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Das Mittelmeer als Massengrab


Schwierige Identifizierung ertrunkener Migranten




Die Tragödie von Lampedusa, bei der 366 Menschen ertranken, aus Sicht eines Schulkindes von Lampedusa. (AFP)

Die Tragödie von Lampedusa, bei der 366 Menschen ertranken, aus Sicht eines Schulkindes von Lampedusa.

(AFP)

Drei Jahre nach der Flüchtlingskatastrophe von Lampedusa, bei der mindestens 366 Migranten ertrunken sind, versuchen Angehörige von mutmasslichen Opfern immer noch, leblose Körper zu identifizieren, um eine würdige Bestattung zu garantieren. Es handelt sich um einen schwierigen, aber notwendigen Prozess, bei dem das Schweizerische Rote Kreuz wichtige Unterstützung leistet.

Die Wunden der damaligen Tragödie sind noch nicht verheilt. "Wir hatten ihnen einige Male gesagt, dass sie nicht aufbrechen sollten. Doch es war nichts zu machen.  Eines Tages haben sie ein Boot bestiegen, das Kurs auf Europa nahm. Danach haben wir nie wieder etwas von ihnen gehört", erzählt der gebürtige Somalier Bila Bila Barre vom tragischen Schicksal seiner beiden Neffen Hussene (20) und Maxamud (19). Sie wollten von Libyen nach Italien gelangen.

Bila Bila Barre ist überzeugt, dass die beiden jungen Männer am 3.Oktober 2013 nach dem Kentern eines Flüchtlingsschiffs vor Lampedusa gestorben sind. Das Ereignis erschütterte damals die ganze Welt. Mindestens 366 Todesopfer waren zu beklagen. Ironie des Schicksals: Es war eine der wenigen Flüchtlingstragödien im Mittelmeer, bei der praktisch alle Toten geborgen wurden.

Befanden sich auf diesem Boot auch die beiden Neffen von Bila Bila Barre? "Das Datum der Überfahrt spricht dafür, auch wenn keiner der 155 Überlebenden bestätigen konnte, die beiden auf dem Boot gesehen zu haben. Doch so lange wir ihre Körper nicht identifiziert haben, bleiben Zweifel, ob sie wirklich tot sind. Vielleicht wurden sie ja irgendwo gefangen genommen? Oder sie wurden von Banden getötet, die auf Organhandel spezialisiert sind. Heute hört man viele Geschichten…", meint Bila Bila Barre, der Anfang der 1990er-Jahre selbst als Flüchtling in die Schweiz kam und inzwischen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten hat.

Auf Wunsch seiner Schwester hat er sich an das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) gewandt, um nach den beiden jungen Männern zu suchen oder zumindest ihre Leichname zu finden. Das SRK erhält täglich Anfragen von Familien, die auf der Suche nach vermissten Familienangehörigen sind. Das SRK hat auch andere Rotkreuz-Gesellschaften dazu animiert, im Mittelmeer vermisste Flüchtlinge zu registrieren. Es ist ein erster Schritt, um den im Mittelmeer ums Leben gekommenen Flüchtlingen eine Identität zu geben. Gemäss dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) handelt es sich um mehr als 10‘000 Tote seit 2014 - dies entspricht 15,8 Todesopfern pro Tag.

Einen weiteren wichtigen Schritt hat Italien getan – und dies gleich nach der Tragödie von Lampedusa und ohne Unterstützung der Europäischen Union (EU). Im Labor Labanof am Institut für Rechtsmedizin der Universität Mailand werden so genannte Post-Mortem-Daten von Opfern ausgewertet – wie beispielsweise die DNA – , zudem werden "Ante-Mortem-Daten" erfasst, persönliche Gegenstände einer Person, die sie auf sich trug, etwa Fotos, oder auch charakteristische Körpermerkmale wie Narben oder Tätowierungen. Die Daten werden dann abgeglichen, um die Identität einer Person zu eruieren, wie Vittorio Piscitelli sagt. Er ist seit Dezember 2013 ausserordentlicher Kommissär der italienischen Regierung für verschwundene Personen.

 Auf der Suche nach einem Namen

Mit der Unterstützung durch das SRK ist auch Bila Bila Barre im letzten Herbst nach Mailand gereist. In der Hoffnung, dort seine Neffen identifizieren zu können. Es kamen auch andere Familienmitglieder, die in der Schweiz wohnen, mit zum Labor nach Mailand, um nach drei weiteren verschwundenen Angehörigen zu forschen.

"Das Labor Labanof zeigte mir ein Album mit Bildern von Leichen, die aus dem Meer geborgen wurden. Ich hatte ein Foto von meinen zwei Neffen dabei, versuchte dann zu erkennen, ob es Ähnlichkeiten mit diesen Körpern gab, die vom Wasser entstellt waren. Aber es war so schwierig…."

Fotografien sind, so wie im Falle von Bila Bila Barre, häufig das einzige Instrument, um eine Identifizierung zu ermöglichen. Denn um einen verlässlichen DNA-Test durchzuführen, muss ein Bezug zu einem direkten Verwandten nachgewiesen werden, das heisst zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern.  Doch natürlich kann es vorkommen, dass die Familienangehörigen immer noch in Konfliktregionen wie Syrien oder Eritrea leben, wo sie keinerlei Unterstützung von den Behörden erhalten und das Land auch nicht verlassen können.

Dies führt dazu, dass viele der vor Lampedusa ertrunkenen Flüchtlinge – trotz der Unterstützung von Hilfsorganisationen und italienischer Behörden – noch immer irgendwo in Sizilien begraben sind. Der Sarg ist einfach namenlos mit einer Nummer versehen. Auch Bila Bila Barres wartet – acht Monate nach seiner Reise nach Mailand – immer noch auf eine Antwort aus dem Labor für Rechtsmedizin.

Würde zurückgeben

Nicole Windlin, Verantwortliche des SRK-Suchdienstes, betont die Wichtigkeit, die Opfer der gekenterten Flüchtlingsboote zu identifizieren. Es handele sich um einen Akt der Würde für die Toten, aber auch für die lebenden Angehörigen.

"Für die Trauerarbeit ist es ganz wichtig, sicher zu sein, dass eine angehörige Person wirklich verstorben ist", sagt sie. "Wer den Leichnam eines Angehörigen findet, kann eine würdige Bestattung vornehmen; und das gemäss dem Ritual der jeweiligen Kultur."

Schliesslich gibt es auch administrativ-rechtliche Aspekte: "Für Witwen, Waisen und Eltern bleiben viele Fragen ungelöst, solange sie keinen Totenschein des Angehörigen vorweisen können." Ein Ehepartner kann beispielsweise nicht erben oder nicht neu heiraten.

Gemäss Nicole Windlin gibt es in der Schweiz noch Hunderte von Familien, die 20 Jahre nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien darauf hoffen, den Leichnam von einem Angehörigen identifizieren zu können.

Die SRK-Expertin weist aber noch auf eine weitere Schwierigkeit hin. "Anders als in Bosnien, wo Familien berichten konnten, wie ihre gleichentags verschwundenen Angehörigen gekleidet waren, sind Migranten auf der Mittelmeerroute oft schon lange unterwegs, manchmal viele Monate oder sogar Jahre. Oft sind Bilder auf sozialen Netzwerken wie Facebook die einzige Informationsquelle. Das macht es noch schwerer, sie wiederzuerkennen." Dazu komme, dass es keine europäische Datenbank zu den im Meer vermissten Flüchtlingen gebe.

Eine grosse Herausforderung

Mit den wärmeren Temperaturen im Frühjahr hat auch die Zahl der Flüchtlinge wieder zugenommen, die eine Reise der Hoffnung von Libyen nach Italien versuchen. Zugenommen hat aber auch die Zahl der gekenterten Boote und damit der ertrunkenen Migranten. Gemäss dem UNHCR sind seit Anfang Jahr jeden Tag im Durchschnitt 15,8 Personen auf der Flucht im Mittelmeer gestorben. Die meisten Leichname bleiben im Meer oder werden erst nach Monaten geborgen.

Der Fall eines Schiffbruchs vom 18. April 2015, bei dem möglicherweise 700 Flüchtlinge starben, spricht Bände. Der italienischen Marine gelang es bisher, gerade mal 169 Leichname in der Nähe des Wracks zu bergen. Man geht aber davon aus, dass sich im Laderaum noch 200 bis 400 "skelettartige Körper" befinden, wie Vittorio Piscitelli sagt. Der Einsatz, um diese Leichen zu bergen, hat erst dieser Tage begonnen – mehr als ein Jahr nach dem tragischen Ereignis.

Angesichts dieser Tragödie spricht Vittorio Piscitelli Klartext: "Die EU hat Angst im Umgang mit der Migration, aber auch im Umgang mit den Leichnamen. Man überlässt Italien die Aufgabe, das Identifizierungsprogramm zu finanzieren und durchzuführen. Die EU schaut einfach weg."


Welche Massnahmen sollten ergriffen werden, damit sich Flüchtlingsdramen im Mittelmeer nicht mehr wiederholen: Sollen humanitäre Korridore geschaffen werden? Sollten die Flüchtlinge in Afrika aufgehalten werden? Oder sollte militärisch eingegriffen werden, um Krieg und Diktaturen zu beenden? Diskutieren Sie mit!


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch

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