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Gerda Wurzenberger (l) und Richard Reich (r) betreiben das Junge Literaturlabor (JULL) in Zürich und leiten das Projekt Schulhausroman. Seit 2018 schreiben Schulklassen in der ganzen Schweiz solche Romane und präsentieren sie der Öffentlichkeit wie hier in Dübendorf.

Keystone/GAETAN BALLY

(sda-ats)

Seit diesem Jahr ist der Schulhausroman ein gesamtschweizerisches Projekt. Denn es gibt ihn nun auch in italienischer und rätoromanischer Sprache. Initiiert haben ihn Richard Reich und Gerda Wurzenberger. Sie betreiben in Zürich auch das Junge Literaturlabor.

Das ist Teamwork: Wenn 17 freudig aufgeregte Jugendlich nebeneinanderstehen oder -zappeln, abwechslungsweise kurze, im Extremfall dadaistisch anmutende Textpassagen vorlesen - "The finks goes skraa pa pa sky ni di pa pa and a bom bom bom skya" - und dabei die vier Mikrofone fliegend weitergeben. So geschehen Anfang April auf der Bühne des Air Force Centers Dübendorf.

Nicht irgendwelche Texte bekam das Publikum - Eltern, Freunde, Lehrpersonen - zu hören, sondern Romane, welche die Jugendlichen der Klassen B1e und B1f der Sekundarschule Dübendorf-Schwerzenbach mit Unterstützung der Autorin Maja Peter und des Autors Werner Rohner geschrieben haben. Schulhausromane sind es, und zwar die Nummern 109 und 110 mit den Titeln "Man muss nicht super sein, um ein Held zu sein" und "Verschwundene Kinder lügen nicht".

Das Gut zum Druck gaben der Autor Richard Reich und die Kulturmanagerin und Lektorin Gerda Wurzenberger. Sie betreiben seit 2003 die Provinz GmbH, die auf Schreibprojekte spezialisiert ist. 2005 haben sie den Schulhausroman ins Leben gerufen. Die Grundidee: Eine Schulklasse schreibt einen fiktionalen Text. Ein Schreibcoach unterstützt sie dabei, von den ersten Ideen bis zum druckfertigen Manuskript.

Pro Jahr entstehen in der Schweiz rund zehn solche Romane. Seit 2017 beteiligt sich das Bundesamt für Kultur an der Finanzierung. Gelder kommen aber auch von privater Seite, etwa von der Emil und Rosa Richterich-Beck Stiftung.

Geschichten aus der Lebenswelt

Geschrieben werden die Schulhausromane vorwiegend von Sekundarschulklassen der unteren Leistungsniveaus. Die Schreibcoaches treffen also häufig auf Jugendliche, deren sprachliche Möglichkeiten - mündlich und schriftlich - als defizitär eingestuft werden. "Es ist klar, dass Jugendliche, welche die Erfahrung gemacht haben, dass sie nicht korrekt schreiben können, zunächst auch nicht schreiben wollen", sagt Richard Reich. Bis es gelinge, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Das sei die Aufgabe der Schreibcoachs. "Wir engagieren keine Performer", betont Reich. Wichtig seien Offenheit und Interesse. "Die Jugendlichen müssen das Interesse spüren an dem, was sie zu erzählen haben." Beim Schreiben gäben die Schülerinnen und Schüler viel von ihrer Lebenswelt preis, ergänzt Gerda Wurzenberger, wobei sie sehr bewusst selektionierten. Privates, Innerfamiliäres komme fast nicht vor.

Ein grosser Vorteil des Schulhausromans sei, dass er kollektiv geschrieben werde. "So stellt sich kaum jemand mit seiner eigenen Lebenswelt bloss." Wurzenberger lektoriert die Romane, wobei die Schreibcoachs das letzte Wort haben. "Ich ändere nur in Absprache mit ihnen. Grundsatz ist: Man belässt so viel Abweichung wie möglich." Werde etwas als Fehler wahrgenommen, passe sie das der Norm an. "Erscheint aber etwas als kreative Neuschöpfung, dann bleibt das so stehen, auch wenn Grammatik und Orthographie nicht der Regel entsprechen."

Zügellose Fantasie

Der Schulhausroman ist mittlerweile ein gesamtschweizerisches Projekt. Den welschen Roman d’école gibt es seit 2009. Im Frühling 2018 sind auch Romane in italienischer und rätoromanischer Sprache erschienen. "Il Segreto del Palazzo" heisst der erste Romanzo a scuola, "Terror in Engiadina" der erste Roman da scoula.

Die von Vincenzo Todisco und Romana Ganzoni gecoachten Schulklassen aus Roveredo GR und Samedan GR haben im Kellergewölbe eines alten Palazzo in Roveredo aus ihren - auch in die jeweils andere Sprache übersetzten - Romanen vorgelesen. Der Schriftsteller Vincenzo Todisco schwärmte von der "fantasia sfrenata", der zügellosen Fantasie, der Schülerinnen und Schüler.

Zügellose Fantasie: Mit dieser Zuschreibung trifft Todisco ins Schwarze, auch was das Konzept des Schulhausromans betrifft. Die Jugendlichen dürfen die Norm überschreiten. Man probiere sprachliche Möglichkeiten aus, die in der Schule als nicht gut oder gar falsch gelten, sagt Gerda Wurzenberger. "Die Jugendlichen beherrschen die Norm eher schlecht, überschreiten sie aber virtuos."

Vieles, was sie schreiben, sei unvermittelt, sehr direkt. "Ihr Wortschatz im Standarddeutsch ist relativ eingeschränkt. Aber die Ergänzungen von jenseits der Norm - seien das neue Ausdrücke, Abkürzungen und sonstige sprachliche Elemente - sind mitunter von geradezu explosiver Kreativität."

Der Schulhausroman ist ein Förderprojekt. Sozialarbeiter seien sie aber nicht, betonen Reich und Wurzenberger. "Wir machen diese Arbeit quasi aus purem Egoismus, lassen uns inspirieren von der Jugendkultur, den Jugendsprachen. Und wir profitieren vom enormen Wissen der Jugendlichen zum Beispiel bei den sozialen Medien. Dank dem jugendlichen Knowhow sind wir am Puls der gesellschaftlichen Entwicklung." Sie gewännen, die Jugendlichen auch. Eine Win-Win-Situation.

Neuer Zugang zum Schreiben

Das Projekt Schulhausroman hat auch die Stadt Zürich überzeugt. 2014 hat sie die Provinz GmbH angefragt, "etwas zu machen in dessen Geist", so Richard Reich. Ein Jahr später haben er, Gerda Wurzenberger und die Schauspielerin Irene Eichenberger in der städtischen Liegenschaft an der Bärengasse das Junge Literaturlabor (JULL) eröffnet.

Im Zentrum steht das Schreiben mit Jugendlichen, seien es Einzelne, Gruppen oder ganze Primar-, Gymnasial- oder Sekundarklassen. Willkommen sind auch Berufsschulen. Es gehe nicht darum, Jugendliche dazu zu bringen, möglichst viel zu schreiben, sagt Wurzenberger. "Wir wollen ihnen vielmehr einen für sie neuen Zugang zum Schreiben eröffnen." Zur Verfügung stehen mehrere Schreibräume. Im Parterre gibt es eine Lesebühne und - als Ort der Begegnung - das Kaffeehaus "Zur Weltkugel".

Wie beim Schulhausroman spielt im JULL das öffentliche Vorlesen eine wichtige Rolle. Es trägt viel zum positiven Erleben der eigenen Sprachmöglichkeiten bei, so Wurzenberger. Und auch im JULL werden die Jugendlichen von Schreibcoachs betreut. In Absprache mit den Lehrpersonen rücken Norm und Schule bei diesen Aufenthalten in den Hintergrund. "Das ist eine gute Voraussetzung für ihr Schreiben", sagt Reich. Das JULL und dann wieder die Schule. Das belaste die Schülerinnen und Schüler nicht. "Sie können unglaublich schnell umstellen."

Bisher wurde das JULL im Wesentlichen von der Kulturabteilung der Stadt Zürich subventioniert. Sie hat die Pilotphase bis 2021 verlängert. Bis dahin möchte sich das Labor mit anderen Kulturinstitutionen besser vernetzen. Auch finanziell möchte es sich öffnen. Ziel sei - so Reich und Wurzenberger - eine Mischfinanzierung mit städtischen, kantonalen, nationalen und privaten Geldern.

www.schulhausroman.ch, www.romandecole.ch, www.romanzoascuola.ch, www.romandascoula, www.jull.ch, www.provinz.ch

Verfasser: Karl Wüst, sfd

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