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Chile 1988: Was man heute von der Abstimmung lernen kann, die eine Diktatur beendet hat

Chilenen mit "No"-Schild im Auto
Chileninnen und Chilenen feiern am 6. Oktober 1988 in Santiago den Sieg im Referendum gegen Augusto Pinochet. Marco Ugarte / AFP

Wir haben unsere Nutzerinnen und Nutzer gefragt, ob sie in der wohl folgenreichsten Volksabstimmung in einer Diktatur ihre Stimme abgaben. Einige haben sich gemeldet – sogar eine Abstimmungshelferin.

Es gibt kaum Beispiele für Volkabstimmungen in Diktaturen, bei denen ein anderes Ergebnis rauskam, als die Diktatoren wollten. Eines ist die Volksabstimmung in Chile 1988, die das Ende von 15 Jahren Militärjunta unter Augusto Pinochet einleitete.

Wir fragten unser spanischsprachiges Publikum, ob sie selbst damals abgestimmt hatten. Einige meldeten sich. Eine Person zeigte sich stolz, dass «General Pinochet» das Resultat akzeptierte, wie man «es in Demokratien macht».

Mit 16 Jahren Freiwillige für die Opposition

Anders Matilde Mercado Girard, die als einzige zu einem Interview bereit war. Die heute 53-jährige Juristin aus Santiago hat einen Schweizer Grossvater und ist Swissinfo-Leserin. Selbst abstimmen konnte sie nicht – sie war erst 16 Jahre alt. Doch sie engagierte sich als Freiwillige für das parallele Stimmenzählsystem der demokratischen Opposition.

Der Artikel entstand aus einer Interaktion mit dem Publikum von Swissinfo und betrachtet die historische Abstimmung aus einer Schweizer Perspektive.

Seit dem Militärputsch 1973 regierten Augusto Pinochet und seine Junta in Chile. Mindestens 3200 Oppositionelle wurden getötet, viele mehr gefoltert oder ins Exil gedrängt – um die 40’000 wurden Opfer der Diktatur.

Pinochet schaut nach oben.
Chiles Diktator Augusto Pinochet beobachtet F-16-Jets in der Nähe des El Bosque-Luftwaffenzentrale im März 1988. Marco Ugarte / AFP

Schon vor 1988 setzte Pinochet, teils wegen internationalem Druck, auf Volksabstimmungen, um seine Herrschaft zu legitimieren. Dazu gehört das Plebiszit für eine neue Verfassung 1980. Diese Verfassung sah vor, dass sich die Diktatur nach acht Jahren in einer Ja- oder Nein-Abstimmung bestätigen lassen musste.

Am 5. Oktober 1988 fand die erste solche Abstimmung statt. Das Unfassbare geschah: Der Diktator verlor. Diese Abstimmung leitete den Übergang zur Demokratie ein.

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Die Diktatur und ihr «Ablaufdatum»

Der Schweizer Politikwissenschaftler Robin Gut vom Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) erklärt, es sei in Chile keine Sachfrage gewesen, wie dies sonst bei Volksabstimmungen üblich ist. Denn es ging darum, ob Pinochet weiter herrschen soll. Der Begriff sei aber schon passend, es habe «einfach nicht viel damit zu tun, was wir in der Schweiz unter einer Volksabstimmung verstehen».

Gut nennt die Abstimmung in Chile 1988 «sehr spannend», weil es eines der wenigen Male war, wo «eine Autokratie eine Volksabstimmung verloren hat». Weitere Beispiele sind laut Gut Uruguay 1980, Polen 1987 und Simbabwe 2000. Während in Chile, Uruguay und Polen nach der Abstimmung ein Demokratisierungsschub kam, blieb dieser in Simbabwe aus. In der Reihe steche Chile heraus, weil «das Referendum von 1988 bereits in der Verfassung von 1980 angelegt war», so Gut. Die Diktatur habe sich «selbst mit einem Ablaufdatum versehen».

Autokratien haben dazugelernt, laut Politikwissenschaftler Robin Gut. Unter anderem würden sie sich stärker vernetzen. Trotzdem sieht Gut heute noch Lektionen, die Demokratieaktivist:innen heute aus den Vorgängen in Chile 1988 ziehen können:

1. Der Faktor Ausdauer: «10 Jahre vor dem letztendlichen Übergang Chiles zur Demokratie» habe die chilenische Opposition einen Delegierten geschickt, um vom Erfolg der Demokratiebewegung in UruguayExterner Link zu lernen.

2. Statt zu früh auf Boykott zu setzen, solle man «das Regime herausfordern, auch wenn die Spielregeln unfair sind».

3. Positive, hoffnungsfrohe Botschaften vermitteln.

4. Eine geeinte politische Koalition bilden, die sich bereits auf die Zeit nach dem Regimewechsel vorbereitet.

5. Wenn es sie gibt, «internationale Unterstützung systematisch» einsetzen.

6. Wenn man Amnestien gewährt und Uneinigkeit im Regime nutzt, erleichtere dies die Machtabgabe. Dies erfordere jedoch «eine schmerzhafte Abwägung mit dem Gerechtigkeitsempfinden der Opfer des Regimes und der Aufarbeitung», so Gut.

7. Nach dem Wandel solle man, wie in Chile, «respektvoll mit den Regimeanhängern» umgehen.

Gedacht war es anders. «Es sollte eine von der Diktatur perfekt inszenierte Aktion sein, damit Pinochet weitere acht Jahre an der Macht bleiben kann», blickt Mercado Girard zurück. Viele hätten sich gefürchtet, «dass wir nochmals übers Ohr gehauen werden, so wie 1980», sagt sie.

Die Abstimmung 1980 war weder frei noch fair. Problematisch war neben vielem anderem, dass auf dem Stimmzettel das «Ja» und «Nein» optisch unterschiedlich gestaltet wurden: Die Ja-Stimme wurde im chilenischen Nationalsymbol platziert. Ohnehin gab es in der repressiven Notstandssituation keinen freien Abstimmungskampf. In manchen Gemeinden und Regionen überstieg die Zahl der Abstimmenden die Zahl der berechtigten Bürger:innen massiv, wie der Politikwissenschaftler Claudio Fuentes SaveedraExterner Link feststellte.

Dass eine Diktatur mit einer Volksabstimmung endet, ist unüblich. Lesen Sie auch unseren Artikel darüber, wann und wie Diktaturen sich zu Demokratien wandeln:

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Die Rückkehr des Politischen in Chile

Trotz der Sorge erinnert sich Mercado Girard daran, wie sich die politischen Parteien in den Jahren vor der Abstimmung 1988 nach Jahren in der Versenkung wieder organisierten, «um die Diktatur innerhalb dieses Rahmens friedlich zu bekämpfen». Langsam habe Chile die Rückkehr des Politischen erlebt. Man habe gespürt, wie die Angst der Menschen schwindet.

Graffitis verunglimpften Pinochet als «Pin8», was als Pinocchio verstanden wurde. Es gab grosse Proteste. «Man erlangte ein Bild, wer wo steht – weil man die Nachbarn am Protest getroffen hat, zum Beispiel», erinnert sie sich. In der Schule habe sich zuvor kaum jemand geäussert. «Aber so um 1988 fingen wir an herauszufinden, wem man Dinge anvertrauen konnte, über die Familie und das, was passiert war.» Mercado Girard hatte Verwandte, die im Gefängnis gewesen oder emigriert sind.

Ramona Parra Brigada
Die kommunistische «Ramona Parra Brigade» sprayt Graffiti kurz vor der Abstimmung, am 1. Oktober 1988: «Wir werden gegen die Diktatur anmalen», heisst es in der Inschrift übersetzt aus dem Spanischen. Jose Giribas / Keystone

«Total fröhlich», empfand Mercardo Girard die Nein-Kampagne mit dem berühmt gewordenen Lied Chile, la alegria ya vieneExterner Link. Es sei darum gegangen, den Leuten die Angst zu nehmen und Einigkeit zu vermitteln. «Man hat gezeigt, dass der Polizist genauso Chilene ist wie jene, die gegen die Junta demonstrierten», erinnert sie sich.

All jene, die «die Demokratie zurückgewinnen» wollten, hätten zusammengearbeitet. Anders als 1980 bekam die Opposition Raum in der Öffentlichkeit. Gleichwohl seien die Medien im Sinne der Diktatur gezinkt gewesen. «Fernsehbeiträge für das Nein-lager wurden absichtlich spätabends ausgestrahlt, so dass sie möglichst wenige Chileninnen und Chilenen sahen», sagt Mercado Girard.

Anders als 1980 gab es ein Register für Abstimmende – und anders als 1980 konnte die Opposition eine parallele Stimmenauszählung erwirken. «Je mehr Leute sich registrierten, desto besser standen unsere Chancen», erinnert sich Mercado Girard, «weil im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung jener Anteil, den Pinochet manipulieren konnte, kleiner wurde.» Sie hat auch Flugblätter für das Nein-Lager verteilt, die zur Registrierung aufriefen.

Gemäss Robin Gut sei das «parallele Stimmenzählsystem» der Opposition entscheidend gewesen, um ein gefälschtes Resultat zu verhindern. Ähnlich, wie es dieses auch in Venezuela bei den Wahlen 2024 gegeben hat – wo das Regime von Nicolas Maduro trotzdem auf seinem Sieg beharrte. In Chile 1988 war Mercado Girard als eine von vielen Freiwilligen Teil von diesem parallelen System.

Der Tag der Abstimmung

Sie war ein Glied in der Informationskette der parallelen Stimmauszählung: verantwortlich für das Weitervermitteln des Auszählungsstands. Wenn sie an den Abstimmungstag denke, denke sie ans Treppensteigen. «Wir suchten nach Informationen, bekamen sie, gaben sie an den nächsten, der rannte dann raus und kam gleich darauf auch wieder, und so ging es, bis es dunkel war», sagt sie.

Nach der Arbeit kam die Freude. «Wir waren überglücklich. Es war unglaublich. Fast alle Stimmen bei uns gingen für das Nein-Lager ein“, erinnert sie sich. Euphorisch machte sie sich mit einer Freundin auf den Heimweg – da passierten sie ein anderes Abstimmungslokal. Das war voller Soldaten. Ein erster Dämpfer. Der zweite kam, als sie zuhause ankam. «Die offiziellen Nachrichten behaupteten, Pinochet würde nicht verlieren, sondern gewinnen», so Mercado Girard. Das Fernsehen habe dann sogar auf einen Zeichentrickfilm umgeschaltet.

«Erst sehr spät wurde das offizielle Ergebnis verkündet, und zwar dieselbe Zahl, wie vom Nein-Lager. Es war gegen 2 Uhr morgens am 6. Oktober», erinnert sich Mercado Girard. Ihr Cousin mit seiner Familie sei gekommen und rief: «Lasst uns feiern!». Doch sie war zu erschöpft. Die Anderen gingen zum Parque Alameda, um zu feiern.

Das Bangen war begründet. Gemäss Berichten war bis in die Nacht hinein unklar, ob Pinochets Junta das Ergebnis akzeptiert. «Abweichler innerhalb des Regimes» hätten, so Gut, neben dem parallelen Zählsystem eine Fälschung verunmöglicht.

«In den Jahren danach ging es darum, die Demokratie wiederherzustellen, ein echtes Parlament, eine unabhängige Justiz», sagt Mercado Girard. Sie ist zurückhaltend mit Ratschlägen für jene, die sich heute in einer Diktatur die Demokratie wünschen. Doch sie sagt: «Im Grunde ging es um Information und Organisation.» Entscheidend sei gewesen, dass alle, die die Demokratie wollten, zusammenarbeiteten.

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Gastgeber/Gastgeberin Benjamin von Wyl

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Editiert von Mark Livingston

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