Wenn sich die Schweiz nicht gut anfühlt: Das Klima als Auswanderungsgrund
Jedes Jahr ziehen zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer in angenehmere Klimazonen. Lange Zeit ging es darum, den grauen Wintermonaten zu entfliehen. Doch zunehmend könnten auch Hitzewellen Menschen dazu bewegen, die Schweiz zu verlassen.
«Ich lebe an der kalifornischen Zentralküste. Wenn uns jemand fragt, warum wir hier leben, nennen wir immer drei Gründe: das Klima, das Klima, das Klima. Nein, ich werde niemals in die Schweiz zurückkehren», schreibt Gabrielle Robbins-Essig in einer Debatte unter Leserinnen und Lesern von Swissinfo.
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Lange Zeit entsprach das typische Profil der Schweizer «Klima-Auswanderer» Menschen, die die langen Winter und die Feuchtigkeit des Mittellands satthatten und ein milderes, ganzjährig beständiges Klima suchten.
«Wir hatten das schlechte Wetter satt»
«Wir sind vor zehn Jahren nach Südkalifornien ausgewandert, weil wir das schlechte Wetter in der Schweiz leid waren. San Diego hat eines der besten Klimata der Welt, mit herrlichem Sonnenschein an mehr als 300 Tagen im Jahr», schreibt Mike Vetter.
Marianne Shintaku, die ebenfalls in Südkalifornien lebt, verliess die Schweiz ursprünglich nicht wegen des Klimas. Heute sei dieses jedoch einer der wichtigsten Gründe für ihren Verbleib: «Ich hasse Feuchtigkeit und Kälte. Das kalifornische Klima ist mittlerweile eindeutig der Hauptgrund, weshalb ich hier bleibe.»
In Costa Rica freut sich Agnès Vetsch über ihre vor 20 Jahren getroffene Entscheidung: «Mir ist nie mehr kalt. Und ich bereue meine Wahl nicht.» Ähnlich sieht es Pascal Leutwyler, der heute im kanadischen Ontario lebt: «Den Nebel und den winterlichen Matsch des Aargauer Mittellands vermisse ich nicht.»
Hitze als neuer Auswanderungsgrund
Der Wunsch, dem trüben Schweizer Winter zu entkommen, könnte künftig an Bedeutung verlieren. Die Schweiz gehört zu den Ländern, die sich besonders stark erwärmenExterner Link. Damit könnte die zunehmende Sommerhitze in den kommenden Jahren zu einem wichtigen Auswanderungsmotiv werden.
Für Norbert Roth ist das bereits Realität. Der Klimawandel habe massgeblich zu seinem Wegzug beigetragen: «Die Hitze, die vielen Gewitter, die starken Hagelstürme…» Heute lebt er an der Nordsee.
Auch Andrea Wildi zog Konsequenzen aus den steigenden Temperaturen. Weil sie die Sommerhitze in der Schweiz nicht mehr ertrug, wanderte sie nach Irland aus. «Ich bin in ein gemässigteres Klima gezogen. In die Schweiz komme ich während der Sommermonate nur noch, wenn es unbedingt nötig ist.»
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Anpassung macht den Unterschied
Paradoxerweise berichten manche Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, die in deutlich heisseren Regionen leben, dass sie dort weniger unter hohen Temperaturen leiden als in der Schweiz. Ein Grund dafür sei die besser angepasste Infrastruktur.
«In Florida sind wir Hitze gewohnt, aber auch Klimaanlagen. Es überrascht mich etwas, wie sehr sich die Menschen in der Schweiz über die Sommerhitze beklagen, die mir eigentlich durchaus erträglich erscheint», sagt Ruth Härri.
Auch Monique Staehli, die auf Sizilien lebt, denkt trotz zunehmender Extremwetterereignisse nicht ans Wegziehen: «Sizilien leidet stark unter dem Klimawandel, etwa durch Waldbrände und Wassermangel. Aber ich habe das Meer direkt vor der Haustür, bald werden alle Räume mit solarbetriebenen Klimaanlagen ausgestattet sein, und wir verfügen über einen schattigen Garten. In der Schweiz wäre es für mich schwieriger, solche Lösungen umzusetzen.»
Für manche Auswanderinnen und Auswanderer spielt zudem eine Rolle, dass sich in Ländern mit tieferen Lebenshaltungskosten – insbesondere im Ruhestand – Investitionen in Kühlung und Hitzeschutz eher finanzieren lassen als in der Schweiz.
Nicht alle Regionen sind gleich betroffen
Von den rund 840’000 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern leben fast zwei Drittel in Europa, einem Kontinent, der besonders stark von der Klimaerwärmung betroffen ist.
Dennoch scheint dies die Wahl des Wohnorts vieler Mitglieder der Schweizer Diaspora bislang nur begrenzt zu beeinflussen. Aus Kanada relativiert Kati Lyon-Villiger die Veränderungen: «Der Klimawandel ist hier deutlich weniger spürbar als in der Schweiz. Der Schnee kommt einfach etwas später.»
Das Wetter ist nicht alles
So attraktiv ein angenehmes Klima auch sein mag: Für viele wiegen familiäre Bindungen und die Nähe zur Heimat letztlich schwerer.
«Ich bin vor 28 Jahren nach Australien ausgewandert, um dem Nebel und den grauen Wintertagen zu entkommen. Aus klimatischer Sicht war das eine ausgezeichnete Entscheidung. Das Klima in Westaustralien ist aussergewöhnlich. Doch je älter ich werde, desto mehr vermisse ich meine Geschwister», berichtet Verena Edmondson-Siegenthaler.
Editiert von Samuel Jaberg, aus dem Französischen übersetzt von Balz Rigendinger
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