
Der Schweizer Tourismus boomt – doch wo sind die Chines:innen?

Gäste aus den USA und Indien strömen wieder in die Schweiz. Doch aus China kommen deutlich weniger Tourist:innen als vor der Pandemie. Ein Blick auf die Zahlen.
Reisen in die Schweiz sind beliebt – 2024 verzeichnete die Schweizer Hotellerie einen neuen Rekord an Logiernächten: 42,8 Millionen Übernachtungen wurden in der Schweiz gebucht. Damit hat die Branche die Werte vor Corona überholt, 2019 waren es insgesamt 39,6 Millionen Logiernächte.
Nicht ganz die Hälfte dieser Übernachtungen geht auf das Konto von Menschen aus der Schweiz. Bereits 2021 schnellten die Übernachtungen von Inländer:innen in die Höhe, damals noch wegen der Coronapandemie.
Doch sie sind seither auf einem hohen Niveau geblieben. 2024 verzeichneten die Hotels in der Schweiz knapp 21 Millionen Ankünfte von Reisenden aus der Schweiz. Vor allem im Winter sind sie die wichtigste Gruppe für den hiesigen Tourismus.
Die Zahl der Ankünfte zeigt in der Statistik, wie oft Tourist:innen in Hotels eingecheckt haben – unabhängig von der Aufenthaltsdauer. Einzelne Personen können dabei mehrfach gezählt werden, etwa wenn sie in verschiedenen Orten übernachten. Ankünfte gelten als grober Indikator für die Beliebtheit einer Destination.
Die Zahl der Logiernächte zeigt, wie viele Übernachtungen Tourist:innen insgesamt in Hotels und Pensionen verbringen – unabhängig davon, wie viele Personen anreisen. Sie geben Aufschluss darüber, wie lange Tourist:innen im Durchschnitt bleiben.
Erfasst sind in der Statistik, die für diesen Artikel verwendet wurdeExterner Link, nur Übernachtungen in Hotels, Gasthöfen und Pensionen – nicht jedoch in Ferienwohnungen, Airbnb-Unterkünften oder auf Campingplätzen.
Nach der Pandemie zum Rekord
Die Corona-Jahre waren eine Zäsur, auch im Schweizer Tourismus. Die Gäste aus dem Ausland blieben plötzlich aus.
Auch früher schon beeinflussten globale Krisen das Verhältnis der Gäste aus der Schweiz und denjenigen aus dem Ausland. Mit dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel brach in der Schweiz der Anteil an internationalen Gästen drastisch ein, 1941 kamen mehr als 80% der Reisenden aus dem InlandExterner Link. Nach dem Krieg kehrten die internationalen Tourist:innen zahlreich zurück. 1970 kamen gut 62% derjenigen, die in der Schweiz Ferien machten, aus dem Ausland.
Die Zahl der gesamten Logiernächte bewegte sich in den Jahrzehnten nach 1970 stets im gleichen Rahmen zwischen 32 und 37 Millionen Logiernächten. Erst Ende der 2010er-Jahren begann die Zahl erstmals spürbar zu steigen und erreichte 2024 nur wenige Jahre nach der Pandemie einen neuen HöchststandExterner Link von 42’830’588 Logiernächten.
Auch 2025 zeichnet sich wieder ein Rekord ab. Im ersten Halbjahr wurden bereits bis zu 1,8% mehr Logiernächte gezähltExterner Link als im gleichen Zeitraum im Vorjahr. Grossevents wie der Eurovision Song Contest im Mai in Basel und die Fussball-EM der Frauen im Juni dürften auch dazu beigetragen haben.
Wo bleiben die Gäste aus China?
2019 war in der Schweiz noch das Jahr der chinesischen Tourist:innen. «Die chinesische Welle» schrieb der Tages-AnzeigerExterner Link, gemeint war eine einzige Reisegruppe von 12’000 Personen. So viele, dass man sie in 95 Bussen gleichzeitig durch das Land fuhr. Die Mitglieder dieser Riesengruppe arbeiteten für den amerikanischen Kosmetikhersteller Jeunesse Global und erhielten die Schweiz-Reise als Belohnung, weil sie ihre Verkaufsziele erreicht hatten.
Die Zahlen zeigen, wie gross dieser Ansturm war: 1’008’800 Ankünfte hat die Schweiz 2019 von chinesischen Tourist:innen registriert, insgesamt haben sie 1’392’034 Nächte in Schweizer Hotels verbracht. Grosse Reisegruppen aus Asien sind nicht überall gleich beliebt, doch für die Branche waren sie ein Segen: Sie buchten ihre Reisen früh im Voraus und gaben in der Schweiz gern Geld aus.
Während Corona brachen die Zahlen erwartungsgemäss drastisch ein – doch auch in den Jahren danach sind viel weniger Chines:innen in die Schweiz gereist. 2024 wurden nur noch 485’546 Ankünfte und 725’129 Logiernächte aus China registriert. Auch Destinationen wie die Jungfraubahnen merkenExterner Link, dass die Chines:innen fehlen.
Der chinesischen Mittelschicht fehlt nach Corona das Geld für eine Reise nach Europa, «die Konsumentenstimmung liegt am Boden», schreibt die NZZ. Ein anderer Grund sei, dass die Regierung zu Reisen im eigenen Land aufgerufen hat, um die eigene Wirtschaft zu fördern.
Ein anderer Trend, der sich bei chinesischen Reisenden beobachten lässt, ist das Umsteigen von Gruppen- auf IndividualreisenExterner Link. Sie kommen in geringeren Zahlen, bleiben dafür auch mal länger an einem Ort, wie eine Tourismusexpertin gegenüber SRFExterner Link sagt.
Die Planungssicherheit von vor Corona ist nicht mehr da, schreibt die Zuger ZeitungExterner Link: «Mal kommen sie in riesiger Zahl, dann übernachtet nur eine Handvoll von ihnen hier.» Ob und wann sich dieser Markt wieder erholen werde, sei fraglich.
US-Amerikaner:innen strömen in die Schweiz
Es sind besonders die Reisenden aus den USA, die zum aktuellen Tourismusrekord in der Schweiz beitragen. Auch ihre Zahl nimmt seit der Pandemie jährlich zu. 2023 sind ihre Übernachtungen um ganze 26% gestiegen, im Sommer 2024 haben sie mit insgesamt 3’486’894 Logiernächten erneut fast 300’000 mehr Übernachtungen in der Schweiz verbracht.
Anders als mit China ist die Schweiz mit den USA durch viele Flugverbindungen sehr gut vernetzt. Die Olympischen Spiele in Paris dürften 2024 viele Amerikaner:innen nach Europa gelockt haben – und dank des Marketings von Schweiz Tourismus haben sie noch einen Abstecher in die Schweiz gemacht, vermutet die Schweizer Konjunkturforschungsstelle KOFExterner Link.

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Auch aus Indien ist ein starker Zuwachs zu beobachten. Tourist:innen von dort haben im ersten Halbjahr 2025 mit 378’751 Logiernächten bereits 10% mehr Nächte in Schweizer Hotels verbracht als im gleichen Zeitraum 2024.
Tourist:innen aus Asien auf den Spuren einer Fernsehsendung
Südkoreanische Tourist:innen brachten der Schweiz 2024 400’000 Übernachtungen in Hotels. Wenn man ihre Reisen nach Region und Gemeinden aufschlüsselt, sticht eine Gemeinde heraus. Grindelwald – bei Tourist:innen generell sehr beliebt – konnte als eine der wenigen Gemeinden nach der Pandemie bei den Koreaner:innen stark zulegen von 55’971 Nächten in 2019 auf 91’131 in 2023, danach sank die Zahl auf 79’309 in 2024.
Wahrscheinlich hängt dieser Anstieg mit der südkoreanischen Fernsehserie «Crash Landing on You» zusammen: In einer emotionalen Szene spielt die Hauptfigur auf dem Schiffssteg von Iseltwald am Brienzersee Klavier, umgeben von See und Bergen. Seither pilgern die Fans der Serie in Scharen ins Berner Oberland, was dazu geführt hat, dass die Gemeinde nun Eintritt für den Besuch des Stegs verlangtExterner Link.
Die Serie war auch in Südostasien ein Hit, vielleicht hat sie auch dort Menschen zu einer Reise in die Schweiz animiert. Jedenfalls sind die Ankünfte von Reisenden aus Malaysia und Indonesien weit über das Vor-Pandemie-Niveau angestiegen.
Ansturm im Bergdorf: Hier finden Sie unsere Reportage aus Iseltwald:

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Tourismus aus den Nachbarländern
In den meisten Gemeinden, die in der Statistik vorkommen, stellen jedoch Tourist:innen aus den Nachbarländern die häufigste Gästegruppe dar.
Deutsche sowie Franzosen und Französinnen machen Ferien in den Schweizer Bergen – und bleiben dabei gern in ihren Sprachregionen. Bei etwa einem Dutzend Grenzgemeinden in Graubünden und im Tessin sind es italienische Gäste die häufigste Gruppe. Auch Brit:innen kommen gern in die Schweiz zum Skifahren, besonders nach Verbier und Champéry im Wallis.
Gurtnellen (UR) und Faido (TI) zählen am meisten Ankünfte aus den Niederlanden, vermutlich von Reisenden, die auf dem Weg in den Süden eine Pause machen.
Während die US-Amerikaner:innen die grösste Gästegruppe in Tourismushotspots wie Grindelwald, Luzern und Zermatt ausmachen, zeigen andere Gemeinden wie Schwyz oder Lungern (OW) die meisten Ankünfte von Chines:innen. Sie sind auch in zwei Gemeinden etwas ferner der Haupttourismusregionen die häufigsten Gäste; in Sursee (LU) und Affoltern am Albis (ZH), die vermutlich gute Übernachtungsmöglichkeiten für Gruppenreisende bieten.
Oft haben einzelne Gemeinden Erfolg mit gezieltem MarketingExterner Link. So hat Mörel-Filet (VS) am meisten Ankünfte aus Hongkong, welche von hier die Aletschregion besuchen, und Leukerbad verzeichnet am meisten Ankünfte aus Südkorea.
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Editiert von Balz Rigendinger

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