Wenn Schweizer Food-Startups scheitern
Die Schweiz gilt als globaler Hub für Lebensmitteltechnologie und Innovation. Dennoch ist es für Startups nicht einfach, sich hier zu etablieren. Swissinfo sprach mit vier Lebensmittelunternehmer:innen über ihre Erfahrungen.
Seit 15 Jahren führt die Schweiz die globale Innovationsrangliste der Weltorganisation für geistiges EigentumExterner Link (WIPO) an. Gemessen an der Zahl der Bevölkerung vergibt sie weltweit die meisten Patente. Die meisten davon in der Pharmabranche – dahinter folgt die Lebensmitteltechnologie (Foodtech).
Das liegt zum einen an der Unterstützung, die Lebensmittelunternehmer:innen von Bund und Branchenverbänden wie Innosuisse und Swiss Food & Nutrition Valley erhalten: bei der Finanzierung, durch die Bereitstellung von Büroräumen, beim Anmieten von Spezialgeräten oder bei der Organisation von Networking-Veranstaltungen.
Hinzu kommt, dass die gesetzlichen Vorschriften in der Schweiz, etwa in Bezug auf neuartige Lebensmittel wie Laborfleisch, auf dem neusten Stand sind. Und schliesslich ist das Land ein Zentrum für die Innovation nachhaltiger Lebensmittelverpackungen, an denen Universitäten wie auch der Privatsektor arbeiten.
Zwischen 2021 und 2025 stieg die Zahl der Schweizer Foodtech-Startups um 65%. Bereiche wie Lebensmittellieferungen, Fleischalternativen und Upcycling boomten in der Zeit nach der Coronapandemie. Doch inzwischen hat sich die Situation geändert.
«Heute beobachten wir in mehreren Segmenten, in denen in den letzten Jahren zahlreiche Startups eingestiegen waren, eine Rationalisierung», sagt Giulio Busoni von Porsche Consulting in Mailand, einer der Autoren des Swiss Foodtech Ecosystem Report 2025.
Dazu zählen etwa Lieferdienste, Online-Lebensmittelhandel oder die vertikale Landwirtschaft. «Dies führt zu einer Marktkonsolidierung. Etablierte Akteure integrieren zunehmend kleinere oder aufstrebende Unternehmen in ihre Wachstumsstrategien, und Geschäftsmodelle werden strenger geprüft.»
Rund 2,5% der 2021 in der Schweiz gegründeten Foodtech-Startups wurden laut dem Bericht bis vier Jahre später liquidiert. Auch die Investitions- und Finanzierungsrunden für Schweizer Foodtech- und Agrartech-Startups sind in den letzten Monaten stark zurückgegangen.
Denselben Trend kann man weltweit beobachten: der Sektor zieht weniger Risikokapital an als während der Boomphase nach der Pandemie. Die weltweiten Investitionen beliefen sich 2025 noch auf rund 6,2 Milliarden US-Dollar (4,8 Milliarden Schweizer Franken), verglichen mit 49,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021.
Swissinfo sprach mit drei Unternehmer:innen über die Herausforderungen, denen sie als Foodtech-Entrepreneure in einem zunehmend wettbewerbsorientierten Markt begegnen.
Gegen etablierte Schwergewichte antreten
Vor viereinhalb Jahren träumte Lukas Rösch davon, die Wahrnehmung von Tofu in der Schweiz zu verändern.
«Tofu hatte ein Imageproblem», sagt Rösch gegenüber Swissinfo. «Die Leute dachten, er sei geschmacklos, habe eine seltsame, gummiartige Konsistenz und sei für die Abholzung der Regenwälder in Brasilien verantwortlich.»
Es war das Jahr 2020, Rösch hatte gerade sein BWL-Studium abgeschlossen und arbeitete für ein Startup, das vegane Produkte online verkaufte. In jener Zeit gaben die Menschen mehr Geld für Lebensmittel aus, weil die Restaurants aufgrund der Massnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie geschlossen waren.
Zusammen mit einem Schulfreund, der Tofu herstellte und verkaufte, beschloss er, ein Startup zu gründen. Nach einigen Versuchen gelang es ihnen, eine Tofu-Variante zu entwickeln, von der sie glaubten, dass sie den langweiligen Ruf des Produkts retten könnte.
«Wir haben ein Produkt entwickelt, das sehr zart und überhaupt nicht zäh ist», sagt Rösch. «Wir haben es mit verschiedenen Marinaden wie BBQ und Senf kombiniert und dafür lokal angebautes Soja verwendet.»
Das Startup Ensoy war geboren. Und da das Produkt in der Ostschweiz, fernab von den grossen Schweizer Zentren wie Zürich, hergestellt und auf den Markt gebracht wurde, hatte es einen Neuheitswert und zog zu Beginn viel Medienaufmerksamkeit auf sich. Rösch konnte Restaurants mit Ensoy-Tofu beliefern und baute schliesslich ein Netzwerk von 250 Unternehmen für seinen Tofu auf.
Um Ensoy auf den Weg zu bringen, investierte Rösch seine eigenen Ersparnisse. Nach zwei Jahren im Geschäft gelang es ihm, einen Bankkredit zu günstigen Konditionen zu erhalten. Dies erlaubte es ihm, sein Startup weiter auszubauen, ohne Risikokapital zu beschaffen.
Der grosse Moment für Ensoy kam, als das Startup einen Halbjahresvertrag mit der Migros abschliessen konnte.
«Vor der Gründung unseres Startups war es eines meiner Ziele, an Migros oder Coop zu verkaufen.» Es war laut Rösch der einzige Weg, zu wachsen. «Ich behielt Recht: Nach dem Migros-Vertrag haben wir unsere Produktion mehr als verdoppelt.»
Rösch stellte drei neue Mitarbeitende ein, um die Produktion zu steigern und die von Migros geforderten Mengen zu liefern. Nur: Gewinne erzielte das Unternehmen immer noch keine.
«Je mehr man produziert, desto mehr Geld sollte man verdienen», so Rösch. «Aber das war nicht der Fall, weil auch unsere Lohnkosten gestiegen sind.»
Nach sechs Monaten aber beschloss die Migros, den Vertrag nicht zu verlängern. Die Verkaufszahlen waren hinter den Erwartungen zurückblieben. Rösch musste drei Mitarbeitende entlassen.
Zusätzlich verlor Ensoy einige Bio-Lebensmittelgeschäfte als Kunden. Diese waren enttäuscht, dass das Unternehmen eine Partnerschaft mit dem Schweizer Lebensmittelriesen Migros eingegangen war.
Die Bio-Läden versuchen, sich durch den Verkauf von Produkten zu differenzieren, die ihre Kundschaft anderswo nicht finden können – Ensoy aber sollte überall verkauft werden. Der letzte Strohhalm für das Startup war ein Deal mit einem neuen Partner, der in letzter Minute platzte.
«Ich stand unter Druck von der Bank. Es war also an der Zeit zu sagen: Okay, wir haben es versucht und sind gescheitert», sagt Rösch.
Am 30. November 2025 musste Rösch sein Unternehmen schliessen und alle Geräte zur Tofuherstellung verkaufen.
«Die grössten Lebensmitteleinzelhändler der Schweiz, Migros und Coop, haben ihre eigene Lebensmittelproduktion oder besitzen Hersteller wie die Bell Group und Hilcona», sagt Rösch.
Sie würden ihren Tofu immer von diesen Unternehmen beziehen – es sei denn, Rösch sei in der Lage, den seinen billiger zu verkaufen. «Doch das wird niemals der Fall sein», sagt Rösch.
Und solange es Unternehmen gebe, die Tofu verglichen mit seiner Firma zum halben Preis herstellen, sei es schwierig für jemanden wie ihn, einen Investor oder eine Investorin zu finden.
Rund 150’000 Franken, schätzt Rösch, habe er für sein Startup aus seinen Ersparnissen und Darlehen seiner Familie ausgegeben. Im ersten halben Jahr zahlte er sich keinen Lohn und konnte maximal 4000 Franken pro Monat für sich selbst beiseitelegen. Der Brutto-Medianlohn für eine Vollzeitstelle in der Schweiz lag 2024 bei 7024 Franken.
Hohe Qualität, geringe Margen
Wie schwer es ist, ein Food-Startup zu skalieren, weiss auch Céline Neuenschwander. Im Jahr 2023 gründete sie Flow Hummus, das pflanzliche Frühstücks- und Mittagessenschalen an Büros in Zürich liefert.
Sie sah ihre Chance nach der Aufhebung der Corona-Massnahmen gekommen: In jener Zeit suchten Unternehmen nach Anreizen, um ihre Mitarbeitenden zurück ins Büro zu holen.
«Flow Hummus wurde als digitale Kantine entwickelt, für Büros, die keine Küche und kein Angebot an frischen Lebensmitteln haben», sagt Neuenschwander. «Über einen Webshop konnten die Firmen frische, gesunde Bowls bestellen, die direkt an ihren Arbeitsplatz geliefert wurden.»
Doch nach anfänglichem Schwung verlangsamte sich das Wachstum. Die Gewinnmargen fielen geringer aus als erwartet. Neuenschwander stand vor einer strukturellen Herausforderung: Die Herstellung und Lieferung frischer, gesunder Lebensmittel ist mit deutlich höheren Kosten verbunden.
«Lebensmittel werden wie jede andere Ware gehandelt», sagt sie. «Hochverarbeitete Zutaten, die billig und lange haltbar sind, erzielen in der Regel die höchsten Margen und Renditen – auch wenn sie nicht unbedingt die gesündesten sind.»
Trotz eines hochgradig optimierten Betriebsmodells beschloss Neuenschwander nach fast drei Jahren, das Unternehmen aufzugeben.
«Das war ein entscheidender Moment in meinem Leben, in dem viele Dinge zusammenkamen», sagt sie. «Aber ich habe viel gelernt – beruflich wie auch persönlich.»
Letztendlich führte ihre Erfahrung sie zu etwas Neuem: Sie trat Venturelab bei, dem grössten Schweizer Accelerator, wo sie heute Weltklasse-Startups auf ihrem Wachstumskurs unterstützt.
Global vermarkten
Mark Essam Zahran interessierte sich bereits während des Architekturstudiums für vertikale Landwirtschaft. Dabei werden Pflanzen in vertikal angeordneten Schichten angebaut, um begrenzten Raum besser zu nutzen.
Er war beeindruckt davon, wie viel Land für den Anbau von Nahrungsmitteln benötigt wird. «Die Städte der Welt, in denen die meisten Menschen leben, nehmen etwa 3% der Landmasse ein, während 40% der Fläche benötigt werden, um alle Menschen zu ernähren», sagt Zahran.
«Wenn man Architektur als eine Art Beherrschung des Raums versteht, wird deutlich, dass wir den vorhandenen Raum nicht effizient genug nutzen.»
Zahran begann seine unternehmerische Laufbahn mit einem Startup namens Yasai (Gemüse auf Japanisch), das Kräuter in einer vertikalen Indoor-Anlage ohne Erde anbaute.
Doch der Anstieg der Energiepreise nach Beginn des Kriegs in der Ukraine im Jahr 2022 führte zu einem Vertrauensverlust der Investor:innen in das Geschäftsmodell der vertikalen Landwirtschaft.
«Wir hatten Schwierigkeiten, das erforderliche Kapital zu beschaffen, das wir gebraucht hätten, um Skalierungseffekte zu erreichen», sagt er.
Bis Ende 2023 gingen mindestens 15 europäische Unternehmen für vertikale Landwirtschaft KonkursExterner Link.
Auch die Investitionen in neuartige Anbausysteme (einschliesslich vertikaler Landwirtschaft) gingen 2024 im Vergleich zum Vorjahr um 53% zurück, laut dem «AgFunder Global AgriFoodTech Investment Report 2025».
Im Jahr 2024 verkaufte Zahran sein Unternehmen an Greenstate, den grössten Akteur in Europa im Bereich der vertikalen Landwirtschaft. 2025 gründete er ein neues Startup: Gaya Earth. Das Unternehmen verkauft Kakaopulver gemischt mit Vitalpilzen: laut der Firma eine gesündere Alternative zu Kaffee.
Alle Gründer:innen von Gaya sind bereits bei ihrem zweiten oder dritten Startup. «Bestimmte Dinge kann man nicht aus Büchern lernen, man muss sie erleben», sagt Zahran.
«Deshalb ist es sehr wertvoll, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die bereits ihre Fehler gemacht, die Erkenntnisse und Erfahrungen gesammelt haben.»
Ein Stolperstein, den er bei vielen Food-Startups sieht, sei, dass sie sich nur auf den Schweizer Markt konzentrieren. Dieser sei mit neun Millionen Konsument:innen klein, zudem stark reguliert und vom Duopol der beiden grossen Supermarktketten abhängig, welche die Bedingungen jeder Partnerschaft diktieren können.
«Schweizer Food-Startups sollten von Anfang an globale Ambitionen haben», sagt Zahran. «Erfolgreiche Schweizer Startups wie Planted etwa haben ziemlich schnell international expandiert. Das hat ihnen ein schnelleres Wachstum ermöglicht.»
Das Schweizer Unternehmen Planted stellt pflanzliche Fleischersatzprodukte her und hat seit seiner Gründung im Jahr 2019 über 100 Millionen Franken aufgebracht.
Zahran sieht eine vielversprechende Zukunft in aufstrebenden Märkten wie dem Nahen Osten und Ostasien, wo das Gesundheitsbewusstsein zunimmt. Swissness, sagt er, sei ein Wettbewerbsvorteil in diesen neuen Märkten.
«Die Konsument:innen dort bevorzugen Schweizer Marken, weil sie der hiesigen Qualitätssicherung vertrauen. Deshalb konnte sich Nestlé mit seiner Babynahrung in China etablieren», sagt er. «Wir können nun auf den Schultern dieser Giganten stehen.»
Editiert von Virginie Mangin/ts, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michel/raf
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