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«Das Image einer solidarischen Schweiz stärken»

Marina Carobbio, Tessiner Sozialdemokratin mit angeborener Leidenschaft für die Politik. Keystone

Das Bild der Schweiz im Ausland ist gemäss der Tessiner Nationalrätin Marina Carobbio zu sehr auf die Bankenbranche fixiert. Die Sozialdemokratin fordert, die humanitären und solidarischen Werte, welche die Schweiz kennzeichneten, wieder zu stärken.

Die Ärztin Marina Carobbio ist in einem politischen Haus aufgewachsen. Beide Eltern waren engagiert, und bereits ihr Vater, Werner Carobbio, war Nationalrat.

Im Jahr 2007 trat Marina Carobbio als Parlamentarierin in die Fussstapfen ihres Vaters. Die Nationalrätin ist gleichzeitig Vizepräsidentin der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SP).

swissinfo.ch: Wie hat sich Ihr Interesse für die Politik entwickelt?

Marina Carobbio: Wir bekamen schon als Kinder viel von Politik mit. Und meine Eltern nahmen mich zu ihren Anlässen mit. Mit meinen Eltern habe ich ein dialektisches Verhältnis entwickelt.

Ich wurde schliesslich selbst aktiv, in Studentengruppen sowie Solidaritätsgruppen für Entwicklungsländer oder Frauengruppen.

swissinfo.ch: Warum haben Sie mit der SP die gleiche Partei gewählt wie Ihre Eltern?

M.C.: Das hängt mit der Vision von sozialer Gerechtigkeit zusammen. Ich habe immer das Ideal einer gerechteren, solidarischeren und freieren Gesellschaft gehabt. Schon in jungen Jahren vertrat ich diese Ideale, die auch die Ideale der SP sind. Diese werden mit Sicherheit auch ins neue Parteiprogramm aufgenommen, über das momentan diskutiert wird.

swissinfo.ch: Sie unterstreichen die Werte von Gerechtigkeit und Solidarität. Weshalb aber verliert die SP in der Schweiz seit Jahren Wähleranteile?

M.C.: Ich glaube, dass wir einige Schwierigkeiten hatten, unsere Werte in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die Kommunikation wird im politischen Geschäft immer wichtiger. Aber dafür braucht es umfangreiche Finanzen. Und die SP hat im Vergleich zu anderen politischen Parteien weniger Mittel.

Die SP muss zudem stärker bürgernäher vor Ort präsent sein, beispielsweise bei Unterschriftensammlungen oder bei Veranstaltungen. Unter der neuen Präsidentschaft versucht die SP seit zwei Jahren, diesen Weg zu gehen.

swissinfo.ch: Es ist aber eine Tatsache, dass sich die Sozialdemokratie in einer Reihe von europäischen Ländern in der Krise befindet, und dies trotz der Turbulenzen an den Finanzmärkten und der Rezession. Welche Gründe sehen Sie?

M.C.: Ich glaube, dass der Graben zwischen den Problemen der benachteiligten Schichten und der Mittelklasse auf der einen Seite sowie den Kadern der Sozialdemokratie auf der anderen Seite grösser geworden ist. In einigen Fällen hängt dies vielleicht damit zusammen, dass die Sozialdemokraten über Jahrzehnte an der Macht oder zumindest Teil der Regierung waren.

Es ist sicherlich richtig, in der Regierung zu sein, um Veränderungen in die Wege zu leiten. Doch man darf die fundamentalen Ideale des Sozialismus nie vergessen. Das heisst: Soziale Gerechtigkeit und Recht auf Arbeit.

swissinfo.ch: In den letzten Jahren ist die Schweiz zusehends kritisiert worden und hat sich international sogar isoliert, Stichworte Bankgeheimnis, Minarettverbot und Libyen-Krise. Hat die Schweiz im Ausland ein Image-Problem?

M.C.: Ich habe bei einer Reihe von Begegnungen im Ausland feststellen müssen, dass die Schweiz ein Imageproblem hat. Es gibt ein weit verbreitetes Bild der Schweiz als Land, das von einem Banksystem lebt, welches den Steuerbetrug im Namen der eigenen Profite unterstützt. Man findet aber auch andere Klischees, beispielsweise die Schweiz als kleines und schönes Land, in dem es keinerlei Probleme gibt.

Das Bild eines Landes mit einer grossen humanitären Tradition und als Fürsprecher für internationales Recht hat hingegen gelitten. Meiner Meinung nach müssen wir aber genau diesen Aspekt aufwerten. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir in internationalen Organisationen und insbesondere in europäischen Organisationen präsenter sein.

swissinfo.ch: Der Bundesrat ist gerade jetzt wieder heftig kritisiert worden, weil er keine effiziente Kommunikationsstrategie in Krisendossiers wie dem Fall UBS in den USA verfolgt hat. Braucht es eine Regierungsreform?

M.C.: Die Affäre UBS hat einmal mehr aufgezeigt, dass die Regierung nicht in der Lage ist, die Herausforderungen von Krisensituationen zu meistern. Deshalb ist eine Reform notwendig. Ich befürworte die Erhöhung der Zahl der Bundesräte von sieben auf neun. Dies würde es ermöglichen, die Dossiers besser aufzuteilen und auch die Sprachregionen der Schweiz besser zu berücksichtigen.

Meines Erachtens ist aber auch eine Parlamentsreform nötig. In den Sessionen behandeln wir praktisch nur Themen, die von langer Hand vorbereitet und geplant wurden. Wir sind nicht in der Lage, auf aktuelle Fragen einzugehen. Das zeigt das Fehlen einer echten Debatte über den Bericht der Geschäftsprüfungskommission in der jetzigen Session.

swissinfo.ch: Im Parlament kommen häufig Themen zur Sprache, die den Auslandschweizern am Herzen liegen. Beispielsweise die elektronische Stimmabgabe. Würde das E-Voting Ihrer Meinung nach die Beteiligung der Auslandschweizer an Abstimmungen und Wahlen erhöhen?

M.C.: Ich konnte im Rahmen meiner Aktivitäten feststellen, dass viele Auslandschweizer aus familiären oder anderen Gründen das politische, wirtschaftliche und soziale Leben in der Schweiz genau verfolgen. Ich unterstütze daher das E-Voting. Ich hoffe, dass nicht ausgerechnet in diesem Bereich gespart werden soll. Denn die elektronische Stimmabgabe verbessert die Beteiligung der Auslandschweizer am politischen Leben in ihrer Heimat.

swissinfo.ch: Wie schaffen Sie es, ihre Aufgaben als Mutter, Ärztin und Parlamentarierin unter einen Hut zu bekommen?

M.C.: Das ist nicht einfach. Aber die Situation ist für alle berufstätigen Mütter schwierig. Ich persönlich arbeite neben meiner Aufgabe als Politikerin zu 30 Prozent als Ärztin. Ich erhalte viel Unterstützung durch meinen Ehemann, meine Eltern und meine Familie. Im Vergleich zu anderen Frauen kann ich auf ein gutes soziales und familiären Netzwerk bauen.

Armando Mombelli, swissinfo.ch
(Aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Marina Carobbio Guscetti wurde 1966 geboren, ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie lebt in Lumino im Kanton Tessin.

Sie schloss 1991 ihr Medizinstudium in Basel ab und arbeitet heute zu 30% im Bereich der Palliativpflege.

Von 1991 bis 2007 war sie für Tessiner Kantonsrätin. Im Herbst 2007 wurde sie nach Bern in den Nationalrat gewählt.

Die Politikerin ist seit März 2008 Vizepräsidentin der SP Schweiz sowie Mitglied der Finanzkommission des Nationalrats.

Die Partei wurde am Schweizerischen Arbeitertag am 21. Oktober 1888 gegründet.

Bis 1943 war die SP reine Oppositionspartei. In diesem Jahr erhielt die Partei einen Sitz im Bundesrat (Regierung).

Seit 1960 verfügt die SP über zwei Repräsentanten im Bundesrat, der sieben Mitglieder zählt

Sozialdemokraten stark und erreichte bis 28 Prozent. In den 1980er Jahren ging der Wählerstimmenanteil bis auf 19 Prozent zurück.

Nach einer wachsenden Zustimmung in den 1990er Jahren brach die SP bei den Eidgenössischen Wahlen von 2007 um 4 Prozent ein und erreichte noch 19,5 Prozent. Damit ist sie nach wie vor die zweitstärkste politische Formation nach der Schweizerischen Volkspartei SVP.

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