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Beschuldigter äussert sich mit unbewegter Miene zur Bluttat

Der 34-jährige Angeklagte gab dem Bezirksgericht Lenzburg am ersten Prozesstag mit klarer Stimme Auskunft über das Gewaltverbrechen.

KEYSTONE/SIBYLLE HEUSSER

(sda-ats)

Mit unbewegter Miene, in klarem sachlichem Ton hat der Beschuldigte im Prozess um den Vierfachmord in Rupperswil AG am Dienstag vor dem Bezirksgericht Lenzburg zahlreiche Fragen zu seiner Tat beantwortet. Er gab sich zerknirscht, wirkte aber nicht immer glaubhaft.

Wegen rund 11'000 Franken mussten vier Menschen sterben - "gibt es dafür Worte?", fragte der Gerichtspräsident. "Krank, unmenschlich", antwortete der Beschuldigte. Er könne es sich selbst bis heute nicht erklären.

Hintergrund der Tat sei, dass er sein Leben nicht in den Griff bekommen habe. Sonst hätte er Hilfe geholt. Nachdem er seiner Mutter jahrelang einen erfolgreichen Studienabschluss vorgegaukelt hatte, obwohl er mehrmals gescheitert war, sei es unvorstellbar gewesen, ihr die Wahrheit zu sagen. Er musste also Geld beschaffen - so kam es zur Bluttat.

Am Anfang sei das Geldproblem gestanden. Er habe seit Frühling 2015 ein Konstrukt in seinem Kopf entwickelt. Später, als er den jüngeren Sohn gesehen hatte, sei der sexuelle Aspekt dazugekommen, der schliesslich vorherrschend war. Der Plan habe mehrere Teile umfasst: Ins Haus gelangen und Geld erpressen, Missbrauch, Tötungen, Haus anzünden.

Es hätte eine Möglichkeit gegeben, das "Programm" vor den Tötungen zu stoppen und zu gehen. Er habe das aber nicht getan. Er sei lange nicht imstande gewesen, sich zu entscheiden. "Es ging nicht, weiterzumachen und nicht, aufzuhören.".

Immer wieder antwortete er auf eine Frage, dies oder jenes habe er "nicht überlegt", daran habe er "nicht gedacht", jenes habe er sich "anders vorgestellt", oder seine Erinnerung sei eben so oder so - "tut mir leid".

Leer und fassungslos gefühlt

Nachdem er die vier Menschen getötet habe, habe er sich leer und fassungslos gefühlt. Auch "wütend über mich selbst". Auch wenn er sich nach der Tat nach aussen nichts habe anmerken lassen, habe er sich innerlich ganz anders gefühlt. "Es war extrem belastend." Immer wieder seien die Bilder erschienen.

Dass er kurz nach der Tat im Internet nach weiteren Buben suchte, seinen Rucksack wieder mit Tatutensilien packte und zwei Familien in den Kantonen Bern und Solothurn ausspionierte, sei in keiner Weise als eine Vorbereitung zu weiteren Handlungen zu sehen.

"Es war ausgeschlossen, das nochmals zu tun." Allerdings auch zur Zeit vor der Tat in Rupperswil sagte er: Es sei für ihn nur ein Konstrukt im Kopf gewesen, keine Realität.

Hoffen auf Heilung

Befragt nach seiner Sexualität sagte er nach anfänglichem Zögern: "Ich bin pädophil." Die Gutachter hätten gesagt, dies sei nicht heilbar – er hoffe aber dennoch, dass dies irgendwann möglich sei. Er habe gemerkt, welch gutes Gefühl es sein könne, mit einem Psychologen zu sprechen.

Immerhin vereinnahmten ihn diese Fantasien nicht mehr so stark wie früher, was auch damit zusammenhänge, dass er im Gefängnis sei. Man habe ihm gesagt, man könne das angehen. Darauf arbeite er hin.

Seine einzige und wichtigste Bezugsperson sei seine Mutter, sagte er. Er wünsche sich, einst in der Lage zu sein, sie unterstützen zu können. Deshalb sei es sein Ziel, sich zu verändern. Deshalb wolle er jetzt ein neues Studium anfangen - Wirtschaft. Sein Ziel sei es, irgendwann in die Gesellschaft zurückkehren zu können.

Beschuldigter ist therapierbar

Am Vormittag hatten die beiden psychiatrischen Gutachter ausgesagt. Insgesamt bestehe ein hohes Rückfallrisiko, wenn nichts unternommen werde, sagten beide Fachleute. Beide waren der Meinung, der Beschuldigte sei therapiefähig, wenn eine Behandlung auch viele Jahre lang dauern werde.

Ebenso einig waren sich die beiden Psychiater darin, dass der Beschuldigte voll schuldfähig war. Der heute 34-Jährige habe seine Tat genau geplant und zielgerichtet durchgeführt.

Beim Beschuldigten diagnostizierten beide Gutachter eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Dazu komme die pädosexuelle Neigung. Eine solche sei nicht heilbar, aber man könne lernen, damit umzugehen ohne zu delinquieren. Auch Dominanzstreben und zwanghafte Züge und der Verdacht auf sexuellen Sadismus stellten die Experten fest.

Beim auf vier Tage angelegten Prozess geht es um die Bluttat vom 21. Dezember 2015 in Rupperswil. Der Beschuldigte soll die 48-jährige Mutter, ihre 19- und 13-jährigen Söhne sowie die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes getötet haben. Zuvor missbrauchte er den jüngeren Knaben, nachdem er die Mutter gezwungen hatte, auf zwei nahen Banken Geld abzuheben.

Die Verhandlung geht am Mittwoch mit den Plädoyers weiter.

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