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Humanität hinter Gefängnismauern

Die Aussenmauer der 'Kolonie Nr. 35'. swissinfo.ch

In der ukrainischen Stadt Bila Cerkva ist mit Schweizer Hilfe ein Gefängnis entstanden, das einen menschenrechts-konformeren Strafvollzug ermöglicht.

Die Haftanstalt dient als Vorbild zur Umgestaltung des Gefängnis-Systems im ganzen Land.

Bila Cerkva – eine Kleinstadt, 80 Kilometer südlich von Kiev. Am Stadtrand die «Kolonie Nr. 35». Eines von rund 180 Gefängnissen der Ukraine.

Hohe, weissgetünchte Mauern. Zuoberst Stacheldraht. Flucht scheint unmöglich. Rund 1000 Insassen verbüssen hier ihre Strafe.

Achtung der Menschenrechte

In den ukrainischen Haftanstalten ist es um die Menschenrechte teilweise ungenügend bestellt. Nicht aber in der «Kolonie Nr. 35»: Im Rahmen einer unter anderem auf Druck des Europarates lancierten landesweiten Justizreform gestaltete das ukrainische Departement für Strafvollzug das Gefängnis von Bila Cerkva so um, dass dort heute Zustände herrschen, die mit westeuropäischen Standards vergleichbar sind.

Der Umbau gelang nicht zuletzt dank der Hilfe aus der Schweiz: Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Bern liess bisher insgesamt 835’000 Franken fliessen.

«Ziel der Reform in Bila Cerkva war und ist es, dass alle Insassen korrekt behandelt und untergebracht werden, sowie deren rechtliche Stellung gewährleistet ist», sagt DEZA-Projektleiter Hans Bühlmann gegenüber swissinfo.

Bühlmann ist Gefängnis-Fachmann mit Haut und Haar: Er amtete in der Schweiz während insgesamt 25 Jahren als Leiter verschiedener Haftanstalten. Bühlmann besuchte die «Kolonie Nr. 35» seit Projektbeginn 1997 drei bis fünf Mal jährlich und begleitete den Umbau mit Rat und Tat.

Neue Wohnheime

«Als ich hier anfing, unterschied sich die ‚Kolonie Nr. 35‘ in nichts von den anderen Gefängnissen der Ukraine», erinnert sich Alexander Kirpatschov, der seit 8 Jahren das Gefängnis von Bila Cerkva leitet. «Die Gefangenen wurden in Gruppen von 120 bis 150 Mann gehalten und lebten in stickigen und düsteren Schlafsälen.»

Heute bestehen die Gruppen aus 50 Häftlingen, die sich je einen Schlafsaal sowie die dazu gehörenden sanitären Anlagen teilen.

Schule und Lehrlingsklassen

In Bila Cerkva wurden eine Schule und Lehrlingsklassen für Schlosser, Gas- und Elektroschweisser, Autoschlosser sowie Dreher eingeführt. «Alles Berufe, die in der Ukraine gefragt sind», sagt Kirpatschov. Bisher erhielten rund 300 Häftlinge ein Berufsdiplom.

Einst Gegner, jetzt Kranker

Früher war ein Sozialarbeiter für bis zu 150 Häftlinge zuständig. Sein Einfluss auf die Gruppe war gemäss Kirpatschov «völlig ungenügend». Heute ist in Bila Cerkva ein Sozialarbeiter nur noch für 50 Häftlinge zuständig. «Gefangene brauchen viel Aufmerksamkeit. Und die können wir ihnen dank der kleineren Gruppen nun eher geben», weiss Chef-Betreuer Michail Obuchovskij.

Das Gefängnis-Personal habe einen grossen Lernprozess hinter sich, erzählt Kirpatschov. «Vor der Reform betrachtete das Personal die Gefangenen als Gegner, denen man sich verschloss. Heute versteht das Personal die Insassen als kranke und sozial zurückgebliebene Menschen, die Hilfe brauchen.»

Ein Leben in Ruhe und Sauberkeit

Alles nur schöne Worte? Wohl kaum. Gefangene, mit denen der ausländische Journalist sprechen kann, scheinen Kirpatschov Recht zu geben: «Im Vergleich zum Knast, in dem ich früher sass, ist es hier ruhig und sauber. Ich habe Zeit, über das nachzudenken, was ich getan habe», sagt etwa ein 31-jähriger Häftling, der seit zwölf Jahren einsitzt. Er wirkt weder gebrochen, noch scheinen seine Worte auswendig gelernt.

Gemäss Kirpatschov «lassen sich die Erfolge der Reform auch beziffern»: 30% weniger Verstösse gegen die Gefängnis-Ordnung, deutlich weniger Krankheiten, weniger Aggressionen zwischen den Gefangenen.

Bila Cerkva als Modell

Die «Kolonie Nr. 35» bildet ein Modell für die Umgestaltung aller Strafanstalten des Landes. In Anbetracht der schwierigen wirtschaftlichen Situation ein hoch gestecktes Ziel.

So kann nicht erstaunen, dass in den übrigen Gefängnissen des Landes, die ohne ausländische Unterstützung auskommen müssen, handfeste bauliche Veränderungen grösseren Stils bisher ausblieben.

Die Gefängnis-Reform sei eben «ein schwieriger Prozess», relativiert DEZA-Projektleiter Hans Bühlmann. Immerhin würden aber verschiedene Anstalten trotz der knappen Mittel etwa versuchen, die Gefangenen-Gruppen zu verkleinern. Und für Bühlmann am wichtigsten: «Es hat im ganzen Land eine spürbare mentale Öffnung in Richtung Reform stattgefunden.»

swissinfo/Felix Münger, Bila Cerkva

Die Ukraine ist seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 unanbhängig.

Die Ukraine strebt die Integration in Europa an.

Seit 1995 ist die Ukraine Mitglied des Europarats und verpflichtete sich damit, dessen Standards zu übernehmen und umzusetzen.

Fläche der Ukraine: 603’700 km2
Bevölkerung: ca. 50 Mio. Einwohner
Hauptstadt: Kiev (2,6 Mio. Einwohner)
Staatssprache: Ukrainisch
Präsident: Leonid Kutschma

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