Konflikte leben lernen
Das Netzwerk "jung & stark" soll als erste Institution in der Schweiz in der Gewalt- und Suizidarbeit mit Kindern und Jugendlichen konsequent Gesundheitsförderung betreiben.
«Es gibt bereits viele kleinere Projekte in der Schweiz, zum Beispiel an Schulen und in Gemeinden, die Gewalt- und Suizid-Prävention bei Kindern und Jugendlichen betreiben», sagt Anna Sax, Projekt-Verantwortliche bei pro juventute. All diese Initiativen und Projekte seien aber bisher kaum vernetzt.
«Die Schweiz tut herzlich wenig»
Noch schlechter schätzt der Psychiater und Suizid-Exerte Konrad Michel die Situation ein; die Suizid-Prävention für Jugendliche werde in der Schweiz richtiggehend vernachlässigt: «Es gibt verschiedene lokale Initiativen und Institutionen, aber es fehlt ganz klar ein Gesamtkonzept.» Australien zum Beispiel habe vor einigen Jahren 40 Mio. australische Dollar für ein entsprechendes Programm gesprochen.
Die individuelle Freiheit
Ein Ziel von «jung & stark» sei es, so Anna Sax gegenüber swissinfo, das verstreute Know-How ausfindig zu machen, zu dokumentieren und zu vernetzen. Pro juventute erhält von der Schweizerischen Stiftung für Gesundheitsförderung für die dreijährige Aufbauphase 1,35 Mio. Franken.
Laut Konrad Michel ist die Selbstmord-Häufigkeit in der Schweiz in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Im europäischen Vergleich liege die Schweiz im Mittelfeld. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen (Altersgruppe 15 – 30) weise die Schweiz jedoch eine hohe Suizid-Rate auf.
Wieso relativ viele junge Menschen in der Schweiz sich das Leben nehmen, könne er nicht begründen, sagt Konrad Michel. Man nehme aber an, dass es etwas mit der Einstellung in der Gesellschaft überhaupt zu tun habe, nämlich mit der Freiheit des Einzelnen. «Und die ist bei uns recht hoch. Man fühlt sich frei, zu machen oder mit dem Leben umzugehen, wie man will.»
«Es ist von Vorteil, wenn man schwimmen kann»
Konflikte und Krisen bei Kindern und Jugendlichen seien normal. «Die Kinder und Jugendlichen müssen lernen, mit Krisen zu leben. Es geht nicht darum, Krisen und Konflikte zu vermeiden, sondern einen möglichst konstruktiven Umgang damit zu finden – so dass es gar nicht zu Selbstmord-Versuchen oder Selbsttötungen kommt.»
Das frühe Erkennen und Angehen von depressiven Zuständen ist laut Psychiater Michel einer der wichtigsten Faktoren, um Suizid zu verhüten. Gefragt seien nebst Ärzten vor allem auch die Lehrkräfte, Leiter von Jugendgruppen und natürlich auch die Eltern, die erkennen sollten, dass sich der Zustand eines Jugendlichen verändert und etwas nicht stimmt. «Deshalb ist es ganz wichtig, dass diese Kenntnisse über die Gefahrenzeichen möglichst breit gestreut sind.»
Hinterher weiss man Vieles besser
Monika Sommer ist seit 15 Jahren Lehrerin in einem kleinen Dorf im Emmental. Sie hat während ihrer Unterrichtserfahrung schon mehrere Selbstmorde von Kindern und Jugendlichen erleben müssen. Einen Fall erlebte sie als besonders schlimm:
«Ein knapp 13-jähriger Sechstklässler hatte im Zeugnis zwei Noten nach oben verbessert. Als der Klassenlehrer die Eltern über den Vorfall informierte und die Geschichte aufflog, erschoss er sich.» Für die Klassenkameraden des Knaben war das ein schwerer Schock. Und auch im Lehrerzimmer habe nach dem tragischen Ereignis Hilflosigkeit geherrscht.
Sie für sich sei seither aufmerksamer geworden, erzählt Monika Sommer. «Ich versuche vermehrt eine Atmosphäre zu schaffen, die offene Gespräche zulässt. Zudem will ich den jungen Menschen das Gefühl vermitteln, dass im Leben nicht nur die Leistung zählt.»
Wichtige Fachberatung
Jöran Kjellberg, Oberarzt am Suizid-Präventions-Zentrum in Genf, betont, wie wichtig die Beratung durch Fachleute ist. «Wir versuchen, die Umgebung suizid-gefährdeter Jugendlicher mit einzubeziehen, die Eltern, den Freundeskreis.» Gemäss der Lehrerin Monika Sommer hätte eine fachliche Beratung von aussen der Lehrerschaft und den Schülerinnen und Schülern beim Selbstmord des 13-jährigen Mitschülers bestimmt geholfen.
Dass das Thema «Suizid-Prävention» in der Ausbildung künftiger Lehrkräfte Platz finden sollte, ist für Johannes Gruntz, Leiter des Instituts für Lehrerinnen- und Lehrerbildung in Biel, klar. Da der Studienplan aber relativ allgemein gefasst sei, komme es auf die einzelnen Dozenten an, ob diese Problematik auch wirklich zum Zug komme.
Allgemeine Verunsicherung
Der Suizid-Experte Konrad Michel ist überzeugt, dass die Attentate in den USA, der Krieg gegen den Terror, aber auch die Umweltgefährdung indirekt einen Einfluss auf die Suizid-Gefährdung von Jugendlichen haben.
«Die Einstellung dem Leben gegenüber verändert sich. Das Leben ist nicht mehr derart eine Selbstverständlichkeit wie bei der früheren Generation. Man weiss, dass das Leben gefährdet ist. Die Jugendlichen sprechen heute eindeutig viel offener und häufiger darüber, dass man auch die Freiheit hat, mit dem Leben Schluss zu machen.»
Das Ziel von «jung & stark» ist ganz klar, früher anzusetzen, also nicht in der eigentlichen Prävention sondern in der Gesundheitsförderung, sagt Anna Sax. «Früher oder später fällt jeder und jede einmal ins kalte Wasser. Es ist dann einfacher, wenn der betroffene junge Mensch schwimmen kann, das heisst, gelernt hat, sich auszudrücken, seine Probleme selbst an die Hand zu nehmen und selbst nach Lösungen zu suchen.»
Gaby Ochsenbein
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