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Auf Lehrermangel folgen Lehrer-Entlassungen

Primarlehrerinnen und -lehrer: Eben noch verzweifelt gesucht, jetzt schon wieder von der Sparschere bedroht.

(Keystone)

Knapp 80'000 ABC-Schützen sind zu ihrem ersten Schultag angetreten. Nicht mehr dabei sind 64 Lehrerinnen und Lehrer aus dem Kanton Zürich, die der Sparschere zum Opfer fielen.

Mitverantwortlich für den zunehmenden Druck auf die Lehrerschaft sind auch rückläufige Schülerzahlen an den Primarschulen.

Noch nicht lang ist's her, da herrschte landauf, landab Lehrermangel. "Die Schulen mussten Lehrkräfte mit ungenügender Ausbildung und Lehrer aus Deutschland anstellen", sagt Laurent Gaillard vom Bundesamt für Statistik gegenüber swissinfo.

Jetzt hat der Wind in den Schul- und Lehrerzimmern gekehrt: Spardruck und abnehmende Schülerzahlen bedeuten, dass weniger Lehrer benötigt werden. Entlassungen sind ein Rezept, um die Entwicklungen an der Finanz- und Schülerfront aufzufangen. Ein anderes besteht in der Vergrösserung der Klassen.

Grösster Aderlass in Zürich

Im Kanton Zürich sind es 64 Lehrkräfte des Fachs Handarbeiten, die nach den Sommerferien nicht mehr vor die Klassen treten. Insgesamt wurden an den Zürcher Volksschulen 211 Stellen abgebaut, wovon 200 Personen betroffen sind.

Rund drei Viertel des Abbaus konnte laut den Zürcher Behörden durch natürliche Fluktuation aufgefangen werden. Bis 2007 werden insgesamt 350 Stellen von Zürcher Lehrerinnen und Lehrern verschwinden.

Auch der Kanton Aargau hat ein Sparpaket geschnürt, das den Handarbeitsunterricht an den Primarschulen betrifft: Voraussichtlich werden dort 40 Vollzeitstellen gestrichen. Davon tangiert sind 143 Personen.

In beiden Kantonen kommt es zudem zu Kürzungen bei den Pensen des Lehrpersonals, was sich in Lohneinbussen für die Betroffenen niederschlagen wird.

Pensionierte nicht mehr ersetzen

Kürzungen im Bildungsbereich sind auch in anderen Kantonen beschlossene Sache. Doch wirken sich diese (noch) nicht unmittelbar in Lehrer-Entlassungen aus. Das ist beispielsweise in den Kantonen Waadt, Graubünden und Neuenburg der Fall, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur sda ergab.

Basel-Stadt muss auf Schulbeginn 2005 sechs Mio. Franken einsparen, was der Streichung von 50 Vollzeitstellen entspricht. Entlassungen werden jedoch auch hier nicht nötig, da nicht alle Pensionierungen kompensiert werden.

Im Jura sieht der Finanzplan 2004 - 2007 Einsparungen von 13 Mio. Franken im Bildungsbereich vor. Im laufenden Jahr sollen 950'000 Franken eingespart werden. Allerdings wurde der Sparschnitt auf Grund juristischer Probleme aufgeschoben.

Vor Entlassungen sind bisher auch die Lehrer im Kanton Tessin verschont geblieben. Allerdings wurden sie zur Übernahme von höheren Pensen verpflichtet.

Demografische Entwicklung

Grund für den Stellanabbau bei den Lehrern ist aber nicht die Sparschraube allein. Mitverantwortlich sind auch die rückläufigen Schülerzahlen. "Die Zahl der Primarschülerinnen und –schüler ist direkt von der demographischen Entwicklung abhängig", so Laurent Gaillard.

Da die Geburtenrate in der Schweiz sinke, gehe auch die Zahl der Sechsjährigen zurück - dies trotz der Einwanderung.

Im Kanton Bern beispielsweise wurde das neue Schuljahr an der Volksschule mit 25 Klassen weniger als im Vorjahr eröffnet.

"Es hat aber keine Entlassungen gegeben, weil die betroffenen Lehrer andere Pensen übernehmen konnten", sagte Robert Furrer, Generalsekretär der Bernischen Erziehungsdirektion.

Düstere Zukunft

Konfrontiert mit einem Rückgang der Schülerzahlen in den Primarschulen sind ferner Solothurn, Thurgau und Schaffhausen. In den kommenden Jahren wird Thurgau rund zwanzig Stellen streichen müssen, weil 400 bis 500 Schüler weniger eingeschult werden. Solothurn und Schaffhausen werden ebenfalls Stellen bei den Primarschulen streichen müssen.

Zu speziellen Lösungen führt der Schülerrückgang im Kanton Graubünden: Weil weniger Lehrkräfte benötigt werden, müssen einige Gemeinden bei der Bildung zusammenarbeiten. Entlassungen soll es dort aber keine geben.

Und im Kanton Neuenburg gab es in den Primarschulen dieses Jahr 13 Klassen weniger als im Vorjahr. Auf der Sekundarstufe haben die Klassengrössen hingegen zugenommen, so dass zwei neue Klassen gebildet werden.

Qualitätseinbusse

Weniger Geld, grössere Klassen: eine Rechnung, die für viele Lehrer auf Dauer nicht aufgehen kann. Marco Polli von der Vereinigung der Genfer Sekundarlehrer etwa warnt vor dem "markanten Leistungsverlust in den Schulen zum Nachteil der Schüler".

Philippe Chervet vom Genfer Berufsverband der Lehrer an Orientierungsschulen doppelt nach: "Die Auswirkungen der Niveausenkung werden sich erst in vier oder fünf Jahren zeigen."

Um auf die Missstände aufmerksam zu machen, hat der Westschweizer Lehrerverband (SER) für den 23. September einen Aktionstag angesagt.

Leichte Zunahmen auf Sek-Stufe II

Etwas anders sieht sieht die Tendenz bei den nachobligatorischen Schulen aus. "Auf Sekundarschule II, also bei den Gymnasien und in der Übergangs- und Berufsausbildung, wächst die Zahl der Schüler gemäss Prognosen bis 2008 noch leicht an", so Laurent Gaillard vom BfS. Danach würden die Zahlen auch dieser Gruppe abnehmen.

swissinfo, Renat Künzi und Olivier Pauchard

Fakten

Die Schülerzahlen werden gemäss BfS bis 2012 abnehmen.
Dann werden 95'000 Schüler oder 10% weniger die Schulbank drücken als 2002.
In der Ostschweiz wird gar ein Rückgang von 20% erwartet.
Der Rückgang hat bereits auf Primarschul-Stufe eingesetzt.
Ab 2008 dürfte er sich auch auf der Sekundar-Stufe auswirken.
Die abnehmenden Schülerzahl ist die Folge der seit 1992 sinkenden Geburtenrate in der Schweiz.

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In Kürze

In den letzten Jahren herrschte wegen der geburtenstarken Jahrgänge akuter Lehrermangel.

Es mussten Lehrer aus Deutschland und solche mit ungenügender Ausbildung ("Schnellbleiche") eingestellt werden.

Spardruck und rückläufige Schülerzahlen führen jetzt zu Lehrer-Entlassungen und der Vergrösserung von Schulklassen.

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