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Die Japanesenspiele in Schwyz: Geschichte einer speziell anmutenden Tradition

Ein Mann, der auf der Bühne seine rechte Hand hebt
Karl Schönbächler verkündet als japanesischer Kaiser verkleidet die nächsten Spiele. SWI swisssinfo.ch / Tomoko Muth

In Schwyz gibt es eine Fasnachtgruppe namens «Japanesen», die nicht nur für Japaner mitunter etwas komisch wirken. Sie führt während der Fasnachtzeit Freilichtspiele auf. Die Tradition ist 170 Jahre alt – und kämpft ums Überleben.

Am 6. Januar, Dreikönigstag, einem Feiertag im katholisch geprägten Kanton Schwyz, hielten die Japanesen in einer Kongresshalle nahe dem Hauptplatz ihre «Reichtumversammlung» ab, zum 169. mal. Es ist die Generalversammlung der Schwyzer Fasnachtsgruppe Japanesengesellschaft.

«Seid ihr dafür, dass wir 2028 das 52. Fastnachtsspiel der Japanesen aufführen?», fragte der Präsident der Gesellschaft Karl Schönbächler, genannt «Hesonusode», und der Saal brach aus in grossen, zustimmenden Beifall. Neben den Japanesen in orientalischer Tracht gratulieren auch andere Fasnachtgruppen zum Entscheid.

In Schwyz findet jedes Jahr am Aschermittwoch ein Fasnachtsumzug statt, der sogenannte «Nüssler», wo maskierte Figuren eigenwillig tanzen. Dazu kommt alle vier bis sechs Jahre ein Freilichttheater, genannt die «Japanesenspiele». Die Wurzeln dieser Spiele reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.

Wurzeln im Schweizer Bürgerkrieg

Damals wurde der katholisch konservative Kanton Schwyz im Sonderbundskrieg von 1847 von den liberalen Kantonen besiegt – und er musste sich an den Kriegskosten beteiligen. Um die unterlegenen Schwyzer:innen aufzuheitern, wollte man in der Fasnachtszeit ein Freilichtspiel auführen. 1857 wurde das satirische Theaterstück «Circus Carnival» mit skurrilen Tieren aufgeführt, und erntete grossen Beifall.

Zur gleichen Zeit erfasste eine Welle des Wandels auch den Fernen Osten: In Japan entstand eine Bewegung, welche die 200-jährige Isolation der Inselnation beendete. Die junge Schweiz, die damals unter hohen Zöllen ihrer Nachbarländer litt, wollte von der Gelegenheit profitieren und sandte eine Delegation nach Japan, um ein Handelsabkommen auszuhandeln.

Teure Geschenke an Japan

Dafür bewilligte das Schweizer Parlament ein Budget von 100’000 Franken – etwa 10 Prozent des damaligen Bundeshaushalts. Man wollte damit die japanischen Generäle günstig stimmen.

Eine sechsköpfige Delegation unter der Leitung des Uhrenhändlers Aimé Humbert stellte über 200 Geschenke zusammen, die die industrielle und technologische Stärke der Schweiz demonstrieren sollten – von Uhren über Seidenstoffe und Kunsthandwerk bis hin zu Feuerlöschpumpen.

Das Volk im landwirtschaftlich geprägten Kanton Schwyz war aber unzufrieden mit den hohen Kosten dieser Exportförderung. Ambros Eberle, einer der Organisatoren des Freilichtspiels und Herausgeber der Lokalzeitung, verfasste daraufhin ein Theaterstück, eine bissige Satire auf den Bundesstaat.

Bissige Satire auf den Bundesstaat

Der Inhalt des Stücks: Eine Schweizer Delegation reist mit einem Berg von Geschenken nach Japan, um dort den Taikun, den Kaiser, zu treffen. Die Delegation wird vom tyrannischen Taikun jedoch schlecht behandelt. Der Patriotismus der Schweizer Bauern bewirkt schliesslich, dass der Taikun seine Haltung ändert. Er wünscht am Ende sogar, Schwyzer zu werden.

Die Uraufführung von «Schweiz in Japan» im Februar 1863 war ein Riesenerfolg und brachte den Veranstaltern einen Überschuss von 2000 Franken ein. Die Organisatoren gründeten darauf die «Japanesengesellschaft» und führen seither regelmässig «Japanesenspiele» auf, in denen der Kaiser «Hesonusode» und sein Volk, die «Japanesen», die Hauptrollen spielten. Die Stücke wurden ständig überarbeitet und um aktuelle Ereignisse sowie satirische Elemente ergänzt.

≫In diesem Video berichtete SRF über die Probe zur 50. Aufführung des Japanesenspiels im Jahr 2013:

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Die Fantasiewelt vor 170 Jahren

Obwohl sie «Japanesen» genannt wurden, ist leicht zu erkennen, dass ihr Aussehen weder den tatsächlichen Japanern noch der japanischen Kultur entspricht. Ihre langen, dünnen Bärte und Gewänder wirken eher chinesisch – zumindest aus heutiger Sicht.

Die «Japanesen» verkörpern das Bild der Japaner, wie es sich die Schwyzer vor 170 Jahren vorstellte. Sie entstanden in einer Zeit, in der trotz diplomatischer Nachrichten visuelle Informationen rar waren und die Unterscheidung zwischen China und Japan oder zwischen einem Shogun und einem Kaiser vielen in Europa unklar war. Die Tatsache, dass sie weiterhin mit ihrem ursprünglichen Namen «Japanesen» und nicht mit dem modernen deutschen Wort «Japaner» heissen, zeugt von der langen Geschichte.

Sehnsucht nach Exotik

Der japanische Professor Keizo Miyashita, ein Repräsentant von Japanesenspielen in Japan, analysierte: «Für sie war die getreue Nachbildung des damaligen Japans nicht wichtig. Für die Menschen, die ihren Frust möglichst schnell abbauen wollten, war es der schnellste Weg, dass sie sich in etwas verwandelten, was so weit wie möglich von ihrer Alltagsrealität entfernt war.»

Diese Sehnsucht nach Exotischem besteht bis heute. «Während der Fasnacht macht es Spass zu sehen, wie wir unbekannte, fremde Dinge imitieren können», sagt Karl Schönbächler gegenüber Swissinfo. Der Architekt besitzt profunde Kenntnisse der japanischen Kultur und ist sich bewusst, dass die «Japanesen» keine authentische japanische Kultur verkörpern.

«Es ist eine Fasnacht, also kann man nicht ‚authentisch‘ sein. Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen», erklärt Emi Oshikawa, die seit 1987 in Schwyz wohnt. Anfangs kam der Japanerin die Inszenierung der Japanesen seltsam vor, und sie versuchte, dies wiedergutzumachen, indem sie beispielsweise japanische echte Kimonos holte und diese den Organisatoren zeigte.

Kein Interesse an Kimonos

Doch die Japanesen nickten nur, sagten «ja stimmt» – und zeigten keine Anstalten, ihr Aussehen zu korrigieren. Es dauerte über zehn Jahre, bis Emi schliesslich begriff, dass «es bei dem Stück nicht darum geht, authentische japanische Kultur zu vermitteln», sagt sie.

Warum also beharrt das Schwyzer Freilichttheater weiterhin auf die Japanesen? Peter Steinegger, ehemaliger Hesonusode, analysiert, dass es nicht um das Aussehen von Japanesen gehe, sondern um «Tenno als Vermittler».

Der Schweizer Sonderbundskrieg, der am Anfang dieser Spiele stand, hatte die Schweiz in Liberale und Konservative gespalten. Steinegger erklärt, dass die damals angelegten Konfliktlinien bis in die heutige Zeit wirksam seien. Es gebe in der Schweiz ein stetes Ringen, «das ist das Wesen unserer Demokratie».

In den Japanesenspielen sind auch die Einwohner von Schwyz vom Konflikt betroffen. Doch am Ende tritt Hesonusode als Schlichter der zerstrittenen Schwyzer auf. «Sein Auftritt ist stets äusserst ehrenhaft. Niemals wird der Hohe Tenno kritisiert oder gar beleidigt», erklärt der ehemalige Kantonsratspräsident. Insofern könne man von einer getreuen Darstellung des japanischen Kaisers sprechen.

«Japanesenspiele» vor dem Aussterben

Die Japanesen haben in den letzten Jahrzenten ihre Auftritte reduziert. Der feierliche Einzug am Dreikönigstag findet nicht mehr statt. Eine Kinderbescherung mit Orangen am Schmutzigen Donnerstag ebensowenig. 2019 und 2023 wurden die Spiele in «Fasnachtsspiel» umbenannt, und Hesonusode und die Japanesen wurden weniger wichtig.

Was geschah mit dem Japanesen? Franz Steinegger, Journalist von «Der Bote» führt den Niedergang der Japanesen auf das «normalisierte Verhältnis zwischen Obrigkeit und normalen Bürgern» zurück.

Die Japanesengesellschaft wurde lange Zeit von wohlhabenden und einflussreichen lokalen Würdenträgern geleitet. Heute, wo die Gleichberechtigung einen hohen Stellenwert hat, erwies sich diese Exklusivität als fatal. Für die Japanesengesellschaft fand sich kein Vorstand. Die Japanesenspiele standen kurz vor dem Aussterben.

Doch 2016 leitete der ehemalige Ständerat Toni Dettling umfassende Reformen ein. Er ernannte den gut vernetzten Karl Schönbächler zum Gesellschaftspräsident Hesonusode, und übertrug das Drehbuch Roger Bürgler, einem jungen Dramatiker aus Schwyz. Die beiden sollten die Ursprünge der Gesellschaft in ein Freilichttheater während der Fasnacht überführen.

Update für die alte Tradition

«Der Bruch mit der Tradition im Spiel war auch etwas taktisch», erklärt Bürgler, weshalb er die japanesischen Faktor deutlich reduziert hatte. Die Japanesen seien «faktisch tot» gewesen. Um wieder Interesse zu wecken, kamen viel Gesang, Tanz und Lichtspiel, sowie satirische Elemente dazu.

≫Das von Roger Bürgler revitalisierte Fasnachtspiel aus dem Jahr 2019 können Sie hier in voller länge anschauen:

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Diese Strategie war erfolgreich: Das neue Fasnachtsstück wurde gut aufgenommen und «man ist wieder näher beim Publikum», wie Franz Steinegger lobt.

Doch ganz ausgestorben sind die Japanesen nicht. Bürgler, der auch am Drehbuch für 2028 arbeitet, will, dass «die Japanesen wieder ein bisschen reinkommen». Und der Präsident der Japanesengesellschaft, Karl Schönbächler, sagt: «Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers».

Editiert von Balz Rigendinger

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