Lauberhorn-Rennen und das Schwingfest am gleichen Tag. Wir Fahrer scherzen immer, die Flandern-Rundfahrt sei wie der 3. Weltkrieg. Es ist eine Art Ausscheidungsrennen, bei dem nur die Besten 'überleben'. Am Ende steht der Beste zuoberst auf dem Podest. Hoffentlich ist es jemand aus unserem Team."

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SDA-ATS