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Das Filmfestival Locarno bleibt auch in seiner 79. Ausgabe unkonventionell

Der künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro gibt an einer Pressekonferenz in Zürich das Programm für das 79. Filmfestival von Locarno bekannt. Im Hintergrund ist das diesjährige Plakat zu sehen, das von der amerikanischen Künstlerin Cindy Sherman entworfen wurde.
Der künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro. Keystone / Andreas Becker

Das Filmfestival von Locarno bewahrt in seiner 79. Ausgabe die einzigartige cineastische Identität der Veranstaltung. Und berücksichtigt gleichzeitig den rasanten Wandel in der Filmlandschaft.

Jedes Mal, wenn eine technische Neuheit die Art und Weise beeinflusst, wie Menschen Filme schauen, wird das Ende des Kinos prophezeit. Streaming-Dienste beispielsweise sind mit dem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz bereits zur Kontroverse von gestern geworden. Filmfestivals hingegen zeugen von der Widerstandsfähigkeit des traditionellen Kinoerlebnisses, auch wenn sie sich auf ihre eigene Weise an den Wandel der Zeit anpassen.

Vor dem Hintergrund dieses ständigen Wandels lautet das Motto der 79. Ausgabe von Locarno gemäss des künstlerischen Leiters Giona A. Nazzaro «Kontinuität».

Mit «Kontinuität» meint Nazzaro, dass die strukturelle Architektur des Festivals, seine Sektionen und Rahmenveranstaltungen unverändert bleiben. Und das ist ein Grund zum Feiern.

«Plus ça change»: Seit seiner Gründung im Jahr 1946 sind die Open-Air-Vorführungen das Markenzeichen von Locarno. Anfangs fanden diese im Garten des Grand Hôtel der Stadt statt, bis 1970 die Grossleinwand auf der Piazza Grande eingeweiht wurde. Das baufällige Hotel schloss 2005 seine Türen, wird jedoch derzeit renoviert und soll 2027 wiedereröffnet werden.
Was 1946 im Garten des Grand Hôtel begann, findet seit 1970 auf der Piazza Grande statt – bis heute sind die Openair-Vorführungen das Herzstück des Festivals. E. Steinemann

Allerdings hat das Festival in den letzten Jahren einige subtile Veränderungen durchlaufen. Die vielleicht bedeutendste war, dass die Sektion für Experimentalfilme («Moving Ahead») gestrichen wurde. Dabei ging es jedoch nicht darum, diese filmische Nische aufzugeben, sondern die anderen Kategorien des Festivals, einschliesslich des Hauptwettbewerbs, für gewagtere Werke zu öffnen.

«Ich widersetze mich der Forderung, Sektionen nach Genres zu gestalten», sagt Nazzaro, und diese Haltung passt zu seinem vielseitigen Filmgeschmack. Der bekennende Punkrock-Fan fühlt sich im gesamten Spektrum der Filmstile zu Hause, vom trashigsten bis zum anspruchsvollsten, und das spiegelt sich in der Auswahl des Festivals wider, wodurch die Marke Locarno als Mekka für Cineast:innen gestärkt wird.

Die Zeiten ändern sich

Andere, nicht so subtile Veränderungen gab es 2023 mit der Wahl von Maja Hoffmann zur Festivalpräsidentin. Die Erbin des Pharmakonzerns Roche sowie einflussreiche Mäzenin und Sammlerin zeitgenössischer Kunst aus aller Welt hat dem Festival kein neues Markenimage verpasst. Stattdessen hat sie Locarnos internationales Profil geschärft, indem sie dessen Ruf als Treffpunkt für Cineast:innen weiter gestärkt hat.

Maja Hoffmann, Präsidentin des Filmfestivals von Locarno, hält eine Rede an der offiziellen Eröffnung der letztjährigen Ausgabe.
Maja Hoffmann, Präsidentin des Filmfestivals von Locarno, hält eine Rede an der offiziellen Eröffnung der letztjährigen Ausgabe. Keystone / Jean-Christophe Bott

Es ist vielleicht noch zu früh, um zu beurteilen, ob Hoffmanns Strategie erfolgreich war oder nicht, aber sie hat sicherlich die Positionierung von Locarno in der europäischen Festivalszene gestärkt.

Das prestigeträchtigste Festival ist natürlich nach wie vor Cannes. In den letzten zehn Jahren hat es sich zu einem riesigen, milliardenschweren globalen Wirtschaftsmotor entwickelt. Berlin hingegen hat aufgrund bedauerlicher politischer Kontroversen, die innerhalb von zwei Jahren zwei Festivalleiter ihren Posten gekostet haben, viel von seinem Glanz eingebüsst.

Venedig, ein weiterer Schwerpunkt im Festivalkalender, bewahrt zwar nach wie vor seinen Charme und seine herausragende Qualität, doch lässt sich argumentieren, dass es sich zu sehr an die Hollywood-Prominenz und das Marketing richtet.

Locarno mag zwar kein Gradmesser für die Filmindustrie sein, doch seit der Pandemie ist die Zahl der Filmschaffenden und Branchenvertreter:innen am Festival deutlich gestiegen – 2025 waren es mehr als 4000. Jedes Jahr zieht das Festival zwar auch einige prominente Gäste an, doch sie stehen nicht unbedingt im Mittelpunkt. Gemäss Nazzaro sind «die eigentlichen Stars in Locarno die Filme selbst».

Isabella Rossellini (links, in einer Szene aus ihrer Serie «Green Porno») ist in diesem Jahr einer der Ehrengäste in Locarno.
Isabella Rossellini (links, in einer Szene aus ihrer Serie «Green Porno») ist in diesem Jahr einer der Ehrengäste in Locarno. Courtesy Isabella Rossellini

Apropos Filmgrössen: Zu den Ehrengästen der diesjährigen Ausgabe gehören Regisseur Darren Aronofsky sowie die Schauspielerinnen Isabella Rossellini, Asia Argento und Monica Bellucci. Ganz im Sinne des Regisseurs folgt hier jedoch eine kleine Zusammenfassung der echten Prominenz, die zu sehen sein wird.

Concorso internazionale, der Hauptwettbewerb

In den 17 Wettbewerbsfilmen sind praktisch alle Kontinente vertreten – mit Ausnahme Afrikas, doch die anderen Sektionen gleichen diese Lücke aus. Aus Asien bringt der koreanische Filmemacher Hong Sangsoo, ein Stammgast in Locarno, seinen Film «Nowhere to Lay My Eyes» mit, und Nelson Yeo aus Singapur (der 2023 mit «Dreaming & Dying» den Goldenen Leoparden gewann) kehrt mit «The House on the Moon» zurück.

Der südkoreanische Regisseur Hong Sangsoo war im vergangenen Jahr mit dem von der Kritik hochgelobten Film «By the Stream» ebenfalls im Hauptwettbewerb von Locarno vertreten. Sein neuer Film gilt in diesem Jahr als einer der Favoriten für den Goldenen Leoparden.
Der südkoreanische Regisseur Hong Sangsoo war im vergangenen Jahr mit dem von der Kritik hochgelobten Film «By the Stream» ebenfalls im Hauptwettbewerb von Locarno vertreten. Sein neuer Film gilt als einer der Favoriten für den Goldenen Leoparden in diesem Jahr. Jeonwonsa Film Co.

Europäische Produktionen machen den grössten Teil der Wettbewerbsfilme aus, doch abgesehen von den unvermeidlichen französischen, italienischen und deutschen Filmen ist die rumänische Filmszene, angeführt vom eigenwilligen Filmemacher Radu Jude, zu einem festen Bestandteil des Festivals geworden. Leider wird es in diesem Jahr keinen neuen Film von Jude geben (sein neuester Film, «Diary of a Chambermaid», lief in Cannes), doch das Land wird durch Florin Șerbans Drama «You Don’t Belong Here» vertreten sein.

Locarno ist zudem traditionell ein Sprungbrett für das portugiesischsprachige Kino, seit der brasilianische Filmemacher Glauber Rocha 1967 für seinen Film «Entranced Earth» («Terra em Transe») den Hauptpreis (damals bekannt als Grand Prix) gewann – zwei Jahre bevor er in Cannes ausgezeichnet wurde.

In jüngerer Zeit gewann der portugiesische Filmemacher Pedro Costa 2019 den Goldenen Leoparden für «Vitalina Varela», und 2022 sicherte sich die Brasilianerin Julia Murat mit «Rule 34» den Hauptpreis.

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Kultur

Grosser Gewinn für Brasiliens Filmemacher:innen

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Júlia Murat, Regisseurin von «Regra 34», sagt, der Gewinn des Hauptpreises in Locarno sei ein Sieg für den «angeschlagenen Kultursektor» Brasiliens.

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In diesem Jahr traf Nazzaro eine mutige Entscheidung, indem er den brasilianischen Film «A Margem do Rio» (Das Flussufer) in den Hauptwettbewerb aufnahm. Es ist der erste Film unter der Regie von Matheus Farias und Enock Carvalho und würde daher besser in die Sektion «Cineasti del Presente» passen, die für Filmemacher:innen gedacht ist, die ihren ersten oder zweiten Spielfilm präsentieren.

Nazzaro erklärt jedoch, dass dieser Film so vielschichtig und so schwer – ja fast unmöglich – einzuordnen sei, dass er sich entschlossen habe, ihn zu den grossen Hoffnungsträgern des Festivals zu zählen.

Beide Regisseure haben bereits Kurzfilme auf internationalen Festivals präsentiert und eng mit Kleber Mendonça Filho zusammengearbeitet, dem renommiertesten lebenden Filmemacher Brasiliens. Farias war zudem Cutter von Mendonça Filhos jüngstem Erfolg «The Secret Agent».

Die brasilianische Stadt Recife ist nicht nur Schauplatz von «The Riverbank», sondern auch das innovativste Zentrum der Filmproduktion im Land.
Die brasilianische Stadt Recife ist nicht nur Schauplatz von «The Riverbank», sondern auch das innovativste Zentrum der Filmproduktion im Land. Locarno Film Festival

Auch der schweizerisch-portugiesische Regisseur Basil da Cunha ist mit «O Jacaré» (Das Krokodil) erneut im Hauptwettbewerb vertreten. Der Film bildet den letzten Teil seiner Trilogie, die im Vorort Reboleira der portugiesischen Hauptstadt Lissabon spielt.

Als Sohn portugiesischer Eingewanderter in der Schweiz studierte da Cunha Film, Soziologie und Politikwissenschaft, bevor er mittellos nach Lissabon zog, mit dem Ziel, Filmemacher zu werden. Er liess sich schliesslich im Stadtteil Reboleira nieder, einer heruntergekommenen Siedlung am Stadtrand mit einem hohen Anteil an kapverdischen Migrant:innen.

Szene aus «O Jacaré» (Das Krokodil), dem dritten und letzten Teil von Basil da Cunhas Reboleira-Trilogie.
Szene aus «O Jacaré» (Das Krokodil), dem dritten und letzten Teil von Basil da Cunhas Reboleira-Trilogie. Thera Production, Continue Walking

Da da Cunha seine Karriere ausserhalb des Mainstreams aufgebaut hat, besitzen seine Filme die seltene Eigenschaft, das Publikum in die Intimität eintauchen zu lassen, die der Regisseur zu seinen Figuren aufgebaut hat – Menschen, die zu seiner Wahlfamilie aus Freunden und Liebenden geworden sind.

«Cineasti del Presente»: die Debüts

In der Sektion, die den ersten und zweiten Spielfilmen von Regisseur:innen gewidmet ist, fällt die Auswahl gewagter aus. «The Palestinian Revolutionaries Never Die» (Mohanad Yaqubi) ist ein archivbasierter Dialog, der das kreative Vermächtnis der verstorbenen libanesischen Filmemacherin Jocelyne Saab würdigt und 16 ihrer Filme nachzeichnet, die arabische Revolutionen und Kämpfe zwischen 1973 und 1983 dokumentieren.

Der Titel ist ein Slogan, der mit George Habash in Verbindung gebracht wird, einem Arzt und einflussreichen Gründer der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP).

Jocelyne Saab (30. April 1948 – 7. Januar 2019[1]) war eine libanesische Journalistin und Filmregisseurin. Sie gilt als eine der Pionierinnen des libanesischen Kinos.[2] Reporterin, Fotografin, Drehbuchautorin, Produzentin, Regisseurin, Künstlerin und Gründerin des «Cultural Resistance International Film Festival of Lebanon»
Jocelyne Saab (1948–2019) war Reporterin, Fotografin, Drehbuchautorin, Produzentin, Regisseurin, Künstlerin und Gründerin des «Cultural Resistance International Film Festival of Lebanon». Sie gilt zudem als eine der Pionierinnen des libanesischen Kinos. Locarno Film Festival

Während der Krieg in der Ukraine weiter tobt und sich das ukrainische Kino naturgemäss auf diesen existenziellen Konflikt konzentriert, schlägt «Demony» von Natalka Vorozhbyt einen anderen Weg ein: Der Film spielt in den 1990er-Jahren.

Die komplizierten Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine – sei es in Bezug auf Bräuche, Haltungen oder den Sprachgebrauch selbst – werden hier in einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte dargestellt, die einen Einblick in die Feindseligkeiten gibt, die zum aktuellen Konflikt geführt haben. Der ukrainische Beitrag im Hauptwettbewerb, «I Rarely Wake Up Dreaming», konzentriert sich expliziter auf den Krieg.

Abgesehen davon lohnt es sich, einen Blick auf eine weitere Brasilianerin, Ana Vaz, und ihren experimentellen Spielfilm «Hanabi», den opulenten singapurischen Animationsfilm «Magic Atlas» (Regie: Sun Xu) sowie den Schweizer Mateo Ybarra mit seinem Doku-Fiction-Film «Small Talk» zu werfen, der in der Villa Pierrefeu spielt, dem letzten Mädcheninternat der Schweiz (Prinzessin Diana war dort Schülerin im Jahr 1978).

Eine Szene aus dem Animationsfilm «Magic Atlas».
Eine Szene aus dem Animationsfilm «Magic Atlas». Pi Animation Studio

Die Retrospektive

Für die treuen Kinoliebhaber:innen von Locarno ist die grosse Retrospektive stets die Hauptattraktion. Sie enttäuscht selten, und in diesem Jahr ist sie aktueller denn je. Unter dem Titel «Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist» präsentiert sie 50 Spiel-, Dokumentar-, Wochenschau- und Kurzfilme aus den USA, Grossbritannien, Spanien, Italien, Frankreich, Mexiko und Argentinien.

Szene aus dem Dokumentarfilm «Red Hollywood», der im Rahmen der Retrospektive in Locarno gezeigt wird.
Der Drehbuchautor John H. Lawson wird in einer Szene des Dokumentarfilms «Red Hollywood», der im Rahmen der Retrospektive in Locarno gezeigt wird, vor dem «Komitee für unamerikanische Umtriebe» von Senator McCarthy verhört. Courtesy Of Cinema Guild

Die Filme stammen oder erzählen von Filmschaffenden und anderen Kreativen, die während der Hexenjagd der McCarthy-Ära verfolgt oder auf schwarze Listen gesetzt wurden.

Sorgfältig kuratiert vom in London lebenden iranischen Kritiker Ehsan Khoshbakht (der auch die letzten beiden Retrospektiven in Locarno zusammengestellt hat), wird die Auswahl im Trump-Amerika sicherlich mehr als nur einen Nerv treffen.

Hier finden Sie weitere Höhepunkte des 79. Filmfestivals von Locarno:

Hier finden Sie die Kritiken unseres Teams internationaler Filmkritiker:innen zu einigen der für die Sektion «Swiss Panorama» ausgewählten Filme:

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Szene aus dem Film Silent Rebellion

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Schweizer Film

Der Film «Silent Rebellion» zeigt, wie die Schweiz im Krieg grosses Unrecht tolerierte

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht «Silent Rebellion» ist Maria-Elsa Sgualdos erster Film, der bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere feierte. Er setzt sich mit den Geistern der Komplizenschaft und Konformität der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs auseinander.

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Edited by Mark Livingston/ds, Übertragung aus dem Englischen: Janine Gloor

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