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Wie Schweizer Nachfahren in Brasilien «deutsch» wurden

Schweizer Einwanderer, die 1898 im Hafen von Genua (Italien) an Bord eines Schiffes nach Brasilien gingen. Ihr Ziel ist Núcleo Campos Sales.
Schweizer Einwanderer, die 1898 im Hafen von Genua (Italien) an Bord eines Schiffes nach Brasilien gingen. Ihr Ziel ist Núcleo Campos Sales. Public Domain

Im Süden Brasiliens wurden Tausende Schweizer Eingewanderte nach und nach in eine breitere deutsche Identität integriert. Daran zeigt sich, wie Migration, Sprache und staatliche Politik das Zugehörigkeitsgefühl über Generationen hinweg verändern.

Das Vale do Itajaí im Bundesstaat Santa Catarina im Süden Brasiliens ist, was die europäische Einwanderung angeht, eine der symbolträchtigsten Regionen des Landes.

Geprägt von Flusstälern und Städten mit Fachwerkhäusern, hat die Region eine Identität entwickelt, die stark mit dem deutschen Erbe verbunden ist. Dies spiegelt sich in ihrer Musik, Küche und ihren traditionellen Festen wie dem Oktoberfest wider, das vom berühmten Volksfest in München inspiriert wurde.

Von den Besucher:innen dieser Region wissen jedoch nur wenige, dass sich hier einst die grösste Gemeinschaft von Nachkommen von Schweizer:innen im Land befand, auch weil viele von ihnen sich heute nicht mehr als solche verstehen.

Ihre Präsenz lässt sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als sich rund 15’000 Schweizer Emigrant:innen in Südbrasilien niederliessen, davon besonders viele in den 1810er-, 1850er- und 1880er-Jahren.

Im Laufe der Generationen verschmolz ihre Herkunft jedoch allmählich mit einem umfassenderen Verständnis von «Deutschsein», das die lokale Identität schliesslich prägte.

Aquatinta aus dem Dorf Nova Friburgo, 1839
Das Dorf Nova Friburgo, Darstellung aus dem Jahr 1839. Keystone

Wie sah die Schweizer Einwanderung in die Region aus?

Die grössten Migrationsbewegungen von der Schweiz nach Lateinamerika fanden im 19. Jahrhundert statt. In dieser Zeit verfolgte die Schweiz eine Migrationspolitik, die nicht darauf abzielte, Beziehungen zu den Ausgewanderten aufrechtzuerhalten, sondern vielmehr darauf, ihnen die Ausreise zu erleichtern, so Magda Kaspar, Forscherin am Historischen Institut der Universität Zürich.

Vor dem Hintergrund von landwirtschaftlichen Krisen, Landknappheit und weit verbreiteter Armut in der Schweiz wurde die Auswanderung ärmerer sozialer Schichten von zahlreichen Gemeinden und Kantonen aktiv gefördert, finanziert und in einigen Fällen sogar erzwungen.

«Ziel war es, Probleme vor Ort durch die Umsiedlung als unerwünscht geltender Bevölkerungsgruppen zu mindern», erklärt sie.

Eine Gruppe von Schweizer Arbeitslosen, die nach Brasilien auswandern, wartet an einem Bahnhof in der Schweiz auf den Zug, der sie zu den Seehäfen bringen wird.
Eine Gruppe von Schweizer Arbeitslosen, die nach Brasilien auswandern, wartet an einem Bahnhof in der Schweiz auf den Zug, der sie zu den Seehäfen bringen wird. Keystone

Auf brasilianischer Seite begünstigte die damalige Kolonialpolitik die Einreise europäischer Einwanderer:innen, wobei jene bevorzugt wurden, die als weiss und fleissig galten. In dieser Anfangsphase dominierten Migrant:innen aus der Schweiz, Italien und Deutschland.

«Die Regierung des Kaiserreichs Brasilien förderte die Einwanderung, um versklavte Arbeitskräfte durch freie Siedler zu ersetzen, demografische Lücken zu füllen und die brasilianische Bevölkerung ‹aufzuhellen›», sagt Gláucia de Oliveira Assis, Professorin an der Staatlichen Universität von Santa Catarina.

Ein Beispiel dafür war die Kolonie Dona Francisca in der Stadt Joinville in der Region Vale do Itajaí, wo zwischen 1850 und 1888 rund 17’000 Menschen ankamen.

Die meisten waren Protestant:innen, einkommensschwache Bauern, die durch die Propaganda der Kolonisationsgesellschaften ermutigt wurden. Diese stellten Südbrasilien als ein wahres Paradies und Land der unbegrenzten Möglichkeiten dar. Heute wird diese Einwanderungswelle als Beispiel für die deutsche Einwanderung in das Land angeführt.

Deutsch, nicht schweizerisch?

Laut Kaspar definierten sich Schweizer Einwanderer:innen zu jener Zeit vor allem über ihre lokale und kantonale Herkunft und weniger über eine umfassendere nationale Identität.

«Die ersten Siedler in Joinville, Nova Friburgo und Helvetia waren nach ihrer Ankunft in Brasilien auf sich allein gestellt. Ohne kulturelle, organisatorische oder bildungsbezogene Unterstützung aus der Schweiz wuchsen viele ihrer Nachkommen mit wenigen oder gar keinen bedeutsamen Bezügen zu ihrem schweizerischen Erbe auf», sagt sie.

Zudem war die Sprache der Hauptgrund für das Verschwinden des Schweizer Einflusses in der Geschichte der Region. Da die überwiegende Mehrheit der Eingewanderten damals aus Kantonen stammte, in denen Deutsch Amtssprache war, begannen die Brasilianer alle unter ihnen, die ähnliche Dialekte sprachen, pauschal als «Deutsche» zu bezeichnen.

«Die Sprache war das entscheidende Element, das alle als Nachkommen von Deutschen definierte. Nicht nur die Schweizer, sondern auch die Österreicher wurden als Deutsche eingestuft, insbesondere da Deutschland selbst einen Einigungsprozess durchlief, und sich regionale Identitäten wie jene aus Pommern und Bayern überschnitten», sagt Francisco Alfredo Braun Neto, Professor an der Universität Vale do Itajaí.

Laut Neto wurden die Deutschen allmählich zur wirtschaftlich bedeutendsten Gruppe in der Region. Sie begannen, kulturelle Aktivitäten, Schiess- und Turnvereine zu organisieren sowie Schulen zu finanzieren, in denen Deutsch unterrichtet wurde und religiöse Aktivitäten im Zeichen einer gemeinsamen germanischen Kultur zu fördern.

Diese umfasste Menschen aus dem noch nicht vereinigten deutschen Staat und integrierte Merkmale von Schweizern und anderen germanischen Bevölkerungsgruppen, die sich in der Region angesiedelt hatten.

Zudem verstärkte die im Laufe des 20. Jahrhunderts in Brasilien umgesetzte Nationalisierungspolitik diesen Prozess. 1942 wurde während des Zweiten Weltkriegs die Schliessung von fremdsprachigen Schulen angeordnet und der öffentliche Gebrauch der deutschen Sprache verboten.

In diesem Kontext erlebten die Nachkommen der Schweizer:innen einen doppelten sprachlichen Bruch: zunächst durch die Ablösung der schweizerdeutschen Dialekte durch das Hochdeutsch, später dann durch die Auferlegung des Portugiesischen.

«Gemeinsam haben diese Kräfte das Schweizer Erbe in ein umfassenderes deutsches Narrativ integriert. Dieses Beispiel verdeutlicht auch, wie die innerschweizerische sprachliche Vielfalt die Herausbildung einer einheitlichen nationalen Identität erschwert und die Wahrnehmung von ‹Swissness› im Ausland weiterhin beeinflusst, besonders in Regionen, die historisch von deutschsprachigen Einwanderern geprägt sind», sagt Kaspar.

Bewusste Konstruktion

Laut Neto erfolgte das Auslöschen des Schweizer Bezugs im 20. Jahrhundert ganz bewusst. Seiner Ansicht nach wurden ab den 1960er-Jahren Symbole, Trachten und kulturelle Bezüge, die mit Bayern assoziiert wurden, umgedeutet und in die lokale Identität integriert – ein Prozess, der als «Erfindung von Tradition» verstanden werden kann.

2018 beim jährlichen Oktoberfest in Blumenau, Santa Catarina
2018 beim jährlichen Oktoberfest in Blumenau, Santa Catarina. Getty Images

«Mit der Etablierung des Oktoberfests [als touristische Veranstaltung] wurde diese Ästhetik nach und nach konstruiert und institutionalisiert. Es wurde ein visuelles und symbolisches Modell übernommen, das von einer Vorstellung von Deutschsein inspiriert war, einschliesslich der Reproduktion von Architekturstilen, die mit dem alten Deutschland assoziiert werden, obwohl viele dieser Formen in Europa seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr existierten», sagt er.

«Die Städte in der Region begannen daraufhin, öffentliche Gebäude wie Busbahnhöfe und Verwaltungszentren in diesem architektonischen Stil zu errichten. Dadurch wurde eine konstruierte deutsche Identität gestärkt, selbst in Kontexten, die von der vielfältigen Präsenz polnischer, italienischer, schweizerischer und anderer Einwanderergruppen geprägt waren», fügt er hinzu.

Dennoch existieren Initiativen, die darauf abzielen, den Schweizer Platz in der Geschichte von Joinville sichtbarer zu machen. Ein Beispiel dafür ist die Einweihung eines Schweizer Kulturzentrums im März 2026 in einem ehemaligen Fachwerkhaus. Es soll die Bedeutung und den Beitrag der Schweizer Einwanderung für die Stadt hervorheben, auch wenn sich der Schweizer Staat erst Jahrzehnte nach der Migration dafür einsetzte.

«Die Bundesbehörden haben gemeinsam mit Organisationen wie der Auslandschweizer-Organisation (ASO) schrittweise Instrumente eingeführt, um die Verbindungen zur Diaspora zu stärken: Schweizerschulen im Ausland, mehrsprachige Publikationen und andere Initiativen, die darauf abzielen, ein wachsendes Gefühl der Zugehörigkeit zur Schweiz zu pflegen», sagt Kaspar.

Im Vale do Itajaí ist das Schweizer Erbe weiterhin sichtbar, bleibt aber unbenannt. Und vielleicht ist dies das beständigste Merkmal von Migration: Identitäten bestehen fort, selbst wenn sie nicht mehr anerkannt werden. Laut Oliveira Assis offenbaren andere Volksfeste im heutigen Vale do Itajaí eine Heterogenität, die lange Zeit in den Erzählungen zur Einwanderungsgeschichte in der Region fehlten.

«So leben Bewohner, die seit langem ihre deutsche Herkunft feiern, mit diesem vorherrschenden Narrativ des Deutschseins, während andere Gruppen beginnen, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

Die Herausforderung für die Menschen der Region, insbesondere für die Nachkommen von Einwanderern des 19. Jahrhunderts, besteht darin zu verstehen, dass die heutigen Einwanderer:innen dieselben Chancen suchen wie einst ihre Vorfahr:innen: Arbeit, ein neues Leben, ein Zuhause», sagt sie.

Editiert von Virginie Mangin/ds, Übertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von KI-Tools: Petra Krimphove/jg

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