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Fünf Herausforderungen für die Schweizer Uhrenindustrie

Mangels internationaler Touristen haben die Uhrengeschäfte in der Schweiz (hier in Interlaken) ein düsteres Jahr hinter sich. © Keystone / Peter Klaunzer

Nach einer der schwersten Krisen in ihrer Geschichte hofft die Schweizer Uhrenindustrie auf Besserung im Jahr 2021. Das sind die fünf grossen Herausforderungen, denen sich die Branche stellen muss.

Dieser Inhalt wurde am 12. Januar 2021 - 15:00 publiziert

1) Die zähe Rückkehr auf den Wachstumspfad

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Beginnen wir mit der guten Nachricht: Das Jahr 2021 wird für die Schweizer Uhrmacher  zweifellos besser als das gerade zu Ende gegangene. "Es wird eine positive Entwicklung erwartet, auch wenn es viele Unwägbarkeiten gibt. Alles wird von der Entwicklung der Pandemie, dem Tempo der Impfkampagnen und der Wiederaufnahme des Welttourismus abhängen", kommentiert Jean-Daniel Pasche, Präsident des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH), vorsichtig.

Die Branche hat im Jahr 2020 die schlimmste Krise der letzten 80 Jahre erlebte, mit einem Rückgang der Exporte um rund 25 % - die endgültigen Zahlen werden Ende Januar bekannt sein. Die Schliessung vieler Läden auf der ganzen Welt und der Einbruch des internationalen Tourismus haben diese Perle der Schweizer Industrie, die 95% ihrer Produkte im Ausland verkauft, schwer belastet.

Tatsache ist, dass sich die Auswirkungen bisher trotz allem in Grenzen halten: Im vergangenen Jahr wurden nur eine Handvoll Konkurse und ein Rückgang der Beschäftigung in der Uhrenindustrie um 2,6 % verzeichnet. Trotz einer allmählichen Erholung könnten der Uhrenindustrie aber schwierige Monate bevorstehen. "Die massiven staatlichen Beihilfen haben das wahre Ausmass der Krise verschleiert. Massenentlassungen und das Verschwinden von Dutzenden von Marken sind zu befürchten, wenn Kurzarbeit und Hilfskredite auslaufen", sagt Grégory Pons, ein französischer Journalist und Spezialist für die Genfer Uhrenindustrie.

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2) Nicht alle Eier in einen Korb - den chinesischen

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Die einzigen wirklich guten Nachrichten für die Schweizer Uhrenindustrie kamen 2020 aus Fernost: In einer Zeit, in der alle Weltmärkte einbrachen, folgten die Exporte nach China dem entgegengesetzten Trend und stiegen im Vergleich zu 2019 um fast ein Fünftel. Dank rigoroser Corona-Massnahmen konnte China bereits im Frühjahr seine Geschäfte wieder öffnen. Und weil die Chinesen nicht ins Ausland reisen konnten, kauften sie ihre Uhren im Inland.

"Das ist ein neues Phänomen, das nicht nur mit der Corona-Krise zusammenhängt. In Peking gibt es einen klaren Wunsch, den lokalen Handel zu fördern. Dafür richtet die Regierung unter anderem zollfreien Zonen für die chinesische Bevölkerung ein, insbesondere auf der Insel Hainan", betont Jean-Daniel Pasche.

Dieser Fokus nach Osten wird sich voraussichtlich fortsetzen, zumal die Wiederaufnahme des internationalen Tourismus nicht vor Ende Jahr erwartet wird. Verbunden damit ist das Risiko für Schweizer Uhrenhersteller, wieder eine gewisse Ernüchterung zu erleiden, wie es bereits nach dem Exportboom nach China Anfang 2010 der Fall war.

"Die Abhängigkeit vom chinesischen Markt ist gefährlich. Ein Teil der chinesischen Elite hat aus dieser Krise viel Geld gemacht und investiert es teilweise in Schweizer Uhren. Aber Vorsicht vor dem Platzen der Blase", warnt Grégory Pons.

Der Experte befürchtet zudem, dass Peking erneut eine gross angelegte Anti-Korruptionskampagne startet, mit dem unausgesprochenen Ziel, den Verkauf chinesischer Uhren zum Nachteil der Schweizer Zeitmesser zu begünstigen.

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 3) Westliche Konsumenten und die jüngere Generation zurückgewinnen

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Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt setzt die Schweizer Uhrenindustrie stark auf den Boom in den Schwellenländern, insbesondere in Asien. Folglich hat sie ihre traditionelle Kundschaft in Europa und Nordamerika etwas aus den Augen verloren und ist bei der kauffreudigen, modebewussten Schicht im Westen in Vergessenheit geraten. "Die Schweizer Uhrenmarken sind dabei, aus dem mentalen Universum der westlichen Konsumenten zu verschwinden", bedauert Grégory Pons.

Umgekehrt sind Smart Watches und Uhren, die von Modemarken wie Guess, Puma und Armani hergestellt werden, bei der trendigen Jugend sehr beliebt. Spielerisch und zugänglich, stellen Smart Watches die Swatch und andere billige "Swiss Made"-Uhren in den Schatten. Eine Zahl verdeutlicht dieses Phänomen: Apple brachte erst 2015 seine erste Uhr auf den Markt; doch inzwischen verkauft der kalifornische Tech-Konzern massiv mehr Uhren als die gesamte Schweizer Uhrenindustrie zusammen.

"Schweizer Marken, von denen die meisten sehr konservativ sind, produzieren eine unendliche Anzahl der immer gleichen faden Modelle. Um junge Konsumenten zu überzeugen, sich einer traditionellen Uhr zuzuwenden, müssen sie viel mehr Kreativität zeigen", sagt Grégory Pons.

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4) Luxus allein reicht nicht

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Der harte Wettbewerb im Einstiegssegment - also bei Uhren, die weniger als 600 Franken  kosten - hat dramatische Auswirkungen auf die Gesamtzahl der in der Schweiz produzierten Zeitmesser. In den ersten 11 Monaten des Jahres 2020 exportierte die Schweiz gut 12 Millionen Uhren. Diese Zahl hat sich seit den frühen 2000er Jahren fast halbiert.

"Das ist das Hauptproblem der Schweizer Uhrenindustrie. Eine Industrie kann sich nicht nur auf High-End-Produkte verlassen, die mit wenigen Ausnahmen wie Rolex (1 Million Stück) und Omega (750.000 Stück) nur in begrenzten Stückzahlen erhältlich sind. Um die Maschinen am Laufen zu halten und Investitionen zu finanzieren, braucht man Volumen", sagt Olivier Müller, Uhrmacherexperte bei LuxeConsult.

Auch Jean-Daniel Pasche ist davon überzeugt, dass die Schweizer Uhrenindustrie weiterhin Uhren zu niedrigen Preisen herstellen muss, auch wenn die Produktionskosten und die Frankenstärke grosse Nachteile darstellen. "Volumen schafft Aktivität und ermöglicht es, das Know-how und die Arbeitsplätze der Branche zu erhalten", betont er.

5) Die Digitalisierung vorantreiben

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Die erzwungene Schliessung vieler Uhrengeschäfte rund um den Globus hat auch den widerstandsfähigsten Uhrmachern die Augen für die Bedeutung des Online-Handels und der direkten Kommunikation geöffnet. Selbst bei Marken, die ihre Zeitmesser für mehrere zehntausend Franken pro Stück verkaufen.

"Es ist natürlich ein Vorteil, online einkaufen zu können, wenn die Geschäfte geschlossen sind. Ganz allgemein erfüllt dieser Vertriebsweg die wachsenden Bedürfnisse eines Teils der Bevölkerung", bemerkt Jean-Daniel Pasche. Der Genfer Luxuskonzern Richemont beispielsweise machte zwischen April und September 7% seines Umsatzes über das Internet, im Vorjahr waren es noch 2%.

In nur wenigen Monaten - statt wie ursprünglich vorgesehen in mehreren Jahren - haben Marken digitale Strategien umgesetzt. Der Einsatz neuer Kommunikationsmittel ermöglichte es den Uhrenherstellern auch, näher an ihre Endkunden heranzukommen.

Die Boutiquen und die persönliche Beratung werden auch künftig wichtig bleiben. Dennoch haben die rasanten Entwicklungen dazu beigetragen, eine Branche zu entstauben, die bisher resistent gegen grosse digitale Umwälzungen war.

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