Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz steigt an – in der EU weniger. Was ist da los?
Die Arbeitslosenquote ist in der Schweiz im letzten Jahr zum zweiten Mal in Folge gestiegen. Diese Entwicklung kontrastiert mit jener in der EU, wo die Arbeitslosigkeit stagniert. Was sind die Gründe?
Die Schweiz wird oft als Insel der Vollbeschäftigung im Herzen Europas dargestellt. Zwar ist die Arbeitslosenquote hierzulande nach wie vor niedriger als in den europäischen Nachbarländern. Doch der Unterschied ist nicht mehr so gross wie einst.
Zwischen dem dritten Quartal 2024 und dem dritten Quartal 2025 stieg die Arbeitslosenquote gemäss Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in der Schweiz von 4,7% auf 5,1% (+0,4 Prozentpunkte).
Dieser Anstieg war in Deutschland (+0,3), Frankreich (+0,3) und Österreich (+0,2) etwas weniger ausgeprägt. In Italien blieb die Arbeitslosenquote mit 5,6% stabil. Das Gleiche gilt für den Durchschnitt der 27 EU-Mitgliedstaaten (5,7%).
«Die Schweiz ist ein sehr exportabhängiges Land und die internationale Konjunktur kann einen grösseren Einfluss haben als in anderen EU-Ländern, deren Wirtschaft weniger vom Handel mit dem Rest der Welt abhängig ist», analysiert Giovanni Ferro-Luzzi, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität und der Hochschule für Wirtschaft in Genf.
Die im vergangenen Jahr von den USA – dem zweitwichtigsten Handelspartner der Schweiz nach der EU – eingeführten zusätzlichen Zölle in Höhe von zunächst 39% und später 15% treffen insbesondere die stark exportorientierte Schweizer Industrie.
«Dies zwingt die Unternehmen zu schnellen Reaktionen, indem sie Personal abbauen oder Einstellungsstopps einführen. Da die Schweiz über einen offenen und mobilen Arbeitsmarkt verfügt, wirken sich diese Effekte schnell auf die von der ILO berechnete Arbeitslosenquote aus», sagt Stefan Heini, Leiter Kommunikation beim Schweizerischen Arbeitgeberverband.
Starker Franken und Integration der Credit Suisse in die UBS
Gleichzeitig wird die Exportindustrie durch die Aufwertung des Frankens benachteiligt. In Zeiten hoher konjunktureller und geopolitischer Unsicherheiten, wie sie derzeit herrschen, spielt der Franken eine noch ausgeprägtere Rolle als sicherer Hafen. Ende Januar erreichte der Schweizer Franken gegenüber dem Dollar mit 0,76 Rappen pro Dollar seinen höchsten Stand seit 2015. «Die Stärke des Schweizer Frankens sorgt für Druck, insbesondere auf die Metall- und Maschinenindustrie sowie auf die Uhrenindustrie», sagt Daniel Kopp, Zentralsekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).
In diesen Branchen konnte der soziale Schaden bisher durch Kurzarbeit begrenzt werden. So gingen im vergangenen Jahr in der Uhrenindustrie nur 835 Arbeitsplätze verloren, obwohl die Branche zum zweiten Mal in Folge einen Exportrückgang verzeichnete.
Von Entlassungen besonders betroffen sind hingegen die Pharmaindustrie und die Biowissenschaften. Laut dem Arbeitsmarktbarometer der Outplacement-Agentur von Rundstedt, das Ende Januar veröffentlicht wurde, war diese Branche 2025 am stärksten von Entlassungen betroffen (fast 30% der Gesamtzahl).
«Der Grund dafür ist in erster Linie konjunktureller Natur. Eine strukturelle Umkehr kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, sollte die US-Regierung in den kommenden Jahren den Druck auf diesen Sektor erhöhen», sagt Giovanni Ferro-Luzzi. Die Rückverlagerung der Pharmaindustrie in die Vereinigten Staaten ist eine der Prioritäten der Trump-Regierung.
Auch im Finanzdienstleistungssektor steigt die Arbeitslosigkeit, insbesondere aufgrund der Integration der Credit Suisse in die UBS, die einer Analyse von SRF zufolge in den letzten drei Jahren weltweit bereits mehr als 36’000 Arbeitsplätze gekostet hat, sowie aufgrund angekündigter Umstrukturierungen bei anderen Banken und Versicherungen.
Vor diesem Hintergrund prognostizieren die Experten des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco, dass die Arbeitslosenquote bis 2026 weiter steigen wird, wenn auch in moderatem Umfang.
Langzeitarbeitslosigkeit auf dem Vormarsch
Im Jahr 2023, nach dem Ende der Wirtschaftskrise durch die Corona-Pandemie, erlebte die Schweiz in Bezug auf die Beschäftigung ein aussergewöhnlich günstiges Jahr. Die Langzeitarbeitslosigkeit betraf damals gemäss der Definition der ILO 70’000 Personen, gegenüber fast 110’000 zwei Jahre zuvor.
Heute aber schwebt erneut das Gespenst der LangzeitarbeitslosigkeitExterner Link über den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Im Jahr 2025 waren fast 84’000 Menschen seit mehr als zwölf Monaten arbeitslos. Auch wenn ihr Anteil an der Gesamtzahl der Arbeitslosen laut des Seco mit weniger als 10% relativ gering ist, ist diese Situation für die Betroffenen hart.
«Das ist ein Problem, denn es ist bekannt, dass eine längere Abwesenheit vom Arbeitsmarkt die Rückkehr in die Beschäftigung erschwert”, erklärt Giovanni Ferro-Luzzi. Die Motivation weicht bei den Arbeitslosen der Entmutigung. Und die Arbeitgeber sehen in der Dauer der Arbeitslosigkeit – sehr oft zu Unrecht – ein «Signal” für eine geringere Arbeitsmarktattraktivität der Person.
Weniger offene Stellen
Als Folge dieser angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt ist auch die Zahl der offenen Stellen rückläufig. Im Jahr 2022 hatte der Arbeitskräftemangel in der Schweiz mit fast 130’000 registrierten offenen Stellen einen Rekordwert erreicht. Bis 2025 ist diese Zahl auf unter 90’000 gesunken.
Die von Swissinfo befragten Experten sind der Ansicht, dass diese Entwicklung in erster Linie mit der Verschlechterung der Wirtschaftslage zusammenhängt: Das Seco prognostiziert für das Jahr 2026 ein BIP-Wachstum von lediglich 1,1%.
Der strukturelle Arbeitskräftemangel, der hauptsächlich auf die demografische Alterung zurückzuführen ist, wird voraussichtlich wieder zunehmen und die Schweizer Unternehmen in den kommenden Jahren stark belasten. «Die grössten Engpässe sind in den Bereichen Gesundheitswesen, Bauwesen und Gastronomie zu erwarten», schätzt Stefan Heini.
Was die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz (KI) auf die Arbeitswelt angeht, so sind diese noch schwer abzuschätzen. «Die künstliche Intelligenz verändert vor allem die Art und Weise, wie gearbeitet wird. Einflüsse von Technologien auf den Arbeitsmarkt müssen typischerweise über längere Zeiträume analysiert werden», sagt Françoise Tschanz, Sprecherin des Seco.
In der Schweiz beispielsweise war laut Tschanz in den letzten zwei Jahrzehnten zu beobachten, dass die Digitalisierung zu einer Zunahme von Tätigkeiten geführt hat, die nicht automatisiert werden können, während automatisierbare Tätigkeiten an Bedeutung verloren haben. «Diese Entwicklung vollzog sich jedoch schrittweise und die Gesamtbeschäftigung stieg weiter an», sagt die Seco-Sprecherin.
Während es Anzeichen für einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen in den besonders von KI betroffenen Branchen gibt – IT, Bankwesen, Verwaltung –, gehen die Gewerkschaften davon aus, dass dieser neue Faktor in Zukunft nur eine «untergeordnete» Rolle auf dem Arbeitsmarkt spielen wird. «Wir glauben nicht, dass KI zu Massenarbeitslosigkeit führen wird», sagt Daniel Kopp.
Lesen Sie auch unseren Artikel über den bevorstehenden Wandel des Arbeitsmarktes aufgrund der alternden Bevölkerung und veränderter Lebensgewohnheiten:
Mehr
Der Fachkräftemangel ist erst der Anfang
Editiert von Virginie Mangin. Mithilfe von KI aus dem Französischen übersetzt von Balz Rigendinger
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch