Alles scheint möglich
Das zweite Weltsozialforum ist eröffnet. Rund 50'000 Menschen aus allen Kontinenten bekräftigten ihren Glauben an eine gerechtere Welt mit einem farbenfrohen Zug durch Porto Alegre.
Starker Regen geht um die Mittagszeit auf Porto Alegre nieder. Es ist heiss und feucht, als sich Tausende von Manifestanten am frühen Nachmittag beim zentralen Marktplatz mit ihren Transparenten bereit machen. Auch die Schweizer Delegation gerät ins Schwitzen, obwohl es fast eine Stunde lang keinen Schritt vorwärts geht. Von mit Lautsprechern bestückten Lastwagen verkünden brasilianische Linksparteien ihre Parolen, Gruppen von Jugendlichen tanzen und singen, über den Hochhäusern kreist ein Helikopter.
Endlich geht es los. Die Transparente geraten in Bewegung. Che Guevara-Bilder, Parolen gegen den Krieg und gegen die Bezahlung der Auslandschulden, Schilder gegen die Privatisierung der Wasserversorgung und immer wieder «Basta Neoliberalismo».
Alle sind sie da: Parteien, Gewerkschaften, soziale Bewegungen, das italienische Forum Sociale, philippinische Nonnen, Indianer aus dem Amazonas und mit Hunderten von Fahnen die internationale Mitgliedschaft der ATTAC. Überall Rhythmus, Trommeln, Glocken, Blechbüchsen und massenweise Argentinierinnen und Argentinier mit Kochtöpfen. Die starke lateinamerikanische Präsenz ist weder zu überhören noch zu übersehen.
«Mindestens doppelt so viele Leute wie beim ersten Forum», meint der sozialdemokratische Nationalrat Pierre-Yves Maillard aus Lausanne und ist begeistert über diesen gewaltigen Aufmarsch. «Letztes Jahr waren wir zu zweit, heute sind wir neun», sagt denn auch Monika Schaller vom Österreichischen Gewerkschaftsbund.
Breitere Teilnahme
Das Weltsozialforum (WSF) ist bereits jetzt ein Erfolg. Dies zeigt nicht nur die steigende Zahl der Manifestanten. Auch etablierte Entwicklungs-Organisationen und internationale Netzwerke wie Oxfam, Greenpeace oder das katholische Netzwerk CIDSE nehmen dieses Jahr am WSF aktiv teil. Amnesty International hat seinen Präsidenten nach Porto Alegre geschickt.
Die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) ist dieses Jahr ebenfalls präsent. «Es gibt selten ein Ereignis, wo so viele Gruppen der Zivilgesellschaft zusammenkommen», sagt Dora Rapold, Abteilungsleiterin und Direktionsmitglied der DEZA. Sie sei hier um zu sehen, was für Stimmen und Kräfte es gebe, die auf neuen Wegen Antworten auf die Gobalisierungs-Probleme suchten. «Für uns als DEZA ist es sehr wichtig, diese Stimmen zu kennen. Zudem hoffe ich, mit einigen Vertretern dieser Gruppen vertiefende Gespräche zu haben.» Rapold wundert sich allerdings, dass nicht mehr Schweizer Hilfswerke den Weg nach Porto Alegre gefunden haben.
Vertreter der Schweizer Hilfswerke ist Peter Niggli, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Swissaid, Fastenopfer, Brot für Alle, Helvetas und Caritas. Auch er ist zum ersten Mal am Weltsozialforum. Für Niggli ist das WSF ein Pendant zum World Economic Forum (WEF). «Das WEF ist eine private Veranstaltung der mächtigsten und reichsten Wirtschaftsführer, das immer den Anspruch hatte, die globalen Herausforderungen und Strategien zu definieren. Zum WEF gab es bis anhin kein Gegenstück.»
Das Weltsozialforum sei nun ein Versuch, den verschiedensten Oppositions-Bewegungen überall auf der Welt eine Gegenstimme zu geben. Es gehe darum, eine globale Debatte aufzubauen – in einer ähnlichen Art und Weise, aber mit einer inhaltlich anderen Richtung.
Was kann erreicht werden?
Die Vielfalt des WFS könnte aber zugleich auch seine Schwäche sein. Die Organisatoren verzichten bewusst auf die Verabschiedung einer Schlusserklärung, und niemand darf im Namen aller am WFS vertretenen Gruppierungen sprechen.
Was darf man also als Resultat einer solchen Veranstaltung überhaupt erwarten? Laut Niggli ist das Maximum, das erreicht werden kann, dass in einigen wenigen Punkten klar wird, wie international weiter vorgegangen wird. «Beispielsweise hat die WTO letzten November in Doha eine neue Verhandlungsrunde entschieden. Alle Organisationen, die hier in Porto Alegre vertreten sind, waren gegen diesen Entscheid. Die Frage stellt sich nun, wie die Opposition auf diese Verhandlungen, die Jahre dauern werden, reagiert. Hier wird das Forum eine erste Klärung bringen und allenfalls eine erste Stossrichtung festlegen.»
Das Weltsozialforum habe sich ausgeweitet, sei grösser geworden und umfasse mehr Meinungen und Interessen. Dies zeige, dass man das Forum zur Koordination von internationalen Kampagnen, aber auch zum Gedankenaustausch, ernst nehme. Letzteres ist besonders wichtig, denn am WSF geht es nicht nur um die nächsten Kampagnen und nächsten internationalen Aktionen, sondern auch um das Aufzeigen von Alternativen.
Dass es Alternativen gibt, steht für die Tausenden von Menschen, die mittlerweile an der Porta del Sol angekommen sind, fest. Von der Bühne erklingt die Musik von Manu Chao, die Menschen singen, tanzen und umarmen sich. Langsam geht über der Lagune von Porto Alegre die Sonne unter und taucht das Fahnenmeer in goldenes Licht. Eine andere, bessere Welt scheint zumindest jetzt, in diesem Moment, möglich geworden zu sein.
Hansjörg Bolliger, Sonderkorrespondent Porto Alegre
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch