Die Schweizer Community in Grossbritannien stellt sich neu auf
Die Auflösung der «Federation of Swiss Societies in the UK» markiert den Beginn eines neuen Kapitels für Schweizer Staatsangehörige in Grossbritannien. Die Nachfolgeorganisation Swisscommunity UK möchte demokratischer und digital besser vernetzt sein – und ein Modell für Schweizer Gemeinschaften im Ausland werden, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Für viele langjährige Schweizer Einwohnerinnen und Einwohner in Grossbritannien bedeutete dieser Frühling das Ende einer Ära und den Verlust einer Schweizer Ikone in London.
Am 11. Mai wurde die «Federation of Swiss Societies in the UK» (Fossuk) offiziell aufgelöst – damit endete ein Kapitel für die Schweizer Gemeinschaft in Grossbritannien und ein neues begann.
Nur wenige Monate zuvor war Armin «Sweety» Lötscher, der langjährige Besitzer des legendären Schweizer Restaurants St. Moritz in London, kurz vor seinem 88. Geburtstag verstorben. Für viele Schweizerinnen und Schweizer in London hatte das Lokal im Stadtviertel Soho lange als informeller Treffpunkt der Gemeinschaft gedient.
Obwohl das Personal das Restaurant so weiterführen will, wie Lötscher es seit den 1960er-Jahren getan hat, befindet sich die Schweizer Gemeinschaftsorganisation im Vereinigten Königreich in einem grundlegenden Wandel.
An ihre Stelle soll Swisscommunity UK als modernere und demokratischere Stimme der Schweizer Gemeinschaft im gesamten Vereinigten Königreich treten.
Die ehrenamtlich tätigen Personen, die diesen Übergang leiten, stellten am 6. Juni in der Schweizer Botschaft in London Schweizer Staatsangehörigen und Mitgliedern der weiteren Schweizer Gemeinschaft das neue Modell von Swisscommunity UK vor.
Das Team hat eine Verfassung ausgearbeitetExterner Link, die das Mitglied des Interims-Komitees, Joëlle Nebbe-Mornod, als «bewusst minimalistisch» bezeichnet. Sie ist darauf ausgelegt, den Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, die Zukunft der Organisation mitzugestalten.
«Obwohl es einige Bedenken gab, Fossuk aufzulösen, bevor die Statuten von Swisscommunity UK vollständig ausgearbeitet waren, hat dieser Ansatz einen Vorteil: Es gibt kein Zurück mehr«, sagte Franz Muheim. Er ist Delegierter für Grossbritannien im Auslandschweizer-Rat sowie Präsident des Swiss Club Edinburgh.
«Früher war die Struktur recht komplex. Wir hoffen, dass der neue Ansatz die Hürde zur Beteiligung senkt und die Menschen dazu ermutigt, die Gemeinschaft mitzugestalten, die sie sich wünschen», sagte Stefan Bucher, ebenfalls Delegierter für Grossbritannien im Auslandschweizer-Rat.
Die Organisatorinnen und Organisatoren hoffen ausserdem, dass die neue Struktur von Swisscommunity UK als digitales Zentrum dienen wird, das es Schweizer Staatsangehörigen ausserhalb der «Londoner Blase» und abseits traditioneller Vereinsstrukturen erleichtert, am Gemeinschaftsleben teilzunehmen.
Ein Modell für andere Schweizer Organisationen im Ausland
Swisscommunity UK wird unter dem Dach der Auslandschweizer-Organisation (ASO) tätig sein. ASO-Präsident Filippo Lombardi war in London anwesend. Er hofft, dass dieses Modell andernorts ähnliche Reformen anregen könnte.
Er bezeichnet es als Mittel gegen sinkende Beteiligung und Schwierigkeiten bei der Anwerbung von Freiwilligen. Grossbritannien ist das erste Land, das die neue Marke und Organisationsstruktur von Swisscommunity UK übernimmt.
«Das ist wichtig, weil sie eine Gegenbewegung zu den Problemen einleiten werden, mit denen viele Organisationen zu kämpfen haben», sagte Lombardi. «Es wird eine Herausforderung sein, den positiven Schwung von heute aufrechtzuerhalten.»
Viele der Herausforderungen, mit denen Schweizer Staatsangehörige im Vereinigten Königreich konfrontiert sind, betreffen Schweizer Gemeinschaften auf der ganzen Welt.
«Nach Gesprächen mit anderen Auslandschweizer-Gemeinschaften in Bern war es aufschlussreich zu sehen, dass viele Herausforderungen dieselben sind, unabhängig davon, woher eine Delegation kommt», sagte die Delegierte für Grossbritannien, Isabelle Schenk. «Wir Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer sprechen bei vielen Themen oft mit einer einheitlichen Stimme.»
Zu den Prioritäten, welche die Auslandschweizer-Vertretungen für die Legislaturperiode 2025–2029 identifiziert haben, gehören E-Voting, einfacherer Bankzugang, parlamentarische Vertretung und Krankenversicherung.
ASO-Direktor Daniel Hunziker, der per Videolink zugeschaltet wurde, veranschaulichte einige dieser Herausforderungen anhand seiner eigenen Erfahrung: Nach fast zwei Jahrzehnten in Neukaledonien wurden drei seiner Schweizer Bankkonten gekündigt, da er im Ausland lebte.
«E-Voting ist für den Schutz der Stimmrechte von Schweizer Staatsangehörigen im Ausland von entscheidender Bedeutung und eine zentrale Priorität sowohl für die ASO als auch für Swisscommunity UK –besonders, weil die Beteiligung unter den stimmberechtigten Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern weiter zunimmt», sagte Lombardi.
«Die Abstimmung über die E-ID wurde mit einer sehr knappen Mehrheit angenommen. Die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer stimmten deutlich dafür, was zeigt, dass ihre Stimme einen Unterschied machen kann.»
Zehn Jahre danach – die Brexit-Sorgen bleiben
«Zehn Jahre nach dem Brexit hat sich die Lage nicht grundlegend verändert», sagte Laurent Perriard, stellvertretender Direktor der Konsularischen Direktion in Bern, zu den Teilnehmenden.
Zehn Jahre nach dem Referendum, das Grossbritannien aus der Europäischen Union herausführte, prägt der Brexit weiterhin den Alltag vieler Schweizer Staatsangehöriger im Vereinigten Königreich.
Während der Konferenzdiskussionen sprachen die Teilnehmenden Bedenken an, die von Aufenthaltsrechten bis hin zum Zugang zu Fachkräften und zur Arbeitnehmerfreizügigkeit reichten.
Eine Person, die für eine internationale Organisation tätig ist, sagte, der Zugang zu qualifizierten Fachkräften sei schwieriger geworden, da ansonsten qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten häufig die britischen Arbeitsgenehmigungsanforderungen nicht erfüllen könnten.
Loredana Guetg Wyatt, ehemalige Präsidentin von Fossuk und nun Mitglied des «EU Citizens‘ Network», sagte: «Das System sieht noch nicht so aus, wie es sollte.» Zu den Kernthemen, die Guetg Wyatt und die Organisation ‘the3Million’ ansprechen, gehören der Ausschluss vom «Settled Status», lange Wartezeiten und Unsicherheiten rund um den «Pre-Settled Status».
Obwohl die Schweiz und das Vereinigte Königreich im Rahmen der «Mind the Gap»-Strategie bilaterale Regelungen ausgehandelt haben, bestehen weiterhin Bedenken hinsichtlich künftiger Mobilität, Aufenthaltsrechte und administrativer Anforderungen.
Auch wenn das Reisen durch Europa und innerhalb des Vereinigten Königreichs schwieriger werden könnte, versicherte Perriard den Teilnehmenden, dass die Schweizer Behörden die im Ausland lebenden Schweizer Staatsangehörigen im Rahmen der bestehenden Gesetzgebung weiterhin unterstützen werden. «Sie sind nicht allein», sagte er.
Am Rand der Veranstaltung war die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz», über die am 14. Juni abgestimmt wird, Gesprächsthema unter den Teilnehmenden. Eine Frau fragte: «Was passiert, wenn die Schweiz zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohner erreicht – dürfen wir dann nicht mehr zurückkehren?»
Die Teilnehmenden äusserten auch Bedenken, was die Initiative für Schweizer Staatsangehörige bedeuten könnte, die mit nicht-schweizerischen Ehepartnerinnen und -partnern oder Kindern in die Schweiz zurückkehren möchten.
«Für uns im Vereinigten Königreich wirkt die Debatte über die Volksinitiative ‘Keine 10 Millionen-Schweiz’ wie ein Déjà-vu», sagte Muheim. «Die Befürworterinnen und Befürworter verwenden dieselben Argumente wie beim Brexit. Das würde ein Schwexit.»
Mehr
Schweizer Clubs in Grossbritannien: Es herrscht dicke Luft
Geteilte Verantwortung, gemeinsamer Erfolg
Für Swisscommunity UK sind noch einige praktische Fragen zu klären. Die Mitgliederbeiträge sollen an der Generalversammlung am 24. Oktober festgelegt werden. Gleichzeitig erkunden die Organisatorinnen und Organisatoren weiterhin potenzielle Finanzierungsquellen, darunter Sponsoring, Merchandising, Veranstaltungen und projektbasierte Finanzierung.
Der Erfolg wird auch von der Beteiligung der Gemeinschaft selbst abhängen. «Es muss das Prinzip von Bringschuld und Holschuld gelten – eine Balance zwischen persönlicher und kollektiver Verantwortung», sagte Bucher.
«Die Menschen müssen ihre Bedürfnisse kommunizieren und auch aktiv nach Informationen suchen. Das ist es, was diese Gemeinschaft erfolgreich machen wird.»
Diesen Schwung mitzunehmen, könnte sich jedoch als schwierig erweisen. «Wie bei allen Freiwilligentätigkeiten liegen uns allen die Anliegen sehr am Herzen – sonst wären wir nicht dabei. Aber wir haben auch ein bewegtes Leben. Und manchmal gerät im Alltag die Relevanz etwas in den Hintergrund», sagte Schenk.
«Schweizer Staatsangehörige, die im Vereinigten Königreich leben, tragen noch immer eine Verantwortung. Sie haben die Möglichkeit, die Schweizer Gemeinschaft im Vereinigten Königreich mitzugestalten und die Schweiz weiterhin zu beeinflussen – auch aus dem Ausland.»
Die Organisation muss ausserdem einen neuen Austragungsort für ihre Jahresversammlungen finden. Die Schweizer Botschaft in London, die seit langer Zeit die Versammlungen der Auslandschweizer Gemeinschaft beherbergt, wird von 2027 bis 2031 renoviert und steht Swisscommunity UK in diesem Zeitraum nicht als Veranstaltungsort zur Verfügung.
Trotz der Unsicherheiten und Herausforderungen war eine optimistische Aufbruchsstimmung zu spüren. «Ich bin ganz begeistert. Ich sehe, wie etwas Neues entsteht. Es fühlt sich wie ein Neuanfang an», sagte Guetg Wyatt.
Welchen Wein würde Nebbe-Mornod, die auch Eigentümerin von Alpine Wines ist, einem der wichtigsten Importeure von Schweizer Weinen im Vereinigten Königreich, für den Start von Swisscommunity UK wählen? «Chasselas», sagte sie. «Es ist ein klassischer Schweizer Wein und leicht genug, damit wir uns weiterhin auf die bevorstehende Arbeit konzentrieren können.»
Editiert von Samuel Jaberg/ts, Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch