Abstimmung: Für oder gegen die Papi-Zeit?

"Frauen, die Beruf und Familie vereinbaren können, sind immer noch die Ausnahme"

Claudine Esseiva in ihrer Wohnung in Bern. swissinfo.ch

Der zweiwöchige Vaterschaftsurlaub sei "ein erster Schritt" hin zu einer gerechteren Aufgabenteilung zwischen Frau und Mann, sagt Claudine Esseiva. Ein Treffen mit der Kommunikationsberaterin, die eine Familie gründen konnte, ohne die Arbeit zu reduzieren.

Dieser Inhalt wurde am 12. August 2020 - 21:00 publiziert

"Eine Familie zu gründen, war mir sehr wichtig", sagt Claudine Esseiva zwischen zwei Schlucken Kaffee. In ihrer hellen Wohnung in der Stadt Bern erzählt die dynamische Freiburgerin, wie sie sich akribisch vorbereitete, um ihre Karriere mit Kindern fortsetzen zu können.

"Ich arbeite zu 90 Prozent als Kommunikationsberaterin und wollte das nicht reduzieren, ich liebe meinen Job", sagt sie. Als sie eine Beziehung einging und beschloss, Mutter zu werden, stellte sie sich viele Fragen: "Ich habe viele Lebensläufe gesehen, die mir nicht passten. Aber ich fand auch Beispiele, die mir Mut machten – wenn man bereit ist, dafür zu kämpfen."

Esseiva wurde als FDP-Vertreterin in den Berner Stadtrat gewählt und ist Präsidentin der Schweizer Sektion des BPW (Business and Professional Women). "Als sich die Mitglieder bei den BPW-Sitzungen vorstellten, war das so inspirierend", erinnert sie sich. "Ich habe Vorbilder gefunden: Frauen, die in verschiedenen Branchen Karriere gemacht und es geschafft haben, das mit der Familie in Einklang zu bringen."

Als sie mit ihrem Partner zusammenkam, der geschieden war und zwei Töchter hatte, beschlossen sie, ihre elterlichen Verpflichtungen vor der Ankunft des Babys zu organisieren. Damit beide ihre beruflichen und persönlichen Aktivitäten fortsetzen konnten.

"Es war nicht sehr romantisch. Ich habe zudem viele Freunde, die mir sagten, dass wir völlig verrückt wären, solche Pläne zu machen", sagt Esseiva. "Aber für mich war es wichtig zu wissen, wie der Alltag organisiert werden sollte."

Das Gleichgewicht finden

Das Paar legte mit einem Wochenplan fest, wer die Kinder wann abholt und wer einen Abend für Musik oder Politik zur Verfügung hat. "Wir wollten wirklich, dass es ausgewogen ist", betont die BPW-Präsidentin. "Ich habe oft erlebt, dass die Organisation auf die leichte Schulter genommen wurde. Und am Ende waren es dann die Frauen, die sich um die Kinder kümmerten."

Sie habe Glück gehabt, einen Mann zu treffen, der ebenfalls pedantisch sei und gleiche Ziele habe. "Der Schlüssel zur Chancengleichheit sind die Männer", sagt Esseiva. "Wenn unser Partner nicht am gleichen Strick zieht, nicht davon überzeugt ist und nicht die gleichen Aufgaben übernimmt, wird es sehr, sehr schwierig."

Sie sehe noch immer viele Männer in ihrem Umfeld, die sagen, ihre Frauen könnten sich allein um das Kind kümmern – und die ihre Arbeitszeit nach der Geburt nicht reduzieren wollen, um ihre Karriere nicht zu gefährden.

"Die Realität ist sehr hart", sagt die Politikerin. "Denn mit dem Mutterschaftsurlaub ist es die Frau, die in den ersten drei Monaten daheimbleibt. Plötzlich ist man in dieser Rolle: Weil man zu Hause ist, kocht man, macht Besorgungen, geht einkaufen. Es geht schnell, und es ist schwer, aus diesem Muster wieder herauszukommen.".

Bei der Geburt erhielt der Partner von Claudine Esseiva zwei Wochen Vaterschaftsurlaub von seinem Arbeitgeber, zuzüglich zwei Wochen Urlaub. "Ich fühlte mich anfangs nicht gut und brauchte wirklich einen Partner, der da war", sagt sie. "Das ist auch der Grund, warum ich für den Vaterschaftsurlaub kämpfe."

Positive Bilanz

Für sie sind die zwei Wochen Vaterschaftsurlaub, über die am 27. September abgestimmt wird, ein erster Schritt. "Die Geburt ist ein wichtiger Moment, der besonders geschätzt werden muss. Aber meine Vision ist es, einen Elternurlaub zu haben, der über diese zwei Wochen hinausgeht. Damit die Eltern Zeit mit dem Kind verbringen und sich von Anfang an gleichberechtigt organisieren können". Esseiva spricht von beispielsweise sechs Monaten Urlaub, wobei je ein Teil für Männer und Frauen reserviert wäre. "Aber ich will niemanden zwingen, es müssen Anreize sein", sagt sie.

Die BPW-Präsidentin und ihr Partner betreuen die Kinder an jeweils einem Tag in der Woche, beide konnten ihre Arbeitszeiten beibehalten. Der gemeinsame Sohn  ist jetzt sieben Jahre alt, und die Bilanz sei äusserst positiv: "Ich habe gesehen, wie schön es ist, wenn kleine Kinder von der Anwesenheit des Vaters profitieren. Es ist wirklich ein Gewinn für sie."

Mentalitäten im Wandel

Esseiva hält es für wichtig, den Kindern andere Vorbilder zu zeigen, damit sie diese Arbeitsteilung als normal empfinden. Dies sei noch lange nicht der Fall, sagt sie: "Mein Partner und ein anderer Vater teilen sich jeweils das Sorgerecht für ihre Kinder, die auf dieselbe Schule gehen. Die Lehrer waren wirklich überrascht zu sehen, dass es die Väter sind, welche die Kinderbetreuung organisieren."

Die Kommunikationsberaterin bedauert, dass die Rolle des Vaters in der heutigen Gesellschaft überhaupt nicht geschätzt wird. Die Konsequenzen seien gravierend: "Wie wir die Rollenverteilung auf persönlicher und beruflicher Ebene betrachten, ist für mich eine tiefgreifende gesellschaftliche Frage."

Wie sie selbst erlebt hat, ist es für eine Frau noch immer nicht einfach, in der Arbeitswelt ihren Weg zu gehen. Viele Arbeitgeber hätten sie gefragt, ob sie vorhabe, Kinder zu bekommen, während Männer ihre Karrierepläne problemlos verfolgen könnten.

Sie ist auch überrascht, dass sie die einzige Beraterin in ihrem Unternehmen ist, die gleichzeitig Mutter ist. "Es ist unglaublich, dass das im Jahr 2020 immer noch die Realität ist. Frauen, die in der Lage sind, Beruf und Familie zu vereinbaren, sind nach wie vor die Ausnahme. Dies zeigt, dass noch viel Arbeit vor uns liegt."

(Übertragung aus dem Französischen: Giannis Mavris)

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