«Slow Water»: Die Schweizer Landwirtschaft bereitet sich auf die Klimakrise vor
Anhaltende Dürreperioden und Starkregen setzen die Schweizer Landwirtschaft zunehmend unter Druck. Ein Bauer aus dem Kanton Luzern erprobt verschiedene Massnahmen, um mehr Wasser im Boden zu halten, den Boden zu schützen und die Futterversorgung für sein Vieh zu sichern. Sein Betrieb ist einer von über 110, die sich am Projekt «Slow Water» beteiligen.
«Es ist eine Oase. Ist das nicht wunderbar?», fragt Urs Burri und kennt die Antwort bereits. Von einem Hügel auf seinem Landwirtschaftsbetrieb im luzernischen Ellbach bietet sich ein herrlicher Blick auf die hügelige Landschaft des Napfgebiets.
An diesem Tag Ende Juli sind ringsherum viele Wiesen und Weiden kahl, mit nur wenigen kümmerlichen Grashalmen. Inmitten dieser trockenen Einöde liegt ein Teich, den der Bauer im Frühling dieses Jahres angelegt hat. «Wasser ist Leben», sagt er. «Es gibt Libellen. Manchmal schwimmen Wildenten darin.»
Dank dieses Teichs und zweier kleinerer Rückhaltebecken, die das Wasser langsam über Drainagerohre abgeben, ist der darunterliegende Boden grün. Dies sind zwei Massnahmen, die Burri eingeführt hat, um den immer häufiger auftretenden klimatischen Extremen wie der aktuellen Dürre entgegenzuwirken.
«Die Niederschläge sind heute ungleichmässig verteilt», sagt er. «Manchmal regnet es in Strömen, dann fällt wochenlang kein Tropfen mehr.»
Die Klimakrise gefährdet seine Existenzgrundlage. «Das Kapital des Bauern ist der Boden. Wenn ich wenig oder nichts produziere, wie soll ich dann die Kühe füttern, von denen ein Grossteil meines Einkommens abhängt?», fragt Burri.
Auf seinem biodynamisch bewirtschafteten Familienbetrieb hält er Mutterkühe, Schweine, Hühner, Truthähne, Bienen und Hunde. Es gibt rund achtzig Hochstamm-Obstbäume. Das hügelige Gelände besteht aus Weiden, Mähwiesen und einigen Feldern für den Getreideanbau.
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Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, die geprägt ist durch niederschlagfreie Perioden, gefolgt von Starkregen, nimmt Burri seit rund zweieinhalb Jahren am Ressourcenprojekt «Slow Water»Externer Link teil. Das Projekt wird vom Bundesamt für Landwirtschaft gefördert und von den Kantonen Basel-Landschaft und Luzern mitfinanziert.
«Die Initiative konzentriert sich auf zwei Hauptaspekte», sagt Oliver Schilling, Professor für Hydrologie an der Universität BaselExterner Link und Experte der Wasserforschungsinstituts Eawag.
«Der erste ist die Verringerung der Bodenerosion, die eine grundlegende Ressource für die Landwirtschaft darstellt. Der zweite ist, das Wasser so lange wie möglich in der Fläche zu halten, damit es genutzt werden kann, wenn es knapp wird. Und so zu vermeiden, dass sofort auf Bewässerung zurückgegriffen werden muss, beispielsweise indem das Wassernetz angezapft wird.»
Am Projekt «Slow Water» haben sich rund 110 Landwirtschaftsbetriebe aus den Pilotregionen in den Kantonen Basel-Landschaft und Basel-Stadt sowie Luzern beteiligt. «Im Mittelland kann man sich noch auf grosse Fliessgewässer, Seen und Grundwasservorkommen stützen. In den Voralpen, im Jura und in den Bergregionen fehlen hingegen die Alternativen während langer Trockenperioden», sagt Schilling.
«Wasser zurückzuhalten ist ein Paradigmenwechsel gegenüber der Vergangenheit, als verschiedene Sumpfgebiete drainiert wurden, um sie kultivierbar zu machen.»
Das im Jahr 2024 gestartete und bis 2030 geplante Projekt zielt darauf ab, Wasser länger in den Böden zu speichern, Erosion und Hochwasserrisiken zu verringern und die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz zu sichern.
Konkret soll der Verbrauch von Wasser aus externen Quellen im Pflanzenbau um mehr als 30% und in der Tierhaltung um mehr als 20% gesenkt werden.
Um diese Ziele zu erreichen, hat «Slow Water» 15 Massnahmen identifiziertExterner Link, die in zwei Kategorien unterteilt sind. Hydrotechnische Eingriffe sammeln, verlangsamen oder verteilen das Wasser mittels Teichen, Rückhaltebecken, Mulden, Versickerungsgräben, regulierbaren Drainagen und Keylines.
Landwirtschaftliche Praktiken verbessern hingegen die Fähigkeit des Bodens, Wasser aufzunehmen und zu speichern. Dies wird durch weniger invasive Bodenbearbeitung, Humusanreicherung, Untersaaten, Hecken und Agroforstsysteme erreicht.
Verstehen, welche Bäume die Kühe mögen
Das Napfgebiet ist durch hügeliges Gelände und eine besondere Geologie geprägt: ein Konglomerat aus Schichten gerundeter Kieselsteine, die durch feines Material verkittet und von einer dünnen Humusschicht bedeckt sind.
«Die Ernährung der Menschheit hängt von diesen zehn bis zwölf Zentimetern Erde ab», sagt Bauer Burri. «Es wird viel zu wenig getan, um diese zu schützen.»
Seine Teilnahme am Projekt «Slow Water» ist auch von dieser Überzeugung geleitet: Er will verhindern, dass er durch Erosion seine Einkommensquelle verliert. Die Vorteile betreffen jedoch nicht nur seinen Betrieb.
«Davon profitiert vor allem die Allgemeinheit. Indem wir den Wasserabfluss verlangsamen und die Versickerung fördern, speisen wir Quellen und Grundwasser und reduzieren gleichzeitig das Überschwemmungsrisiko», sagt Burri. «Es ist einfacher, Wasser umzuleiten, wenn es aus einer Quelle sprudelt. Dafür reicht ein Spaten. Um einen reissenden Bach umzuleiten, braucht man dagegen mindestens einen Bagger.»
Bis jetzt hat der vierzigjährige Bauer verschiedene Massnahmen zur Anpassung ans Klima umgesetzt, darunter die so genannten Keylines. «Das sind etwa vierzig Zentimeter tiefe Furchen, die horizontal entlang der Höhenlinien gegraben werden. Sie fördern die Versickerung, bremsen die Erosion, halten Wasser zurück und leiten es in trockenere Böden», erklärt er.
Auf den erhöhten Rändern der Keylines hat er ausserdem Futterbäume gepflanzt. Einerseits festigen deren Wurzeln den Boden, andererseits spenden die Baumkronen Schatten und die Pflanzen liefern den Tieren Mineralstoffe. «In dieser Phase müssen wir verstehen, welche Baumarten die Kühe mögen», sagt er.
Burri betont die Bedeutung des Wissensaustauschs unter Bäuerinnen und Bauern sowie des Zusammenspiels zwischen Wissenschaft und Praxis.
«Slow Water» basiert denn auch auf einem partizipativen Bottom-up-Prozess: «Die im Büro erarbeiteten Ideen bestehen nicht immer die Praxisprobe. Es ist wichtig, sie zu diskutieren und mit dem Wissen der Bauern zu verbinden», sagt er.
Die positiven Auswirkungen der Wasserrückhaltung
Die Weiden und Wiesen des Landwirtschaftsbetriebs von Urs Burri sind mit unzähligen Sensoren ausgestattet, die Niederschläge, Bodenfeuchte, Wasserstände und Abflussmengen messen. Dies erfolgt sowohl auf den Flächen, auf denen Eingriffe vorgenommen wurden, als auch auf unveränderten Böden, die als Kontrollflächen dienen.
«Die Auswirkungen dieser Massnahmen sind nicht sofort spürbar und es kann Jahre dauern, bis eine Wirkung beobachtet werden kann», sagt Schilling, der das Projekt in Ellbach wissenschaftlich begleitet.
Die Forschungsgruppe verwendet Modelle, die den gesamten Wasserkreislauf abbilden können: im Boden, an der Oberfläche und im Grundwasser. «Unser Ziel ist es, eine nationale Karte zu erstellen, die angibt, welche Massnahmen in den verschiedenen Regionen der Schweiz die besten Ergebnisse erzielen. Ein Ziel, dem wir bereits sehr nahe sind», so Schilling.
Unterdessen bemerkt Burri bereits die ersten positiven Auswirkungen auf den Flächen, auf denen Wasserrückhaltungsmassnahmen eingeführt wurden, zum Beispiel auf einer stark geneigten und der Sonne stark ausgesetzten Weide. «Hier ist der Boden noch weich und wird beim nächsten Regen in der Lage sein, das Wasser besser aufzunehmen und so die Erosion zu verringern.»
Über ein perforiertes Rohr wird das Drainagewasser von einem anderen Grundstück den Hang hinuntergeführt und in einem Brunnen gesammelt. Davon profitieren neben dem Grünland auch die vor rund zwanzig Jahren gemeinsam mit dem Vater gepflanzten Obstbäume.
Die Dürre verändert auch das Gesicht der Landwirtschaft im Kanton Tessin (RSI, 5. August 2026, auf Italienisch).
Auf einen günstigeren Herbst für die Landwirtschaft warten
Burri weiss, dass man, wenn man mit der Natur arbeitet, mit solchen Momenten der Unsicherheit leben muss, in denen man machtlos zusehen muss, wie die Hitze die Wiesen versengt. Der Bauer aus Ellbach ist jedoch weder fatalistisch noch pessimistisch. Er hofft auf einen für die Landwirtschaft günstigen Spätsommer und Herbst.
«Mit ausreichend Niederschlägen und hohen Temperaturen können wir noch genug Heu einbringen, um das Vieh den ganzen Winter über zu füttern, ohne einen Teil unserer Tiere verkaufen zu müssen», sagt er.
An seiner Seite steht sein Sohn, der eine Lehre als Landwirt macht, und an ihn richtet er den letzten Gedanken. «Ich möchte den zukünftigen Generationen eine Erde hinterlassen, die, wenn schon nicht besser, zumindest genauso gut ist wie jene, die ich von meinen Vorfahren geerbt habe.»
Von April bis Juni 2026 betrugen die Niederschläge in der Schweiz lediglich 56% des Durchschnitts der letzten drei JahrzehnteExterner Link. Zieht man auch den Juli in Betracht, ist die Dürre mit den Jahren 1976, 2003 und 2018 vergleichbar.
Die lang anhaltende niederschlagarme Periode hat schwerwiegende Folgen für die Schweizer Landwirtschaft. In einigen Regionen, darunter dem Kanton Freiburg, dem Berner Seeland, dem Jura und der Zentralschweiz, ist die Milchproduktion um bis zu 30% zurückgegangen.
Zudem wurden Fälle von Fieber und Durchfall bei Kühen gemeldet, die auf ein Virus zurückzuführen sind, das bisher in der Schweiz noch nie nachgewiesen wurde und hauptsächlich durch kleine stechende Insekten übertragen wird. Das Virus verursacht einen Rückgang der Milchproduktion.
Der Grasmangel zwingt viele Betriebe bereits im Juli, auf die Wintervorräte zurückzugreifen und einen Teil ihrer Nutztiere zu verkaufen. Im Juni und Juli wurden fast 70’000 Rinder (ohne Kälber) geschlachtet, gegenüber etwas mehr als 60’700 im gleichen Zeitraum 2025 – ein Anstieg von mehr als 15%, wie die Branchenorganisation Proviande mitteilt.
Die Bewässerung der Kulturen verursacht Kosten von mehreren Tausend Franken pro WocheExterner Link. Aus diesem Grund fordern die Bauernverbände die Grossverteiler aufExterner Link, sich an der Deckung dieser Kosten zu beteiligen und bei der Einhaltung der Qualitätsstandards der Produkte (Grösse, Form und Aussehen) flexibler zu sein.
Rund 1100 Betriebe haben bereits Dürreschäden bei Schweizer Hagel gemeldetExterner Link, der Gesellschaft, die den Sektor bei Unwetterschäden absichert. Deutlich stärker betroffen sind die Sommerkulturen, besonders Kartoffeln, Mais, Zuckerrüben und Sonnenblumen, sowie die Weiden, während die Winterkulturen wie Weizen und Gerste weniger stark betroffen sind, erklärte Urs Schuler, der Verantwortliche für die Ernteschutzkooperative.
Editiert von Daniele Mariani, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub
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