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Rolle ringt mit dem Wirtschaftsboom



Internationale Firmen haben sich nicht nur wegen der schönen Landschaft in Rolle niedergelassen.

Internationale Firmen haben sich nicht nur wegen der schönen Landschaft in Rolle niedergelassen.

Rolle, das Städtchen am See, auf halbem Weg zwischen Genf und Lausanne, hat in den letzten Jahren ein wahres Wirtschaftswunder erlebt. Aber die Ansiedlung internationaler Unternehmen hat das Leben in der Gemeinde verändert. Ein Augenschein.

Schon von der Autobahn aus sieht man die neuen Gebäude von Chiquita, Nissan, Yahoo! und anderen bekannten internationalen Firmen, die sich in den letzten fünf Jahren im A-One-Business Park von Rolle niedergelassen haben.

 "Wir haben 40'000 m2 Bürofläche für die 13 Firmen, die derzeit hier angesiedelt sind und zwischen 1200 und 1600 Angestellte haben. Und wir stehen in Verhandlungen mit Nummer 14 und 15", erklärt Daniel Lord, Direktor des Bürokomplexes A-One, gegenüber swissinfo.ch. "Es bewegt sich stets etwas. Der Komplex ist aus Steuergründen noch immer attraktiv. Wir sind weiter im Gespräch mit dem Kanton Waadt, der eigene Anreize bietet."

Der derzeit letzte Zuzüger ist Ineos. Der Chemie-Gigant nahm sein neues Gebäude im November 2010 in Betrieb, nachdem er sein Hauptquartier aus Steuergründen von England in die Schweiz verlegt hatte. Das Unternehmen erklärte gegenüber swissinfo.ch, man rechne damit, aufgrund des Standortwechsels zwischen 2010 und 2014 rund 650 Mio. Franken Steuern einzusparen.

Auch Michel Loeb, Chef von Chiquita Europa, räumt ein, der Umzug sei aus Steuergründen erfolgt. "Aber es gab noch weitere Gründe, die für unseren Entscheid den Ausschlag gaben", sagte er gegenüber dem Schweizer Fernsehen.

Und A-One-Direktor Lord erklärte seinerseits, neben tiefen Steuern hätten Unternehmen genauso viel Interesse am relativ günstigen und verfügbaren Büroraum und der Nähe zum Flughafen Genf.

"Es ist wahrscheinlich die beste Zweitlösung für jene, die in Genf sein möchten. Aber für einige ist Rolle die beste Lösung überhaupt, denn es ist eine reizvolle Gegend, in der man auch Wohnraum findet, weg vom Lärm und Trubel Genfs", sagt Lord.

Unmut in der lokalen Bevölkerung

Viele Neuzuzüger sind nach dem Umzug nach Rolle glücklich. Das gilt aber nicht für alle Einheimischen.

Rolle ist in den letzten Jahren überproportional gewachsen, die angesiedelten Unternehmen haben Hunderte von gut bezahlten Angestellten mit sich gebracht, deren Familien Wohnraum beanspruchen. Die Bevölkerung Rolles wuchs in zehn Jahren um 1500 auf 6000, rund die Hälfte Ausländerinnen und Ausländer. Das jährliche Budget des Städtchens hat sich auf 45 Mio. Franken verdoppelt.

Während ein Teil der Einheimischen der Ansicht ist, dass der Wirtschaftsboom eine neue Dynamik mit sich brachte und die Mentalität des verschlafenen Ortes verändert habe, sehen andere Schattenseiten der Entwicklung.

"Ich gehöre zu den Gewinnerinnen, denn ich habe heute mehr englische Kundschaft", sagt Ursula Selig. Seit 25 Jahren betreibt sie an der Hauptstrasse ihre "La Boîte à thé". "Aber wir haben zu viel Verkehr im Ort und für Einheimische, die hier arbeiten, wird es immer schwieriger Wohnungen zu finden, da diese zu teuer geworden sind."

Patrick Bréchon, ein lokaler Politiker der Sozialdemokratischen Partei, begrüsste den Finanzzufluss, den die internationalen Konzerne mit sich bringen sowie die neue, multikulturelle Atmosphäre, kritisiert aber Arbeits- und Wohnsituation und mangelnde Planung.

"Sie schaffen nicht wirklich lokale Arbeitsplätze. Niemand hatte sich überlegt, was passieren würde, wenn so viele Leute von ausserhalb der Schweiz hier arbeiten würden – in einigen Firmen sind 60 bis 70% des Personals aus dem Ausland", erklärte Bréchon. "Der Wohnungsmarkt ist ein Dschungel. Die Hauspreise sind unglaublich gestiegen und die Infrastruktur – Verkehr, Strassen und Schulen – hinkt der Entwicklung hinterher."

Phase der Beruhigung

Gemeindepräsident Daniel Belotti erklärte, der Wirtschaftsboom sei "fantastisch" gewesen und "hat unsere Erwartungen überstiegen".

"Aber jetzt müssen wir die Dinge etwas beruhigen. Es ist fast etwas zu rasch gegangen. Jetzt müssen wir die Entwicklung steuern und unsere Infrastruktur anpassen", räumt er ein. "Wir brauchen eine neue Schule, Sportanlagen, eine Tagesstätte für Kinder, Platz für das einheimische Handwerk und neue, preisgünstige Wohnungen."

Auch Lord stimmt zu, dass die lokale Infrastruktur mit der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung nicht Schritt halten konnte. "Ich will die Schuld nicht einer bestimmten Person zuweisen, aber es fehlte etwas an Visionen. Entscheide werden von verschiedensten Stellen gefällt, bis hin zu Bern."

Lionel Epéron, Leiter der Dienststelle für Wirtschaftsförderung, Tourismus und Wohnungswesen im Kanton Waadt, erklärte, die negativen Konsequenzen des raschen Wachstums müssten unter Kontrolle gebracht werden.

"Wir können die Mietkosten nicht regeln, aber die Gemeinden müssen lernen, ihr Land besser zu verwalten, und wir wollen das Angebot von günstigem Wohnraum stärken", sagt er.

Einige Leute argumentieren, dass die Wirtschaftsförderer den Fuss vom Gaspedal nehmen müssten. Doch aus Sicht von Claudine Amstein, Direktorin der Waadtländer Industrie- und Handelskammer, ist dies keine Alternative.

"Man kann Wirtschaftsförderung nicht einfach je nach Bedarf ein- oder ausschalten", sagte sie gegenüber der Tageszeitung Le Temps.

Droht die Gefahr, dass Rolle seine Seele an das grosse Geschäft verlieren wird? Belotti meint Nein, denn "wir haben keinen Platz mehr für neue Unternehmen – Rolle ist voll".

Für Lord hingegen ist weiterer Wandel unausweichlich. "In der Schweiz wandelt sich alles. Der Kanton Waadt wandelt sich. Die kantonale Wirtschaftsförderung tut alles, um High-Tech-Business anzuziehen. Sie erklären, dass sie die Baukapazitäten in Städten in der Umgebung von Bahnhöfen vergrössern und verdichten wollen. Das geschieht in Genf, Lausanne, Zürich, Bern und Basel schon. Es wird auch in Rolle, Gland und Morges passieren – das ist unvermeidlich."

BUSINESS-STANDORT SCHWEIZ

Eine Studie der Beraterfirma KPMG über Unternehmenssteuern weltweit kam zum Schluss, dass der Trend zu sinkenden Steuern trotz der Wirtschaftskrise anhält. Im weltweiten Durchschnitt sind die Spitzensteuersätze von 25,44% im Jahr 2009 auf 24,9% im Jahr 2010 gesunken.

Hingegen stiegen indirekte Steuern wie die Mehrwertsteuern global leicht an, von 15,41% auf 15,61%.

Die Schweiz setzt seit Jahren darauf, die Ansiedelung globaler Konzerne mit vergleichsweise niedrigen Unternehmenssteuersätzen anzukurbeln.


Die Schweizer Kantone legen ihre Steuersätze selber fest. Das Buhlen um internationale Firmen oder Holdinggesellschaften respektive um deren europäische Hauptsitze führt auch zu einem Wettstreit unter den Kantonen. Vor allem kleinere Kantone wie Zug oder Schwyz scheinen dabei die Nase vorn zu haben.


Appenzell-Ausserrhoden und Obwalden haben mit 12,7% (Gemeinde-, Kantons- und Bundessteuern) die niedrigsten Steuersätze, gefolgt von Appenzell-Innerrhoden mit 14,2%. Im Vergleich dazu recht hohe Sätze haben die Kantone Genf mit 24,2%, Waadt mit 23,5% und Zürich mit 21,2%.

Der durchschnittliche Steuersatz aller Kantone liegt bei 18,8%, verglichen mit 40% in den USA, 33% in Frankreich, 29,4% in Deutschland, 28% in Grossbritannien, 17% in Singapur und 12,5% in Irland.


Etliche multinationale Unternehmen wie Kraft, Ebay, Procter & Gamble, Microsoft, Dow Chemicals und Google haben sich in den vergangenen Jahren in der Schweiz niedergelassen oder bereits bestehende Niederlassungen ausgebaut.

Mit ihrem für die Wirtschaft attraktiven Steuersystem – mit Steuersätzen, die deutlich unter denen der Nachbarländer liegen – und mit der Jagd nach der Ansiedelung internationaler Unternehmen hat die Schweiz die Kritik der Europäischen Union auf sich gezogen. 

Aus EU-Sicht verletzt die Schweizer Steuerpraxis das Freihandels-Abkommen, das die Schweiz 1972 mit der Vorgängerorganisation der EU abschloss.

Die Schweiz weist dies zurück, während die EU an ihrer Kritik festhält. Der Streit ist nicht ausgestanden, doch hat sich in den letzten 18 Monaten in der Sache nicht viel getan.

Infobox Ende


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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