Das Filmfestival Locarno bleibt auch in seiner 79. Ausgabe unkonventionell
Das Filmfestival von Locarno bewahrt in seiner 79. Ausgabe die einzigartige cineastische Identität der Veranstaltung. Und berücksichtigt gleichzeitig den rasanten Wandel in der Filmlandschaft.
Jedes Mal, wenn eine technische Neuheit die Art und Weise beeinflusst, wie Menschen Filme schauen, wird das Ende des Kinos prophezeit. Streaming-Dienste beispielsweise sind mit dem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz bereits zur Kontroverse von gestern geworden. Filmfestivals hingegen zeugen von der Widerstandsfähigkeit des traditionellen Kinoerlebnisses, auch wenn sie sich auf ihre eigene Weise an den Wandel der Zeit anpassen.
Vor dem Hintergrund dieses ständigen Wandels lautet das Motto der 79. Ausgabe von Locarno gemäss des künstlerischen Leiters Giona A. Nazzaro «Kontinuität».
Mit «Kontinuität» meint Nazzaro, dass die strukturelle Architektur des Festivals, seine Sektionen und Rahmenveranstaltungen unverändert bleiben. Und das ist ein Grund zum Feiern.
Allerdings hat das Festival in den letzten Jahren einige subtile Veränderungen durchlaufen. Die vielleicht bedeutendste war, dass die Sektion für Experimentalfilme («Moving Ahead») gestrichen wurde. Dabei ging es jedoch nicht darum, diese filmische Nische aufzugeben, sondern die anderen Kategorien des Festivals, einschliesslich des Hauptwettbewerbs, für gewagtere Werke zu öffnen.
«Ich widersetze mich der Forderung, Sektionen nach Genres zu gestalten», sagt Nazzaro, und diese Haltung passt zu seinem vielseitigen Filmgeschmack. Der bekennende Punkrock-Fan fühlt sich im gesamten Spektrum der Filmstile zu Hause, vom trashigsten bis zum anspruchsvollsten, und das spiegelt sich in der Auswahl des Festivals wider, wodurch die Marke Locarno als Mekka für Cineast:innen gestärkt wird.
Die Zeiten ändern sich
Andere, nicht so subtile Veränderungen gab es 2023 mit der Wahl von Maja Hoffmann zur Festivalpräsidentin. Die Erbin des Pharmakonzerns Roche sowie einflussreiche Mäzenin und Sammlerin zeitgenössischer Kunst aus aller Welt hat dem Festival kein neues Markenimage verpasst. Stattdessen hat sie Locarnos internationales Profil geschärft, indem sie dessen Ruf als Treffpunkt für Cineast:innen weiter gestärkt hat.
Es ist vielleicht noch zu früh, um zu beurteilen, ob Hoffmanns Strategie erfolgreich war oder nicht, aber sie hat sicherlich die Positionierung von Locarno in der europäischen Festivalszene gestärkt.
Das prestigeträchtigste Festival ist natürlich nach wie vor Cannes. In den letzten zehn Jahren hat es sich zu einem riesigen, milliardenschweren globalen Wirtschaftsmotor entwickelt. Berlin hingegen hat aufgrund bedauerlicher politischer Kontroversen, die innerhalb von zwei Jahren zwei Festivalleiter ihren Posten gekostet haben, viel von seinem Glanz eingebüsst.
Venedig, ein weiterer Schwerpunkt im Festivalkalender, bewahrt zwar nach wie vor seinen Charme und seine herausragende Qualität, doch lässt sich argumentieren, dass es sich zu sehr an die Hollywood-Prominenz und das Marketing richtet.
Locarno mag zwar kein Gradmesser für die Filmindustrie sein, doch seit der Pandemie ist die Zahl der Filmschaffenden und Branchenvertreter:innen am Festival deutlich gestiegen – 2025 waren es mehr als 4000. Jedes Jahr zieht das Festival zwar auch einige prominente Gäste an, doch sie stehen nicht unbedingt im Mittelpunkt. Gemäss Nazzaro sind «die eigentlichen Stars in Locarno die Filme selbst».
Apropos Filmgrössen: Zu den Ehrengästen der diesjährigen Ausgabe gehören Regisseur Darren Aronofsky sowie die Schauspielerinnen Isabella Rossellini, Asia Argento und Monica Bellucci. Ganz im Sinne des Regisseurs folgt hier jedoch eine kleine Zusammenfassung der echten Prominenz, die zu sehen sein wird.
Concorso internazionale, der Hauptwettbewerb
In den 17 Wettbewerbsfilmen sind praktisch alle Kontinente vertreten – mit Ausnahme Afrikas, doch die anderen Sektionen gleichen diese Lücke aus. Aus Asien bringt der koreanische Filmemacher Hong Sangsoo, ein Stammgast in Locarno, seinen Film «Nowhere to Lay My Eyes» mit, und Nelson Yeo aus Singapur (der 2023 mit «Dreaming & Dying» den Goldenen Leoparden gewann) kehrt mit «The House on the Moon» zurück.
Europäische Produktionen machen den grössten Teil der Wettbewerbsfilme aus, doch abgesehen von den unvermeidlichen französischen, italienischen und deutschen Filmen ist die rumänische Filmszene, angeführt vom eigenwilligen Filmemacher Radu Jude, zu einem festen Bestandteil des Festivals geworden. Leider wird es in diesem Jahr keinen neuen Film von Jude geben (sein neuester Film, «Diary of a Chambermaid», lief in Cannes), doch das Land wird durch Florin Șerbans Drama «You Don’t Belong Here» vertreten sein.
Locarno ist zudem traditionell ein Sprungbrett für das portugiesischsprachige Kino, seit der brasilianische Filmemacher Glauber Rocha 1967 für seinen Film «Entranced Earth» («Terra em Transe») den Hauptpreis (damals bekannt als Grand Prix) gewann – zwei Jahre bevor er in Cannes ausgezeichnet wurde.
In jüngerer Zeit gewann der portugiesische Filmemacher Pedro Costa 2019 den Goldenen Leoparden für «Vitalina Varela», und 2022 sicherte sich die Brasilianerin Julia Murat mit «Rule 34» den Hauptpreis.
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Grosser Gewinn für Brasiliens Filmemacher:innen
In diesem Jahr traf Nazzaro eine mutige Entscheidung, indem er den brasilianischen Film «A Margem do Rio» (Das Flussufer) in den Hauptwettbewerb aufnahm. Es ist der erste Film unter der Regie von Matheus Farias und Enock Carvalho und würde daher besser in die Sektion «Cineasti del Presente» passen, die für Filmemacher:innen gedacht ist, die ihren ersten oder zweiten Spielfilm präsentieren.
Nazzaro erklärt jedoch, dass dieser Film so vielschichtig und so schwer – ja fast unmöglich – einzuordnen sei, dass er sich entschlossen habe, ihn zu den grossen Hoffnungsträgern des Festivals zu zählen.
Beide Regisseure haben bereits Kurzfilme auf internationalen Festivals präsentiert und eng mit Kleber Mendonça Filho zusammengearbeitet, dem renommiertesten lebenden Filmemacher Brasiliens. Farias war zudem Cutter von Mendonça Filhos jüngstem Erfolg «The Secret Agent».
Auch der schweizerisch-portugiesische Regisseur Basil da Cunha ist mit «O Jacaré» (Das Krokodil) erneut im Hauptwettbewerb vertreten. Der Film bildet den letzten Teil seiner Trilogie, die im Vorort Reboleira der portugiesischen Hauptstadt Lissabon spielt.
Als Sohn portugiesischer Eingewanderter in der Schweiz studierte da Cunha Film, Soziologie und Politikwissenschaft, bevor er mittellos nach Lissabon zog, mit dem Ziel, Filmemacher zu werden. Er liess sich schliesslich im Stadtteil Reboleira nieder, einer heruntergekommenen Siedlung am Stadtrand mit einem hohen Anteil an kapverdischen Migrant:innen.
Da da Cunha seine Karriere ausserhalb des Mainstreams aufgebaut hat, besitzen seine Filme die seltene Eigenschaft, das Publikum in die Intimität eintauchen zu lassen, die der Regisseur zu seinen Figuren aufgebaut hat – Menschen, die zu seiner Wahlfamilie aus Freunden und Liebenden geworden sind.
«Cineasti del Presente»: die Debüts
In der Sektion, die den ersten und zweiten Spielfilmen von Regisseur:innen gewidmet ist, fällt die Auswahl gewagter aus. «The Palestinian Revolutionaries Never Die» (Mohanad Yaqubi) ist ein archivbasierter Dialog, der das kreative Vermächtnis der verstorbenen libanesischen Filmemacherin Jocelyne Saab würdigt und 16 ihrer Filme nachzeichnet, die arabische Revolutionen und Kämpfe zwischen 1973 und 1983 dokumentieren.
Der Titel ist ein Slogan, der mit George Habash in Verbindung gebracht wird, einem Arzt und einflussreichen Gründer der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP).
Während der Krieg in der Ukraine weiter tobt und sich das ukrainische Kino naturgemäss auf diesen existenziellen Konflikt konzentriert, schlägt «Demony» von Natalka Vorozhbyt einen anderen Weg ein: Der Film spielt in den 1990er-Jahren.
Die komplizierten Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine – sei es in Bezug auf Bräuche, Haltungen oder den Sprachgebrauch selbst – werden hier in einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte dargestellt, die einen Einblick in die Feindseligkeiten gibt, die zum aktuellen Konflikt geführt haben. Der ukrainische Beitrag im Hauptwettbewerb, «I Rarely Wake Up Dreaming», konzentriert sich expliziter auf den Krieg.
Abgesehen davon lohnt es sich, einen Blick auf eine weitere Brasilianerin, Ana Vaz, und ihren experimentellen Spielfilm «Hanabi», den opulenten singapurischen Animationsfilm «Magic Atlas» (Regie: Sun Xu) sowie den Schweizer Mateo Ybarra mit seinem Doku-Fiction-Film «Small Talk» zu werfen, der in der Villa Pierrefeu spielt, dem letzten Mädcheninternat der Schweiz (Prinzessin Diana war dort Schülerin im Jahr 1978).
Die Retrospektive
Für die treuen Kinoliebhaber:innen von Locarno ist die grosse Retrospektive stets die Hauptattraktion. Sie enttäuscht selten, und in diesem Jahr ist sie aktueller denn je. Unter dem Titel «Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist» präsentiert sie 50 Spiel-, Dokumentar-, Wochenschau- und Kurzfilme aus den USA, Grossbritannien, Spanien, Italien, Frankreich, Mexiko und Argentinien.
Die Filme stammen oder erzählen von Filmschaffenden und anderen Kreativen, die während der Hexenjagd der McCarthy-Ära verfolgt oder auf schwarze Listen gesetzt wurden.
Sorgfältig kuratiert vom in London lebenden iranischen Kritiker Ehsan Khoshbakht (der auch die letzten beiden Retrospektiven in Locarno zusammengestellt hat), wird die Auswahl im Trump-Amerika sicherlich mehr als nur einen Nerv treffen.
Hier finden Sie weitere Höhepunkte des 79. Filmfestivals von Locarno:
Hier finden Sie die Kritiken unseres Teams internationaler Filmkritiker:innen zu einigen der für die Sektion «Swiss Panorama» ausgewählten Filme:
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Edited by Mark Livingston/ds, Übertragung aus dem Englischen: Janine Gloor
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