Warum die Entwicklung neuer Medikamente immer teurer wird
Die Entwicklung von Medikamenten war schon immer kostspielig und risikoreich, doch mittlerweile ist dies deutlich ausgeprägter als vor einem Jahrzehnt. Hier sind drei Gründe dafür – und warum es aufgrund mangelnder Transparenz seitens der Industrie schwierig ist, die Auswirkungen dieser steigenden Kosten auf unsere Medikamentenpreise zu berechnen.
US-Präsident Donald Trump hat europäischen Regierungen wiederholt vorgeworfen, sich auf Kosten der USA zu bereichern. Und behauptet, dass die auf dem amerikanischen Markt erzielten Gewinne dazu beitragen, pharmazeutische Forschung und Innovation zu finanzieren, von der der Rest der Welt profitiert.
Weiter fordert er, dass Europa mehr für innovative Medikamente zahlen sollte, anstatt sich auf niedrigere Verhandlungspreise zu verlassen, während die USA einen grösseren Anteil der Arzneimittelkosten tragen.
Swissinfo schlüsselt die Zahlen auf, um zu verstehen, warum die Entwicklung neuer Medikamente immer teurer wird und woher die Innovationen tatsächlich stammen.
Die durchschnittlichen Kosten für die Entwicklung eines neuen Medikaments, von der Entdeckung bis zur Markteinführung, beliefen sich 2024 für die 20 grössten Biopharmaunternehmen der Welt auf 2,23 Milliarden US-Dollar – ein Anstieg um 65% gegenüber 2014, respektive um rund 25%, wenn man die Inflation berücksichtigt.
Diese Zahl, die im Jahresbericht 2025 von DeloitteExterner Link über Innovationen in der Biopharmabranche veröffentlicht wurde, ergibt sich aus der Division der gesamten F&E-Ausgaben dieser Unternehmen durch die Anzahl neuer Medikamente und den Kosten gescheiterter Versuche. Zwölf dieser 20 Unternehmen verzeichneten höhere Kosten, was darauf hindeutet, dass der Druck branchenweit besteht.
Was sind die Ursachen für diesen Anstieg?
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1. Komplexere Medikamente treiben Entwicklungskosten hoch
Die Arzneimittelentwicklung war schon immer schwierig. Doch die biologische Komplexität heutiger Medikamente erschwert sie weiter und treibt die Kosten für Forschung, Laborarbeit und Herstellung in die Höhe.
Jahrzehntelang waren die Verkaufsschlager der Branche einfache chemische Verbindungen in Tablettenform, von Statinen bis hin zu Schmerzmitteln.
«Nun dringen die Unternehmen zunehmend in komplexere Bereiche vor: Spezialmedikamente, Gentherapien und hochspezialisierte Behandlungen für kleine Patientengruppen», sagt Amanda Cole, Direktorin im Office of Health Economics.
Dazu gehören monoklonale Antikörper wie Keytruda, eine in der Krebsbehandlung eingesetzte Immuntherapie. Weitere Beispiele sind RNA-basierte Therapien wie die Covid-19-mRNA-Impfstoffe sowie Zell- und Gentherapien.
«Diese können einen echten Mehrwert für Patienten bieten, stellen aber auch schwierige wissenschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen dar», so Cole. Traditionell zielten Medikamente auf Körperteile ab, die Wissenschaftler gut verstanden, doch heutige Medikamente zielen eher auf biologische Mechanismen ab, die Forscher noch immer zu entschlüsseln versuchen – wie die fehlgefalteten Proteine, die hinter Alzheimer stehen, oder die spezifischen genetischen Mutationen, die eine seltene Krebsart auslösen. Das bedeutet längere Forschungszeiträume und höhere Laborkosten, bevor ein Medikament überhaupt in die Testphase kommt.
Ein Grossteil der Forschung konzentriert sich mittlerweile auf Biologika, also Medikamente, die aus lebenden Zellen oder Organismen statt aus Chemikalien hergestellt werden, wie beispielsweise Insulin und viele moderne Krebsbehandlungen. Da es sich hierbei um empfindliche Moleküle handelt, kann bereits eine geringe Temperaturschwankung oder eine Verunreinigung eine gesamte Charge ruinieren, weshalb Unternehmen in jedem Schritt massiv in die Qualitätskontrolle investieren.
In seinem Bericht «Global Trends in R&D 2025Externer Link» zeigt IQVIA, ein auf Gesundheitsdaten und -forschung spezialisiertes Unternehmen, dass der Anteil von Studien mit kleinmolekularen Tabletten in den letzten zehn Jahren in jeder Phase stetig zurückgegangen ist und durch Biologika und andere komplexe Therapien ersetzt wurde.
2. Klinische Studien sind anspruchsvoller und teurer geworden
Nicht nur die Medikamente haben sich verändert: Auch die Studien selbst sind umfangreicher, datenintensiver und schwieriger zu besetzen geworden. Das Tufts US-Forschungszentrum Center for the Study of Drug Development schätztExterner Link, dass Phase-3-Studien allein an direkten Betriebskosten etwa 55’700 US-Dollar pro Tag kosten.
Studien müssen heute drei Zielgruppen gleichzeitig zufriedenstellen: die Zulassungsbehörden, die detailliertere Nachweise für Sicherheit und Wirksamkeit verlangen; die Versicherer und nationalen Gesundheitssysteme, die den Nachweis verlangen, dass das Medikament einen Mehrwert bietet; sowie die Ärztinnen und Patienten, die es letztendlich verschreiben und anwenden werden.
Im Jahr 2025 umfasste ein typisches Phase-3-Protokoll – der Masterplan für die Studie – durchschnittlich 19 Endpunkte (die spezifischen Messgrössen, anhand derer beurteilt wird, ob das Medikament wirkt). Das sind laut einer Studie von TuftsExterner Link 30% mehr als im Jahr 2012.
Der grösste Sprung ist jedoch das Datenvolumen, das bei jeder Studie mittlerweile erfasst wird. Im Jahr 2012 wurden bei einer durchschnittlichen Phase-3-Studie etwa 929’000 Datenpunkte gesammelt: Messwerte wie Blutuntersuchungsergebnisse, Befunde von Bildgebungsverfahren, von Patienten berichtete Symptome und Vitalparameter.
Bis 2025 war diese Zahl jedoch auf fast sechs Millionen gestiegen – eine mehr als sechsfache Zunahme. Und jede zusätzliche Biopsie, jede weitere MRT-Untersuchung oder jedes weitere Land, das in die Studie einbezogen wird, erfordert mehr Genehmigungen und ist mit einem höheren Aufwand für Logistik, Überwachung und Datenmanagement verbunden.
Die Durchführung grösserer Studien ist nur die halbe Herausforderung. Die Suche nach den richtigen Patienten für die Teilnahme ist schwieriger denn je geworden – und auch das treibt die Kosten in die Höhe.
Da Medikamente immer zielgerichteter geworden sind, ist der Pool geeigneter Teilnehmer geschrumpft, doch für jede Studie werden genügend Patientinnen benötigt, um statistisch zuverlässige Ergebnisse zu erzielen.
Dies zeigt sich besonders deutlich bei Krebs und seltenen Krankheiten, zwei Bereichen, auf die sich ein Grossteil der heutigen Forschung und Entwicklung konzentriert. Laut IQVIAExterner Link entfallen mittlerweile 41% aller klinischen Studien auf die Onkologie, und 74% der im Jahr 2024 begonnenen Studien bewerteten Medikamente für seltene Krebsarten.
Ein neues Medikament zur Behandlung von Lungenkrebs wird beispielsweise nicht an allen Lungenkrebspatienten getestet, sondern nur an solchen mit einer bestimmten Tumormutation, die sich in einem bestimmten Krankheitsstadium befinden und ein bestimmtes Biomarkerprofil aufweisen.
Infolgedessen ist die Patientenrekrutierung weniger effizient geworden. Untersuchungen haben ergebenExterner Link, dass 81% der Personen, die für die Teilnahme an Studien zu seltenen Krankheiten vorgeschlagen werden, nicht dafür taugen, während mehr als die Hälfte derjenigen, die das erste Screening bestehen, dennoch nicht weiter berücksichtigt werden. Unternehmen müssen daher eine grosse Anzahl von Patientinnen untersuchen – oft unter Einsatz teurer Tests wie Biopsien, Gensequenzierung und Biomarker-Analysen –, um genügend geeignete Teilnehmende zu finden.
Wenn die Rekrutierung hinter den Erwartungen zurückbleibt, werden die Protokolle geändert, um Zulassungskriterien zu lockern oder neue Standorte hinzuzufügen, was kostspielige erneute Einreichungen und Verzögerungen nach sich zieht.
3. Misserfolge sind kostspielig – und die Erfolgschancen sinken
Die Erfolgsraten in der Arzneimittelentwicklung sinken, und jeder Misserfolg ist enorm kostspielig. Laut dem Deloitte-Bericht 2025 gaben die 20 führenden Biopharmaunternehmen allein im Jahr 2024 rund 7,7 Milliarden US-Dollar für klinische Studien zu Arzneimitteln aus, die letztlich aufgegeben wurden.
Laut einer Analyse von Daten aus den Jahren 2014 bis 2023Externer Link durch Citeline/Biomedtracker ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Medikament, das in die Phase 1 eintritt, schliesslich auf den Markt kommt, auf 6,7% gesunken – ein Allzeittief und ein Rückgang gegenüber den 10,4% aus einer viel zitierten Schätzung von Citeline aus dem Jahr 2014. Der grösste Engpass ist die Phase 2, in der nur 28% der Studien erfolgreich sind. Selbst in Phase 3, der längsten und teuersten Testphase, sind nur 55% erfolgreich.
Diese Dynamik erklärt zum Teil, warum die durchschnittlichen Gesamtkosten so hoch sind: Jedes erfolgreiche Medikament muss die Kosten für die vielen tragen, die auf dem Weg dorthin gescheitert sind – und die Unternehmen konzentrieren sich zunehmend auf Bereiche, in denen die biologischen Zusammenhänge noch kaum verstanden sind und Krankheiten daher schwerer zu behandeln sind.
Gantenerumab von Roche, das zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit entwickelt wurde, zeigt, wie kostspielig ein Scheitern sein kann. Das Medikament scheiterte zunächst 2014 in einer Phase-3-Studie. Roche belebte das Programm daraufhin wieder, testete höhere Dosierungen und startete zwei neue globale Phase-3-StudienExterner Link, an denen fast 2000 Patienten in 30 Ländern teilnahmen. Ende 2022 scheiterten beide Studien erneut.
Roche hat die Gesamtkosten nie offengelegt, doch die Durchführung von zwei globalen Studien dieser Grössenordnung über einen so langen Zeitraum belief sich mit ziemlicher Sicherheit auf mehrere hundert Millionen Dollar – und der gesamte Betrag musste abgeschrieben werden.
Die fehlende Rechnung
Auch wenn der allgemeine Trend klar ist, lassen sich die Entwicklungskosten eines einzelnen Medikaments nach wie vor nur schwer überprüfen, da Pharmaunternehmen selten offenlegen, wie viel sie für die Entwicklung eines bestimmten Medikaments ausgeben.
Die meisten Schätzungen der Branche sind Durchschnittswerte, die auf Modellen basieren, welche sehr unterschiedliche Annahmen darüber treffen, was berücksichtigt werden sollte: eigene Ausgaben, gescheiterte Projekte oder die Kapitalkosten, die über Jahre hinweg in der Forschung gebunden sind.
Dieser Mangel an Transparenz spielt vor allem dann eine Rolle, wenn sich die Diskussion von den Kosten auf den Preis verlagert. «Das macht es den Regulierungsbehörden unmöglich zu prüfen, ob der Preis eines bestimmten Medikaments durch die Investition gerechtfertigt ist», sagt Patrick Durisch, Leiter Gesundheitspolitik bei der Schweizer NGO Public Eye.
Mehr Transparenz würde die Verhandlungsposition der Behörden bei Preisverhandlungen stärken, argumentiert Severin Studer vom Schweizer Versicherer Helsana, auch wenn das derzeitige Preissystem der Schweiz die F&E-Kosten formal nicht als Grundlage für Erstattungsentscheidungen heranzieht.
Arzneimittelentwickler haben triftige Gründe, diese Zahlen nicht zu veröffentlichen: Wettbewerbsbedenken, rechtliche Risiken und die Schwierigkeit, geteilte Kosten auf ein Portfolio aufzuteilen. Die Folge ist jedoch, dass eine Debatte von enormer gesellschaftlicher Tragweite – inwieweit steigende Entwicklungskosten steigende Arzneimittelpreise rechtfertigen – ohne die benötigten Nachweise geführt wird.
Editiert von Nerys Avery/vm/ts, Übertragung aus dem Englischen: Giannis Mavris
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