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Smartvote: Schweizer Erfindung hilft Tibets Diaspora beim Wahlentscheid

Zwei buddhistische Mönche in roten Gewändern gehen an einem türkisfarbenen Wandgemälde vorbei
Buddhistische Mönche gehen am 1. Februar 2026 während einer Wahl in Dharamsala (Indien), dem Sitz der tibetischen Exilregierung, am tibetischen Nationaldenkmal für Märtyrer vorbei. Sanjay Baid / AFP

13'000 Mal wurde die Online-Wahlhilfe «Smartvote Tibet» bei den tibetischen Exilwahlen 2026 genutzt, was über einem Fünftel der Stimmen entspricht. Die Schweiz-Tibeterin Palmo Brunner erklärt, was das Angebot bedeutsam macht – und was es mit einem Cyberangriff in der heissen Phase auf sich hat.

Ursprünglich wurde Smartvote in der Schweiz entwickelt: Es sollte Wähler:innen beim Wahlentscheid zu helfen. Heute werden das Tool und andere Online-Wahlhilfen in vielen demokratischen Ländern genutzt. Und in einer Demokratie ohne Land: in der tibetischen Exil-Politik.

2026 war Smartvote Tibet bereits zum zweiten Mal im Einsatz. Rund 13’000 Wahlempfehlungen hat Smartvote Tibet ausgegeben. Das ist bedeutend: Gut 51’000 Exil-Tibeter:innen gaben ihre Stimme in den Parlamentsvorwahlen im Februar ab, etwas mehr als 41’000 in den Hauptwahlen zwei Monate später. Allerdings kann man von den 13’000 Smartvote-Nutzer:innen nicht direkt auf die Wähler:innen schliessen. Jede Person, wahlberechtigt oder nicht, kann den Fragebogen mehrmals ausfüllen.

«Die meisten Zugriffe kamen aus den Hauptregionen, in denen Tibeter:innen in der Diaspora leben: Indien, Europa und Nordamerika», sagt die schweizerisch-tibetische Politikwissenschaftlerin Palmo Brunner, die zum Freiwilligenteam hinter Smartvote Tibet gehört.

Die Nutzenden füllen einen Fragebogen zu politischen Themen aus und erhalten eine Übersicht, wie sehr welche Kandidierende mit ihren Ansichten übereinstimmen. So funktioniert das Prinzip von Smartvote. Brunner sagt, man wolle einen «Beitrag zu einer informierten Entscheidung leisten» und gleichzeitig möglichst viele Exil-Tibeter:innen zum Wählen motivieren.

Dies stärke die Legitimität: «Uns ist die politische Partizipation wichtig, aber auch, dass wir die demokratischen Institutionen stärken – und ersteres hängt mit letzterem zusammen.»

Dalai Lama und Penpa Tsering
Der Dalai Lama nimmt am 27. Mai 2026 in Dharamsala an der Vereidigungszeremonie für die zweite Amtszeit von Penpa Tsering als Sikyong teil. Der Sikyong ist der Regierungschef der Exilregierung von Tibet. Sanjay Baid / AFP

«Die einzige voll funktionsfähige Exilregierung»

Etwa 150’000 Tibeter:innen leben im Exil. Sie können sich zum Wählen registrieren und alle fünf Jahre die Abgeordneten des Exilparlaments wählen, sowie den Sikyong, den Regierungschef der tibetischen Exilverwaltung.

Nicht an der Wahl teilnehmen können die Millionen Tibeter:innen im autoritären China. Die Repression dort ist beträchtlich: Gemäss UNO-Menschenrechtsexpert:innen hätten in den letzten 25 Jahren chinesische Programme um die 3,36 Millionen Tibeter:innenExterner Link umgesiedelt oder zur Sesshaftigkeit gezwungen.

Die schiere Existenz einer demokratischen Exilregierung sei ein Zeichen gegen das «Narrativ der Volksrepublik China», welches leugne, «dass Tibet einst ein unabhängiger Staat mit seiner eigenen legitimen Regierung war», sagt Lobsang Sangay. Der Rechtswissenschaftler war von 2012 bis 2021 Sikyong, Oberhaupt der Exilregierung.

Eine so verstreute Bevölkerung zu erreichen und zu koordinieren, beschreibt er als «ständige logistische Herausforderung». Man müsse viel reisen. Die Exilregierung sieht Sangay als vorbildlich. Es sei «die einzige voll funktionsfähige und wohl auch die effektivste Exilregierung in der heutigen Welt».

Doch was kann eine Regierung im Exil erreichen? Brunner sagt: «Sie setzt sich für die Wahrung der tibetischen Identität und die Menschenrechte ein.» Neben ihrer symbolischen Bedeutung stehen aber auch sehr konkrete Themen an: «In den traditionellen Exilsiedlungen in Indien geht es etwa um die Förderung tibetischer Schulen oder die Finanzierung medizinischer Behandlungen.»

Finanziert wird die Arbeit der Exilregierung zu einem kleinen Teil über eine freiwillige Steuer unter den Tibeter:innen. Mehrheitlich ist sie abhängig von Auslandshilfe, vor allem aus den USA. Auch dazu gab es eine Frage bei der Online-Wahlhilfe – denn manche Politiker:innen wollen die Beiträge der Exil-Tibeter:innen erhöhen, um die internationale Abhängigkeit zu verringern.

Lesen Sie auch unseren Beitrag über einen Schweizer Regierungsbericht zu transnationaler Repression gegen tibetische und uigurische Minderheiten in der Schweiz:

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Demokratie ging von Dalai Lama aus

Bereits vor seiner Flucht vor der chinesischen Besatzung 1959 entwickelte der Dalai Lama seine Idee eines demokratischen Tibets. Die erste Wahl für das damals 13-köpfige Parlament fand 1960 bereits im Exil, im nordindischen Dharamsala, statt. Doch die demokratische Durchdringung der Strukturen brauchte Zeit.

Seit 2001 wählen die Exil-Tibeter:innen ihren Regierungschef direkt. 2011 zog sich der Dalai Lama vollständig aus seinen politischen Ämtern zurück und übertrug seine Befugnisse an die gewählte Führung. Heute wählen die Tibeter:innen alle fünf Jahre parallel zum Exilparlament auch den Sikyong. Im Parlament sitzen 45 Abgeordnete. Zwei Drittel davon wählen die Tibeter:innen in Indien, Nepal und Bhutan, entsprechend ihrer Herkunftsprovinz in Tibet. Zehn Sitze sind den verschiedenen Klosterschulen vorbehalten. Eine Person vertritt Australien und das restliche Asien, je zwei vertreten Europa und Nordamerika.

Brunner schildert die Entwicklung der Exildemokratie als kontinuierlichen Prozess: «Demokratien entstehen oft, weil die Bevölkerung mehr politische Mitbestimmung verlangt», sagt sie. «In unserem Fall ging der Impuls stark von einer Person aus, die eine demokratische Vision hatte: von Seiner Heiligkeit, dem 14. Dalai Lama.»

Schwarz-Weiss-Comicstrip
Ein Comicstrip aus dem Tibetan Review von 1990 zeigt das exemplarisch: In Osteuropa fordert die Masse auf der Strasse Demokratie, während die Machthaber verdutzt auf sie runterschauen. In Dharamsala wiederum ruft der Dalai Lama nach Demokratie, während die Menschenmenge vor ihm Fragezeichen hat. Tibetan Review / Lobsang Gyatso

Könnte sich auch China für Smartvote Tibet interessieren?

Wenn die Demokratie von oben ausgeht, steht eine Gesellschaft vor der Herausforderung, eine politische Debatte zu beleben und zu leben. Umso mehr im Falle Tibets, wo die Interessen der Diaspora jenen des autoritären China entgegenstehen. Entsprechend gibt es Gründe, Dissens und Polarisierung untereinander zu meiden.

Das zeigt den Gratgang, den Smartvote Tibet geht. «Konflikte und Meinungsvielfalt beleben die Demokratie. Doch für eine Gemeinschaft im Exil sind sie eine grosse Herausforderung, weil es auch laute Rufe und ein grosses Bedürfnis nach Geschlossenheit und Einheit gibt», so Brunner.

Das Projekt Smartvote Tibet ist darum nicht unumstritten. Denn wer verschiedene politische Positionen aufzeigt, macht auch Konfliktlinien sichtbar. «Manche wollen aus Prinzip nicht mitmachen», sagt Brunner. Teilweise aus Sorge, dass China die Informationen darüber, wie Politiker:innen positioniert sind, nutzen könnte.

Was der ehemalige Sikyong über Smartvote Tibet denkt

Der ehemalige Sikyong Sangay hingegen sieht die «tibetische Erfahrung» als Exempel dafür, dass «sich eine lebhafte demokratische Debatte und kollektive Einigkeit nicht ausschliessen müssen», sondern sich bestärken können.

Entsprechend schätzt Sangay Smartvote Tibet. Er nennt es eine «wertvolle Initiative», weil sie unter den Kandidierenden Transparenz und Rechenschaftspflicht für ihre Meinungen stärke und den Wählenden helfe, fundierte Entscheidungen zu treffen. Doch ebenso entscheidend für den Wahlentscheid sei, ob man der Integrität der Kandidierenden vertraue, betont Sangay. Auch das sollten Initiativen für informierte Wahlentscheide vermitteln.

Lobsang Sangay
Lobsang Sangay war vom 20. September 2012 bis zum 27. Mai 2021 Ministerpräsident der tibetischen Exilregierung. Money Sharma / AFP

Etwa die Hälfte der Kandidierenden hat 2026 den Smartvote-Fragebogen ausgefüllt. Dies war kein Selbstläufer. Dahinter steht viel Engagement von Project Democracy, dem Verein hinter Smartvote Tibet. In Einzelfällen sass auch jemand mit der kandidierenden Person zusammen am Computer und ging Schritt für Schritt durch den Fragebogen.

Während europäische Demokratien stark auf einer Links-Rechts-Skala basieren, schildert Brunner andere Konfliktlinien in der tibetischen Politik. Eine verlaufe zwischen Tradition und Moderne. So sei wird etwa diskutiert, ob zeitgenössische tibetische Kunst gefördert werden soll.

Auch die Repräsentation ist ein kontroverses Thema: «Man geht davon aus, dass bald die Hälfte der Tibeterinnen und Tibeter im Exil nicht mehr in den traditionellen Siedlungen in Südasien lebt, sondern in westlichen Ländern, vor allem in Nordamerika», sagt Brunner. Diese Bevölkerungsverschiebung spiegle sich bislang nur begrenzt in der Zusammensetzung des Exilparlaments wider. Auch dazu gab es eine Frage bei Smartvote Tibet. Die Antworten dazu, ob die Sitzverteilung im Exilparlament reformiert werden sollte, schildert Brunner als «sehr unterschiedlich».

Folgen der Trump-Politik und ein Cyberangriff

Finanziell habe Smartvote Tibet zu spüren bekommen, dass sich die USA von internationaler Demokratieförderung abgewendet haben. Auch sonst wirkte sich die politische Lage in den USA 2026 auf die tibetischen Exilwahlen aus: Aus Angst vor Kontrollen der Einwanderungsbehörde ICE fanden in den USA tibetische Neujahrsfeiern teilweise nur eingeschränkt statt. Damit seien wichtige Gelegenheiten weggefallen, vor Ort auf Smartvote Tibet aufmerksam zu machen. Noch schwieriger beschreibt Brunner die Situation in Nepal, wo der politische Druck auf die tibetische Gemeinschaft besonders gross sei und sich nur Wenige an Smartvote Tibet beteiligten.

Auch einen direkten Cyberangriff erlebte Smartvote Tibet: Während der ersten Wahlrunde versuchten Unbekannte Smartvote Tibet mit zeitweise mehr als 900’000 Anfragen pro Tag offline zu bringen.

«Davon lassen wir uns nicht einschüchtern. Ich sehe es ermutigend: Das Projekt hat einen Wert», sagt Brunner. Die Urheber konnte man nicht ermitteln. Zum Glück habe man rasch reagieren können und Unterstützung erhalten von der Schweizer Firma Polittools – der Erfinderin von Smartvote.

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