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Die USA treiben Psychedelika- Therapien voran – was bedeutet das für die Schweiz?

Trump unterzeichnet im Oval Office des Weißen Hauses eine Durchführungsverordnung zur Förderung der Forschung und des Zugangs zu psychedelischen Therapien für die psychische Gesundheit.
Donald Trump unterzeichnet eine Verordnung zur Ausweitung der Forschung zu psychedelischen Substanzen. Keystone

Die Schweiz ist eines der wenigen Länder in Europa, in denen psychedelische Therapien erlaubt sind, doch der Zugang ist äusserst begrenzt. Mit Rückenwind aus den USA für neuartige Behandlungsmethoden könnte sich dies nun ändern.

Am 18. April 2026 kam unerwartete Kunde aus den USA: Die Forschung zu Psychedelika soll intensiviert und der Zugang zu psychedelischen Behandlungen in der Psychiatrie verbessert werden. Die Ankündigung erfolgte nur einen Tag vor dem Jahrestag des Selbstexperiments von Albert Hofmann mit der halluzinogenen Droge Lysergsäurediethylamid (LSD) im Jahr 1943. Der Schweizer Wissenschaftler unternahm damals den ersten bewusst gewollten LSD-Trip der Geschichte.

Psychedelische Substanzen, die als Therapiekandidaten in Frage kommen, sollen von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA nun innerhalb von ein bis zwei Monaten statt wie bisher sechs oder mehr Monaten geprüft werden. Die Prüfung erfolgt im Rahmen desselben Pilotprogramms, das bis anhin zur beschleunigten Zulassungsprüfung von Gentherapien und Krebsbehandlungen zur Verfügung stand.

Mittels präsidialem DekretExterner Link hat die Trump-Regierung gefordert, dass Patienten Zugang zu Wirkstoffen erhalten, die sich noch in der Testphase befinden, darunter die psychoaktive Substanz Ibogain. Zudem hat die Regierung einen Beitrag von 50 Mio. USD (39 Mio. Franken) zu einem Forschungsprogramm für bahnbrechende Technologien bereitgestellt und auf die Bedeutung solcher Behandlungen für Veteranen hingewiesen, unter denen die Selbstmordrate doppelt so hoch ist wie in der übrigen erwachsenen Bevölkerung.

In Europa wurde die Nachricht begrüsst. Arzneimittelhersteller bringen ihre Produkte oft zuerst in den USA auf den Markt und beantragen die Zulassung in anderen Ländern erst hinterher. Eine Zulassung durch die FDA auf dem weltweit grössten medizinischen Markt kann als Hinweis auf künftige Zulassungen in Europa verstanden werden.

Das Nasenspray Spravato von Johnson & Johnson zur Behandlung von Depressionen wurde im März 2019 zunächst in den USA zugelassen und zehn Monate später in Europa registriert. Das Medikament enthält den Wirkstoff Ketamin, ein Narkosemittel mit psychoaktiver Wirkung. Es wurde ein Jahr nach der US-Zulassung in der Schweiz eingeführt und ist derzeit in über 70 Ländern erhältlich.

Werden psychedelische Medikamente bald marktfähig?

Die Ankündigung steht im Widerspruch zur traditionellen Haltung der Republikanischen Partei in der Drogenpolitik – Präsident Richard Nixon hatte Substanzen wie LSD in den 1970er-Jahren kriminalisiert und die medizinische Forschung auf diesem Gebiet zum Erliegen gebracht.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen dann neue Medikamente wie Antidepressiva auf den Markt. Die Erforschung von Psychedelika zur Behandlung psychischer Erkrankungen hingegen bis vor kurzem als riskant und war an strenge gesetzliche Auflagen gebunden.

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In der Schweiz wird seit der Entdeckung von LSD, eines der weltweit wirksamsten Psychedelika, kontinuierlich geforscht. Nebst LSD wurde hierzulande zur Behandlung psychischer Erkrankungen aktiv mit Psilocybin (aus Pilzen) und MDMA experimentiert, einem Stimulans, das teilweise als Ecstasy bezeichnet wird.

Die Substanzen sind zwar in der Schweiz nach wie vor illegal. Seit 2014 aber können Ärzt:innen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) für Patient:innen mit Erkrankungen wie Depressionen, posttraumatischer Belastungsstörung und Angstzuständen eine individuelle Ausnahmegenehmigung beantragen. Die Schweiz ist derzeit das einzige Land in Europa, in dem eine Behandlung mit diesen drei Psychedelika ausserhalb klinischer Studien möglich ist.

«Aufgrund der Zulassungen in den USA wird die Schweiz die Medikamente letztendlich ebenfalls zulassen, ohne dass in Zukunft Sondergenehmigungen erforderlich sein werden», glaubt Daniele Zullino, Leiter der Psychedelika-unterstützten Therapie am Universitätsspital Genf (HUG). Das sind gute Nachrichten für die Schweiz.

Psychedelika-unterstützte Behandlung

Für die Behandlungen gelten strenge Auflagen, darunter Psychotherapie-Sitzungen vor und nach der Einnahme von Psychedelika, was die Therapie zeitaufwendig und teuer macht.

Während der Sitzungen, die bis zu acht Stunden dauern können, werden die Patient:innen von Pflegefachkräften beobachtet, und am Tag nach der Einnahme finden weitere Psychotherapiesitzungen statt. Eine derartige Behandlung ist aktuell nur an Privatkliniken und an den Universitätskliniken von Bern, Zürich, Freiburg und Genf möglich, wo die Wartefrist für Patient:innen 2025 sechs Monate bis zu einem Jahr betrug.

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Die Überwachung und der therapeutische Teil der Behandlung werden zwar von einigen Krankenkassen übernommen, die Medikamente aber müssen die Patient:innen vollumfänglich selbst bezahlen – sie sind von der schweizerischen Arzneimittelbehörde Swissmedic nicht zugelassen. Am Universitätsspital Genf kostet eine LSD-Therapiesitzung 200-300 Franken (USD 255-385), eine Behandlung mit Psilocybin beginnt bei 400 Franken und kann bei höheren Dosen bis zu 800 Franken teuer werden. Die Sitzungen werden etwa dreimal im Jahr wiederholt.

Viele potentielle Patient:innen

2021 nahmen in der Schweiz etwa 770’000 Menschen Antidepressiva ein – das entspricht 9% der Bevölkerung. Im gleichen Jahr wurden nur 147 Sondergenehmigungen für Psychedelika erteilt, in den letzten zehn Jahren insgesamt ca. 2000. Die Zahl der Patienten, die von Psychedelika profitieren könnten, ist also potenziell viel höher, zumal jeder dritte Patient nicht auf Antidepressiva anspricht.

Zulassungen durch Swissmedic im Fahrwasser von FDA-Genehmigungen könnten die hohen Kosten von Psychedelika abfedern – allerdings unterscheidet sich der Behandlungsansatz zwischen der Schweiz und den USA stark. In den USA werden Wirkstoffstudien weiter nach klassischem Muster verfolgen (Nachweis der Wirksamkeit gegenüber einem Placebo) und die therapeutische Komponente einer Behandlung ausklammern, der für die Schweiz wichtig ist.

«Der amerikanische Ansatz geht davon aus, dass die Moleküle in den psychedelischen Substanzen die Patienten heilen. Das therapeutische Umfeld um einen Patienten herum ist jedoch ebenfalls wichtig», erklärt Jonathan Crespo, der selber mit einer Psychedelika-Behandlung wieder gesund wurde. Crespo ist Mitbegründer von Psychédelos, einer Patientengruppe für therapiegestützte Psychedelika.

Bisher bieten nur wenige Einrichtungen Psychedelika-unterstützte Behandlungen an, entsprechend knapp ist kompetentes Personal. Das BAG muss deshalb Lösungen erarbeiten, damit die Behandlungen wie vorgesehen durchgeführt werden können, wenn die Produkte einmal zugelassen sind.

Am 24. April erhielten drei US-amerikanische Unternehmen die Zulassung für ein beschleunigtes Verfahren, um bei verschiedenen Formen von Depression die Wirksamkeit von Psilocybin und Methylon zu untersuchen – einer Substanz, die häufig als Ersatz für MDMA verwendet wird.

Bis Swissmedic neue psychedelische Medikamente zulassen wird, dürfte es voraussichtlich noch fünf Jahre dauern. Bis dahin hat die Schweiz Zeit, ein System für die Ausbildung des medizinischen Personals sowie für die Qualitätskontrolle bei der Herstellung und Verabreichung psychedelischer Wirkstoffe zu entwickeln, so Zullino.

«Es liegt noch ein langer Weg vor uns. Auch wenn es sich bei Psychedelika nicht um hochgiftige Substanzen handelt – einen Einfluss auf die Psyche eines Menschen haben sie definitiv.»

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Editiert von Virginie Mangin/ts, Übertragung aus dem Englischen: Lorenz Mohler

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