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Gesellen


Amerikanischer Zimmermann findet seine Wurzeln in Bern


Von Susan Misicka, Blumenstein


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Der amerikanische Zimmermann David Bähler auf Besichtigungstour in Blumenstein, Schweiz.  (swissinfo.ch)

Der amerikanische Zimmermann David Bähler auf Besichtigungstour in Blumenstein, Schweiz. 

(swissinfo.ch)

Für ein Dutzend enthusiastischer Zimmermänner aus den USA, die 11 Tage durch die Schweiz reisten und sich dabei der ländlichen Architektur widmeten, gab es die interessantesten Dinge abseits des Touristenrummels zu sehen.

"Hier ist eines – da ist eines dieser Häuser!", ruft David Bähler, offensichtlich hocherfreut, ein Werk seiner Vorfahren zu sehen. Das Holzhaus aus dem 18. Jahrhundert ist mit Geranien, Kuhglocken und rot-weiss-karierten Vorhängen geschmückt. Mit anderen Worten: es könnte schweizerischer nicht sein.

Bähler ist ein 26-jähriger Zimmermann aus Indiana, dem Mittleren Westen der USA, aber seine Wurzeln liegen im Kanton Bern. Er gehört der vierten Generation von Schweizern an, die in den USA geboren sind und deren Vorfahren Wiedertäufer waren, die aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen geflüchtet waren.

"Wir haben den Kontakt über all die Zeit aufrechterhalten. Für uns ist die Schweiz noch immer unsere Heimat, denn wir sind nicht ausgewandert, weil Amerika besser wäre. Wir gingen, weil wir mussten", sagt Bähler gegenüber swissinfo.ch.

Nun ist er zurück im Berner Oberland, zumindest für kurze Zeit. Als Mitglied der in den USA ansässigen Zimmermannszunft (Timber Framers Guild) leitete er eine 11-tägige Tour durch die Schweiz, um dabei auch einige der schönsten Holzkonstruktionen zu besichtigen, darunter ein paar, die seine Vorfahren gebaut hatten. "Unser Hauptinteresse liegt auf der Schweizer Zimmermannsarbeit, insbesondere im Kanton Bern, wo meiner Meinung nach die beste Schweizer Holzarchitektur zu sehen ist", sagt Bähler. Begleitet wird er von einer 11-köpfigen Gruppe amerikanischer Zimmerleute und anderer interessierter Leute. "Einige suchen Inspiration und neue Ideen für ihre Arbeit, für andere sind es eher Ferien."

Die amerikanischen Gäste unterwegs im Berner Oberland. (swissinfo.ch)

Die amerikanischen Gäste unterwegs im Berner Oberland.

(swissinfo.ch)

Gemäss Pierre Jacquet, Autor von "Das Schweizer Chalet" ist die Inspiration enorm. "Das Chalet, und das Schweizer Chalet ganz besonders (und mehr noch das Berner Oberländer Chalet), wurde gebaut, um eine idyllische Lebensweise wiederzugeben, die das Goldene Zeitalter getreu spiegelte und von der auch die griechischen, römischen und mittelalterlichen Lyriker und Künstler träumten", wie er in seinem Buch von 1963 schrieb.

Er schrieb, dass vor allem die im 18. Jahrhundert gebauten Wohnhäuser "eine wichtige Rolle spielten bei der damals neuen Art und Weise, die Beziehung zwischen Mensch und Natur zu würdigen".

Rundgang

Am vierten Tag, nachdem sie in der Bäckerei in Blumenstein Proviant gekauft hatten, nahmen Bähler und seine Leute den Stockentaler Hausweg in Angriff, eine Route reich an herausragenden Holzhäusern und Scheunen aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

In einer ausführlichen Abhandlung über Schweizer Holzhäuser beschreibt der deutsch-schweizerische Architekt Ernst Gladbach (1812-1896) die Bedeutung des Baustils im Berner Oberland.

"Die Bauart im Berner Oberland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als sich der Barockstil verbreitete, ist in Sachen zierender Ausgestaltung und Farben absolut herausragend", schrieb Gladbach. Danach kehrte die Schweizer Architektur zu eher klassischen und einfachen Formen zurück.

Mit Ausnahmen, natürlich. Das zeigte sich bei einem kurzen Quiz zu Beginn der Tour, das bei den amerikanischen Besuchern Erstaunen auslöste.

"Wie alt ist dieses Haus, was denkt ihr?", fragt Bähler und zeigt über die Hauptstrasse. Ein paar hundert Jahre alt, hätten die Amerikaner wohl vermutet, wenn sie nicht die im Holz eingeritzte Jahreszahl gesehen hätten. Tatsächlich stammt das Haus aus dem Jahr 1989, was die andauernde Beliebtheit reich verzierter Gebäude belegt.

Der Möbelrestaurator Michael Cuba aus Connecticut lobt den Fortbestand dieser Tradition. "Ich bin froh, dass hier in der Schweiz etwas getan wird, das gut funktioniert, man bleibt der Tradition treu, hat aber technische Verbesserungen ausgeführt, da sich die Technologien entwickelt haben. Die Kontinuität, die man wahrnimmt, wenn man durch diese Orte spaziert, ist gewaltig. Es ist kein Mischmasch aus verschiedenen Stilen, was ich schätze", sagt Cuba.

Auf einen Bau mit Stilmix trifft die Gruppe auf ihrer Tour dennoch. Es ist ein dreistöckiges Chalet mit einer eleganten Betontreppe, die zu einem Balkon führt. Als eine Frau sich in die Nähe wagt, um die Treppe zu besichtigen, erscheint der Besitzer und winkt. Kurz später befindet sich die ganze Gruppe in der Werkstatt des Bau- und Kunstschreiners Rolf Winkler.

Unerwarteter Besuch in der Kunstschreinerei von Rolf Winkler (im Hintergrund links). (swissinfo.ch)

Unerwarteter Besuch in der Kunstschreinerei von Rolf Winkler (im Hintergrund links).

(swissinfo.ch)

Der Raum ist zum Bersten voll – überall Werkzeuge und Antiquitäten. Die Interessenten aus dem Ausland beugen sich bald über alte Baupläne und schnuppern an frisch gehobeltem Zedernholz.

Winkler, der Verwandte in Ohio hat, zeigt ihnen draussen auch Modelle von Häusern, die er aus rezykliertem Holz angefertigt hat. Dank Bählers Schweizerdeutsch und den Deutschkenntnissen einzelner Reiseteilnehmer kommt ein Gespräch zustande. Dann heisst es "uf Wiederluege" (Auf Wiedersehen), und die Gruppe setzt ihre Expedition fort.

Auf der Baustelle

Bähler ist teilweise mit Schweizerdeutsch und Amisch-Deutsch aus Pennsylvania aufgewachsen, was es ihm erleichtert, den lokalen Dialekt aufzuschnappen. Er hat auch Hochdeutsch gelernt. Dies alles kommt äusserst gelegen, als sie unterwegs auf Leute treffen, wie etwa die Zimmerleute, die an einem riesigen Bauernhaus arbeiten. So wurde das ursprüngliche Holz so weit als möglich belassen, wenn auch an einzelnen Stellen mit neuem Holz ausgebessert werden musste.

Besichtigung eines denkmalgeschützten Gebäudes, das eben mit grossem Aufwand renoviert wird. (swissinfo.ch)

Besichtigung eines denkmalgeschützten Gebäudes, das eben mit grossem Aufwand renoviert wird.

(swissinfo.ch)

"Es ist eine grosse Chance, zu sehen, wie die Arbeit vorankommt und Altes bearbeitet wird. Wir waren in Ballenberg, wo man ebenfalls Einblick hatte. Hier aber werden die Dinge auseinandergenommen, die Originalstücke liegen am Boden, und man erfährt viel mehr", sagt Bähler.

Mit Ballenberg ist das Schweizer Freilichtmuseum gemeint, wo traditionelle Häuser aus allen Landesteilen stehen. Der Gruppe hat dieser Besuch gefallen, ganz besonders Al Wallace, Präsident des Umweltverbands für erneuerbare Energien in Colorado.

"Ich finde es erstaunlich, vor allem im Zusammenhang mit den Gebäuden aus dem 15. - 17. Jahrhundert in Ballenberg, dass wir meinen, die 'grünen' Technologien seien eine moderne Errungenschaft. Vor allem, wenn man sieht, wie diese alten Gebäude belüftet sind, um die Feuchtigkeit zu kontrollieren, und wie die Fenster eingebaut wurden, um im Winter die wärmende Sonne zu nutzen, im Sommer aber Schatten bringen. Diese Technologie ist jahrhundertealt", staunt Wallace und erwähnt andere "grüne" Bauten, die er im Laufe des Tages bemerkt hat. 

Nach Hause kommen

Jacquet, der Autor, würdigt den Baustil des Berner Oberlands ebenso. "Die Bauweise ist bewundernswert, wie die hochgewachsenen und flexiblen Fichtenstämme eingesetzt wurden und über Jahrhunderte enorme Temperaturunterschiede aushalten, eiskalte Nächte und glühend heisse Tage, ohne dass der Widerstand des Materials nachgibt."

Als die Gruppe beim ersten Bähler-Haus eintrifft, dem hübschen Gebäude mit den Geranien, ist es späterer Nachmittag.

"Das ist ziemlich verrückt", sagt David Bähler, auf die Frage, was es für ein Gefühl sei, ein von Vorfahren gebautes Haus zu sehen. "Ich habe Bilder dieser Häuser studiert und angeschaut. Es ist schön, eines zu besichtigen und meinen Bezug dazu zu kennen."

Es gibt ein paar weitere in der Umgebung, die das Talent der Bähler-Generationen aufzeigen und den typischen Begriff "Zimmermeister" eingraviert haben. Hat er das Zimmermann-Handwerk im Blut? Dieser Gedanke gefalle ihm, sagt Bähler."Mein Vater und mein Grossvater waren Bauern, nicht Zimmermänner. Ihre Versuche in diesem Metier waren im Allgemeinen wenig erfolgreich, denn sie hatten weder Übung noch Erfahrung. Ich habe mich dafür aber immer interessiert. Ich und mein Bruder haben immer Dinge gebastelt und gebaut."

Er identifiziert sich stark mit seinem Schweizer Erbe und meint, seine Familie habe sich immer als Schweizer verstanden, Schweizer Gerichte und Käse gegessen und traditionelle Volksmusik gehört, wie Alphorn und Jodel. "Es ist unser Erbe, und daran halten wir fest", sagt Bähler.


(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein), swissinfo.ch

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