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ESSEN/DÜSSELDORF (awp international) - Mit dem Computerhersteller Lenovo greift erstmals ein chinesischer Investor ernsthaft nach einem bekannten deutschen Unternehmen: Die Chinesen wollen den für seine Aldi-Computer bekannten Elektronikproduzenten Medion für insgesamt 629 Millionen Euro übernehmen. Das wäre die erste grosse Übernahme eines chinesischen Unternehmens in Deutschland - über solch einen Schritt wurde wegen der vollen chinesischen Kassen zuletzt immer wieder spekuliert. In den vergangenen Jahren wurden Investoren aus China unter anderem bei angeschlagenen deutschen Unternehmen wie Opel oder Dresdner Bank ins Spiel gebracht. Die Offerten waren allerdings entweder wirtschaftlich nicht gut genug oder hatten von vornherein aus politischen Gründen keine Chance.
Doch Lenovo macht jetzt mit einer konkreten Offerte ernst - und gegen eine Übernahme Medions wird sich auch die Politik wahrscheinlich nicht stemmen. Zumal der 1984 gegründete und inzwischen weltweit viertgrösste PC-Hersteller, der mit Legend einen vom Staat kontrollierten Grossaktionär im Rücken hat, schon Erfahrungen mit Übernahmen im Ausland gemacht hat. Lenovo hatte 2005 bereits einmal spektakulär zugeschlagen und sich die PC-Sparte des amerikanischen IT-Konzerns IBM für 1,75 Milliarden Dollar einverleibt. Dies war die erste grössere Übernahme eines chinesischen Unternehmens in den Vereinigten Staaten. Lenovo will zudem bei der PC-Produktion künftig mit dem japanischen Konzern NEC zusammenarbeiten.
MEDION-AKTIONÄRE SOLLEN 13 EURO JE AKTIE ERHALTEN
Auf dem Weg zu der angestrebten 51 Prozent Mehrheit hat Lenovo bereits einen grossen Schritt mit der Zustimmung des Mediongründers, Mehrheitseigentümers und Vorstandschefs, Gerd Brachmann, hinter sich gebracht. Er hat das Angebot zu grossen Teilen bereits angenommen und wird knapp 17,75 Millionen Aktien oder 36,66 Prozent der gesamten Anteile für rund 230,7 Millionen Euro an die Chinesen abgeben. Brachmann erhält 80 Prozent davon in bar und 20 Prozent in Form von Aktien des chinesischen Herstellers. Lenovo sicherte sich zudem über eine langfristige Call- und Put-Option den möglichen Zugriff auf die weiteren Anteile von Brachmann.
Den Medion-Aktionären bietet Lenovo 13 Euro je Aktie in bar. Die Chinesen wollen Medion am liebsten komplett übernehmen - mindestens sollen es aber 51 Prozent des Grundkapitals sein. Der Preis liegt damit rund 30 Prozent über dem Kursniveau der vergangenen Woche, aber nur noch knapp 18 Prozent über dem Xetra-Schlusskurs vom Dienstagabend. Die Aktie hatte sich bereits am Montag und Dienstag wegen der Spekulationen auf eine Übernahmeofferte deutlich verteuert - dabei wurde aber eher Aldi als möglicher Käufer ins Spiel gebracht. Der Vorstoss der Chinesen kommt jetzt überraschend.
BISHER EHER KLEINERE ÜBERNAHMEN DURCH CHINESEN
Sollte die Übernahme für den Preis gelingen, wäre dieser höher als die Summe aller chinesischen Direktinvestitionen in Deutschland aus dem Jahr 2009 - so die von der Bundesbank ermittelten Daten. Aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor. Auch im vergangenen Jahr wurde zwar öfter über eine grössere Übernahme von chinesischen Investoren in Deutschland spekuliert, aber es kam keine zustande. In den vergangenen Jahren schlugen Chinesen eher bei kleineren Unternehmen wie beispielsweise beim angeschlagenen Autozulieferer SaarGummi oder den Werkzeugmaschinenherstellern Schiess und Waldrich Coburg zu. Gemessen an der von der Deutschen Bundesbank erfassten Zahlen haben sich die unmittelbaren Direktinvestitionen von Chinesen seit 2000 fast vervierfacht auf 613 Millionen Euro.
Medion hat sich vor allem um die Jahrtausendwende durch billige Computer für die Handelskette Aldi einen Namen gemacht - nach wie vor ist der Discounter einer der wichtigsten Kunden von Medion. Das 1983 gegründete und 1998 an die Börse gebrachte Unternehmen schlitterte Mitte des vergangenen Jahrzehnts unter anderem wegen der hohen Abhängigkeit von Aldi in eine Krise, von der es sich nur langsam erholt. 2010 setzte Medion 1,64 Milliarden Euro um und verdiente vor Zinsen und Steuern 28,1 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2003 hatte der Erlös noch knapp drei Milliarden Euro betragen und der Gewinn vor Zinsen und Steuern lag bei 179,9 Millionen Euro. Medion beschäftigte zuletzt etwas mehr als 1.000 Mitarbeiter./zb/nmu/wiz

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