Im Bergier-Schlussbericht soll Umfeld besser berücksichtigt werden
Die Bergier-Kommission will in ihrem Schlussbericht über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg das Umfeld eingehender beleuchten, in dem die schweizerischen Behörden und Unternehmen handelten. Der Bericht wird nächstes Jahr in Etappen veröffentlicht.
Auf diese Weise will die Unabhängige Expertenkommission der Kritik entgegenkommen, die an den bisherigen Zwischenberichten über den Goldhandel und die Flüchtlingspolitik geäussert worden war, wie Kommissionsmitglieder am Donnerstag (13.07.) in Bern vor den Medien erklärten.
Das Kernstück des Schlussberichts, eine rund 400-seitige Zusammenfassung, wird nach den Worten von Georg Kreis die Erkenntnisse zusammenfassen und auswerten, die in etwa 15 Einzelstudien über verschiedene Teilaspekte wie Raubguthandel, Industrie, Aussenhandel, Finanzbereich, Fluchtgelder etc. erarbeitet wurden.
In der Zusammenfassung will die Kommission unter anderem die prekäre Gesamtsituation aufzeigen, in der sich die Schweiz zur Nazizeit befand, und die Handlungsweise der Verantwortlichen auf diesem Hintergrund beleuchten. So will man versuchen, bestimmte Grundfragen wie des Sonderfalles, der Schuld etc. zu interpretieren, erklärten Kreis und Jacques Picard.
Kritik der Aktivdienstgeneration wird berücksichtigt
Der Bundesrat und verschiedene Kritiker hatten dem Flüchtlingsbericht vorgeworfen, den internationalen Kontext bei der Beurteilung des schweizerischen Verhaltens vernachlässigt zu haben. Dieser Kritik will man nach den Worten von Saul Friedländer Rechnung tragen.
Der an der Medienkonferenz anwesende alt Nationalrat Sigmund Widmer warf im Namen des Arbeitskreises Gelebte Geschichte (AGG) der Bergier-Kommission vor, aus heutiger Sicht die damaligen Entscheidungsträger moralisch zu verurteilen.
Grundthesen des Flüchtlingsbericht, etwa der verbreitete Antisemitismus oder die Mitwirkung der Schweiz beim Judenstempel, stünden auf wackligem Fundament. Die Schweiz sei nicht das herzlose, geldgierige, nazifreundliche und antisemitische Land gewesen, als das sie in den bisherigen Berichten dargestellt worden sei.
Diskussion mit Kritikern
Fundierte Kritik nehme man ernst, betonte Kommissionspräsident Jean-François Bergier. Am Mittwoch habe die Kommission mit einigen ihrer Kritiker wie dem Lausanner Historiker Lambelet ein fruchtbares Fachgespräch geführt.
Auch mit dem Bundesrat habe man dessen Kritikpunkte diskutiert. Inhaltliche Weisungen habe dieser nicht gegeben; solche nehme man auch nicht an, betonte Kreis. Marc Perrenoud wies darauf hin, dass die kürzlich erschienene Studie über die Waadt zur Nazizeit punkto Bedeutung des Antisemismus zu ähnlichen Resultaten gekommen sei wie der Bergier-Bericht.
Im Schlussbericht finden sich nach Angaben des Rechtsexperten Daniel Thürer mehrere Rechtsgutachten über die damaligen Rechtsbestimmungen bezüglich Flüchtlinge, Gold- und Raubguthandel oder das Versicherungswesen. Er gehe davon aus, dass die schweizerische Rechtswissenschaft im zweiten Weltkrieg eine integre Rolle spielte. Das schweizerische Rechtssystem habe sich nicht dem Nazisystem unterworfen. Diese Hypothese müssten die Gutachter nun überprüfen.
swissinfo und Agenturen
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