Neutralität – was nun? Irland und die Schweiz teilen eine grosse Frage
Durch die Aufrüstung in Europa sind sowohl in Irland als auch in der Schweiz etablierte Grundsätze der Politik unter Druck geraten. In beiden Ländern hat dies heftige Reaktionen von Verteidigern der «traditionellen» Neutralität ausgelöst.
Einige Gemeinsamkeiten zwischen Irland und der Schweiz sind offensichtlich: Es sind zwei kleine, wohlhabende Staaten, die auch in der Steuerpolitik gegenüber grossen multinationalen Unternehmen Ähnlichkeiten aufweisen.
Doch während sich Europa mit neuen Sicherheitsproblemen konfrontiert sieht, ausgelöst durch russische Aufrüstung und Spannungen zwischen den USA und der NATO, tritt eine weitere Gemeinsamkeit deutlicher hervor: Irland und die Schweiz sind seit Jahrzehnten neutral.
Im Jahr 2026 gehören sie damit zu einem schrumpfenden Club. Wie passen sie sich den neuen Herausforderungen an, und wie schneiden sie im Vergleich zueinander ab?
Der Einfluss der Nachbarn
Historisch gesehen haben die beiden Formen der Neutralität sehr unterschiedliche Ursprünge und Motivationen. «Kein Land ist zufällig neutral», sagt Laurent Goetschel, Direktor des Basler Friedensforschungsinstituts Swisspeace. Im Falle der Schweiz wurde ihre bewaffnete Neutralität von aussen offiziell bestätigt, als die europäischen Mächte sie auf dem Wiener Kongress 1815 anerkannten.
Entdecken Sie in unserem Artikel die Vergangenheit und Gegenwart der Schweizer Neutralität:
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Die Neutralität der Schweiz – wohin des Weges?
Im Falle der irischen Neutralität ging es für das Land weniger darum, seine Rolle im Zusammenspiel mit den grossen Nachbarn zu finden als sich vielmehr von diesen abzugrenzen. Nach der hart erkämpften Unabhängigkeit von Grossbritannien, die 1937 in der Ausrufung der konstitutionellen Republik gipfelte, war die Neutralität für die junge irische Nation vor allem ein Mittel, ihre Souveränität auf der Weltbühne zu behaupten.
Sie war auch ein Weg, um nicht in weitere Konflikte hineingezogen zu werden. Hunderttausende Iren kämpften im Ersten Weltkrieg in der britischen Armee.
Hier liegt die Wurzel des pazifistischen Slogans, den noch heute Verfechter:innen der Neutralität verwenden: «Wir dienen weder König noch Kaiser, sondern Irland».
Nachdem Irland durch diese Politik aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehalten wurde, erweiterte das Land diesen auf Souveränität basierenden Ansatz, als sich die Welt in die Blöcke des Kalten Krieges spaltete.
Bereits Ende der 1950er-Jahre begann Irland, mit Truppen UN-Friedensmissionen zu unterstützen und legte damit den Grundstein für ein Verständnis von Neutralität als Mittel für Frieden und Entwicklung statt zur Verteidigung. Das sei eine «etwas schwammige», im Land nach wie vor weit verbreitete Sichtweise, sagt Kenneth McDonagh, Professor für Internationale Beziehungen an der Dublin City University.
Ein Jahrhundert ohne Konflikte – Irlands Neutralität in Bildern:
Gleichzeitig traten Widersprüche auf. Seit Jahrzehnten nutzen US-Militärflugzeuge den Flughafen Shannon als Zwischenstopp zum Auftanken auf ihrem Weg zu weiter entfernten Konfliktgebieten. Dies hat den Ruf der irischen Neutralität getrübt und führte jüngst sogar zu einer Würdigung der schweizerischen Haltung.
«Die Entscheidung der Schweiz, Militärflüge im Zusammenhang mit dem Krieg gegen den Iran abzulehnen, zeigt, was Neutralität in der Praxis bedeutet», sagte Externer Linkder Abgeordnete Donnchadh Ó Laoghaire von der linken Sinn Féin im März.
Irlands EU-Mitgliedschaft führte ebenfalls zu Spannungen. Um die Jahrhundertwende, als die EU-Staaten ihre aussenpolitische Zusammenarbeit vertieften, sah sich Irland mit Problemen konfrontiert, die dem Nicht-EU-Staat Schweiz erspart blieben. Zum Beispiel: Wie kann sich ein neutrales Land in eine Union mit einer Beistandsklausel einfügen?
2009 wurden die besorgten irischen Bürger:innen mit einer Ausstiegsklausel besänftigt: Sie ratifizierten den EU-Vertrag von Lissabon erst nach der Garantie, dass ihre Neutralität gewahrt bliebe. Diese Klausel gilt auch für andere neutrale EU-Mitglieder wie Österreich.
Neue Realitäten, alte Strategien?
Seit Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 ist die Neutralität weder für Dublin noch für Bern einfacher geworden. Die Schweiz sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, sich unter dem Sicherheitsschirm ihrer Nachbarn einzurichten, während Irland von seinen EU-Partnern davor gewarnt wurde, zu einem «schwachen Glied» in der Verteidigung des Blocks zu werden.
Und da sowohl die Schweiz als auch Irland Sanktionen gegen Russland verhängthaben, behauptet Moskau wiederum, keines der beiden Länder sei neutral.
Die Reaktionen auf die Kritik waren vielfältig. In der Schweiz gab es heftige Debatten über Waffenexporte und Sanktionen; die Bürger:innen stimmen zudem über eine Initiative ab, die eine strikte Auslegung der Neutralität in der Verfassung verankern soll.
Doch auch die Forderungen von Aussenminister Ignazio Cassis nach einem kooperativeren Umgang mit der Schweizer Neutralität haben nichts daran geändert, dass diese weiterhin auf den Regeln des Haager Übereinkommens beruht: Das heisst, keine Beteiligung an bewaffneten Konflikten, keine militärische Unterstützung einer Kriegspartei. Politische Stellungnahmen oder Wirtschaftssanktionen sind jedoch zulässig.
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In Irland hat die neue Situation vor allem den grossen Unterschied zwischen seinem Modell und dem der Schweiz deutlich gemacht – er liegt in dem Wort «bewaffnet».
Obwohl Irland zu den reichsten EU-Staaten zählt, investiert es nur wenig in seine Verteidigung und macht sich keine Illusionen, einen konventionellen Angriff abwehren zu können. Dieser ist längst kein blosses Gedankenspiel mehr: Russische Spionageschiffe wurden in seinen ausgedehnten Hoheitsgewässern gesichtet, in denen fast 75%Externer Link der Unterseekabel der nördlichen Hemisphäre verlaufen.
Im Februar 2026 veranlasste dies das Land sogar zur ersten maritimen Sicherheitsstrategie überhaupt. Darin werden engere Beziehungen zu den NATO-Nachbarn und zwei neue Stützpunkte für die unterbesetzte Marine versprochen – laut The Economist ein «Abweichen von der langjährigen Neutralitätspolitik».
Ob dies ausreicht, um die europäischen Partner davon zu überzeugen, dass Dublin seinen Beitrag leistet, ist eine andere Frage. Unklar ist auch, wer Irland im Falle eines Angriffs zu Hilfe eilen würde. Laut DCU-Professor McDonagh bestehen zwar eine «Vereinbarung» mit Grossbritannien zur Luftverteidigung sowie zwei neue Absichtserklärungen mit Grossbritannien und Frankreich zur maritimen Sicherheit – doch diese Vereinbarungen beinhalten keine Beistandsklausel.
Die Schweiz hingegen, die ebenfalls militärische Bündnisse meidet, aber über eine einsatzfähige Armee verfügt, ist McDonaghs Ansicht nach ein «gutes Beispiel dafür, wie ein funktionierender, autonomer und neutraler Staat aussehen könnte».
Widerstand von Traditionalisten
In Dublin wird jedoch selten diskutiert, ob Irland sich am Schweizer Modell orientieren könnte. McDonagh fügt hinzu, dass es in den Debatten weniger um konkrete Verteidigungsfragen als vielmehr um abstrakte Argumente zur Neutralität im Allgemeinen gehe. Und wie in der Schweiz werden diese Debatten von lautstarken Gruppen vorangetrieben, die jede Aufweichung der traditionellen Positionen fürchten.
In der Schweiz nimmt die Debatte entsprechend dem demokratischen und politischen System in der «Neutralitätsinitiative» Gestalt an, einer Vorlage, die darauf abzielt, die «ewige und bewaffnete» Neutralität in der Bundesverfassung zu verankern.
Angetrieben von der rechtskoservativen Schweizerischen Volkspartei behauptet die Initiative, durch die Sanktionen gegen Russland würde die Schweiz «ihre Neutralität Stück für Stück» aufgeben. Der Vorschlag würde Sanktionen unmöglich machen, sofern sie nicht vom UN-Sicherheitsrat angeordnet werden. Die Wähler:innen entscheiden noch in diesem Jahr darüber.
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Auch in Irland mangelt es nicht an Stimmen, die vor einer militärischen Annäherung an die NATO oder die EU warnen. Diese stammten jedoch zumeist nicht aus dem konservativen rechten Spektrum, sondern eher aus dem pazifistischen oder populistischen linken Lager.
Catherine Connolly, die im vergangenen Jahr in das weitgehend repräsentative Amt der Präsidentin gewählt wurde, ist eine prominente Kritikerin der Militarisierung. Sinn Féin, die grösste Oppositionspartei, setzt sich ebenfalls vehement für die traditionelle Neutralität ein und strebt sogar ein schweizerisches Modell an: eine Volksabstimmung zur Verankerung der Neutralität in der irischen Verfassung.
Eine solche Abstimmung ist unwahrscheinlich. Anders als die Schweiz kennt Irland keine Volksinitiativen, und Referenden finden nur statt, wenn die regierende Mehrheit dies wünscht (was hier nicht der Fall ist). Daher spiele Sinn Féin wahrscheinlich «die linkspopulistische Karte aus», um gegen die Regierung zu punkten, meint David Farrell, Politikprofessor am University College Dublin.
Doch die Partei erfreut sich hoher Umfragewerte, fügt er hinzu, und «man kann nicht ausschliessen, dass es ihr gelingt, in den nächsten Jahren in die Regierung gewählt zu werden» – und ihre Agenda umzusetzen.
Breite Unterstützung der Bürger:innen für die Neutralität
Selbst wenn die Regierung mit Sinn Féin in der Neutralitätsfrage nicht übereinstimmt, tun dies viele in Irland. Das wirft die Frage nach der Legitimität auf: Sollte es angesichts der Bedeutung der Debatten eine stärkere Bürgerbeteiligung geben? Und wenn ja, in welcher Form? Da ein Referendum in naher Zukunft nicht in Sicht ist, wurde auch eine Bürgerversammlung vorgeschlagen: eine zufällig ausgewählte Gruppe von Bürger:innen, die sich treffen sollte, um die Verteidigungspolitik zu diskutieren und anschliessend Empfehlungen auszusprechen.
Dieses Format, das in Irland im letzten Jahrzehnt populär geworden war, wurde jedoch 2023 verworfen; stattdessen fand ein Expertenforum zur internationalen Sicherheitspolitik statt. Für Farrell war dies Teil eines Trends, in dessen Rahmen Bürgerversammlungen in Irland «an Schwung verloren» haben. Andere spekulierten, dass die Regierung sich der öffentlichen Meinung nicht stellen wollte.
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Swisspeace-Direktor Goetschel, der 2023 auf dem Forum den Schweizer Ansatz erläuterte, erinnert sich daran als eine Art «Roadshow» mit vielen Podiumsdiskussionen in verschiedenen irischen Städten. Es habe sich ganz anders angefühlt als das übliche Schweizer Verfahren, fügt er hinzu: nüchterne Konsultationen auf offizieller Seite, öffentliche Abstimmungen auf der anderen.
Die Ergebnisse seien zudem teilweise uneindeutig gewesen: Neutralität «beinhaltet für verschiedene Menschen eindeutig unterschiedliche Dinge», hiess es im Abschlussbericht.
Goetschel schaffte es sogar in die irischen Medien mit der Bemerkung, dass «Neutralität keine Religion ist», eine Aussage als Antwort auf, wie er sagt, «tiefgläubige Äusserungen» mancher Teilnehmer:innen öffentlicher Versammlungen. Tatsächlich ist Neutralität, wie auch in der Schweiz, in Irland ein sehr populäres Konzept.
Eine Umfrage der Irish Times und IPSOS vom Februar 2026 ergab sogar, dass 71% der Befragten für eine Verankerung in der Verfassung sind. Doch während in der Schweiz im Vorfeld der Abstimmung zu diesem Thema die Debatten noch an Fahrt gewinnen dürften, beschränkt sich die öffentliche Meinungsfindung in Irland – zumindest vorerst – weitgehend auf Umfragen.
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Übertragung aus dem Englischen mithilfe von KI: Petra Krimphove.
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