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Geisel in der Wüste: Die Lage der entführten Schweizerin bleibt schwierig 

Eine Strasse in der Wüste
Für die entführten Frauen bleibt die Lage insbesondere während der Sommerhitze gefährlich. Copyright 2024 The Associated Press. All Rights Reserved

Seit über einem Jahr befinden sich eine Schweizerin und eine Österreicherin in der Gewalt eines IS-Ablegers in der Sahelzone. Ihr Zustand ist kritisch. Was nun? Swissinfo hat mit den Behörden, einem Angehörigen und mit Jörg Lange gesprochen, der über vier Jahre in der Gewalt der Gruppe überlebte.

15 Jahre ist es her, seit die Schweizerin (67) von Algerien in den Niger gezogen ist. Die frühere Personalchefin einer Schweizer Grossbank und spätere Reiseunternehmerin gründete dort eine Kooperative, die Lederwaren für den europäischen Markt produziert. 

Die Region gilt auf Grund dschihadistischer Aktivitäten in der Sahelzone als Hochrisikogebiet. Die Frau bewegte sich mit Vorsicht, wohl wissend um das Risiko von Entführungen. Sie verliess beispielsweise ihre Stadt Agadez nur mit Begleitschutz, wie sie vor drei Jahren dem Reisemagazin Globetrotter erzählte.

Doch die Massnahmen halfen nichts: Am 12. April 2025 drangen bewaffnete Männer in ihr Haus ein und verschleppten sie. Seit 16 Monaten ist die Schweizerin in der Gewalt einer Terrorgruppe. 

Nur drei Monate zuvor, am 11. Januar, war einer Österreicherin (75) dasselbe widerfahren. Auch sie wurde nachts aus ihrem Haus entführt. Sie hatte in Niger ein Bildungszentrum gegründet, das junge Frauen fördert, und unterstützte lokale NGOs beim Gemüseanbau. 

Die Frauen wurden von Niger zu einem Ableger des IS im Wüstengebiet von Mali gebracht – dem «Islamischen Staat in der Sahelzone» (ISGS). Gemeinsam werden sie seither in der Grenzregion gefangen gehalten. Ende April 2025 tauchte erstmals ein Foto als Lebenszeichen der beiden auf. Es ist unsicher, wie lange die älteren Frauen in der Hitze, bei mangelnder Ernährung und medizinischer Versorgung überleben. 

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Die Schweiz und Österreich gehen gemeinsam vor

Die Heimatländer der beiden Frauen haben ihre Aktivitäten zur Freilassung gebündelt, auch wenn wenig davon nach aussen dringt. Das Krisenmanagement-Zentrum des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat eine Task Force gebildet. Die Bemühungen kommentiert es knapp: «Für die Freilassung des Entführungsopfers arbeiten die involvierten österreichischen und Schweizer Behörden eng zusammen.» Im Weiteren verweist das EDA auf eine im April 2025 verfasste Stellungnahme.

Auf Anfrage schreibt das EDA: «Das Krisenmanagement-Zentrum (KMZ) des EDA hat nach Bekanntwerden des Entführungsfalls eine Task Force gebildet. In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Polizei fedpol, dem Nachrichtendienst des Bundes sowie weiteren Bundesstellen setzt sich das EDA für die Freilassung des Entführungsopfers ein. Dafür arbeiten die involvierten österreichischen und Schweizer Behörden eng zusammen. Wir äussern uns nicht zur Arbeit der Task Force und verweisen auf die Informationen auf unserer WebseiteExterner Link

In seiner Stellungnahme aus dem April 2025 schreibt das EDA, man sei mit den Angehörigen sowie mit den Behörden des Nigers in Kontakt und verweist auf die gegründete Task-Force. Gemeinsam würden sich alle Stellen für eine Freilassung der Geisel einsetzen.

Gleichzeitig verweist die Behörde auf die Eigenverantwortung: Seit 2009 rate das EDA von Reisen in den Niger respektive dem Verbleib ab, insbesondere wegen des Entführungsrisikos. Schweizer Staatsangehörige, die entgegen den Empfehlungen des Bundes im Land blieben oder dorthin reisen würden, «handeln fahrlässig und müssen sich bewusst sein, dass die Schweiz in Notfällen nur eingeschränkt Hilfe leisten kann».

Auch das österreichische Aussenministerium hält sich bedeckt. Es verweist aber auf Peter Launsky-Tieffenthal, den Sonderbeauftragten für globale Angelegenheiten. Der Spitzendiplomat verfügt über hervorragende internationale Kontakte sowie langjährige Erfahrung mit Entführungen im Ausland. Er sagt: «Österreich und die Schweiz arbeiten kontinuierlich im Gleichklang für die Befreiung der beiden Geiseln. Dabei ist auch eine Lösung über einen Drittstaat möglich. Es fanden bereits Gespräche auf höchster diplomatischer Ebene und der Sicherheitsbehörden statt.» 

Marokko, Algerien oder ein anderer Vermittler? 

Am 22. April 2026 hatte der marokkanische Aussenminister Nasser Bourita die österreichische Aussenministerin Beate Meinl-Reisinger besucht. Offiziell war es ein strategischer Dialog, eines der Kernthemen war die Afrikastrategie. Ob auch über die beiden Geiseln geredet wurde, darüber hüllen sich die Behörden in Schweigen. Doch man kann davon ausgehen. 

Warum aber wird überhaupt ein Drittland involviert? Dazu muss man verstehen, dass weder die Schweiz noch Österreich Lösegeld für Entführungsopfer bezahlen. Man will keine Terrorfinanzierung betreiben. Doch die Entführer haben nicht nur finanzielle Interessen, sondern auch politische. Das schafft Verhandlungsmasse. Die Drittstaaten sind von geopolitischen Absichten geleitet: von der Anerkennung des Anspruches von Marokko auf die Westsahara über den Wunsch Russlands, den westlichen Einfluss auf die Sahelzone zurückzudrängen, bis hin zum Bemühen, das eigene Image aufzuwerten. 

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Illustration: Kai Reusser / SWI swissinfo.ch

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Aussenpolitik

Trotz Rückzug des Westens: Die Schweiz bleibt aktiv im Niger

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Während Frankreich und die USA sich aus Niger zurückgezogen haben, will die Schweiz vorerst bleiben – und ihre Entwicklungsprojekte vor Ort fortsetzen.

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Deutsche Geisel nach wenigen Tagen frei

Wie zäh die schweizerische und die österreichische Diplomatie vorankommt, dokumentiert ein weiterer Fall: Anfang August 2026 wurde ein deutscher Staatsbürger türkischer Herkunft im Niger entführt. Nach nur zwei Wochen in Gefangenschaft wurde der Goldhändler freigelassen respektive der algerischen Armee übergeben. 

Der Sohn der österreichischen Geisel ist im Gespräch mit Swissinfo erzürnt, dass seine Mutter, die zuerst entführt wurde, schon 19 Monate in der Wüste ausharren muss. Er ist selbst in Afrika aufgewachsen und hat über Mittelsmänner einen Kontakt zu den Entführten aufgebaut. Er sagt: «Zeit ist bei einer Geiselnahme kein neutraler Faktor. Jeder weitere Tag kann den Unterschied machen – gesundheitlich, psychisch – und am Ende über Leben und Tod entscheiden. Ich kann verstehen, dass Diplomatie Zeit braucht. Was ich nicht akzeptieren kann, ist, dass Zeit selbst zur Strategie wird.» 

 Seine Mutter schwebte im Mai zwischen Leben und Tod. Zweimal durften ihr Medikamente gebracht werden. Auch die Schweizerin, die eine chronische Krankheit hat, bekam auf diesem Weg dringend benötigte Medikamente; ihr Sohn lebt nach wie vor im Niger. Die beiden sind mit weiteren Personen in Kontakt, um Informationen auszutauschen. Darunter ist auch der Deutsche Jörg Lange (69), der 1702 Tage in der Gewalt jener Gruppe verbracht hatte. 

Mehrmals dem Tode nahe 

Gegenüber Swissinfo schildert Lange die Zustände im Lager. Die Entführer hätten dauernd ihren Standort in der Wüste geändert, um nicht gefunden zu werden. Übernachtet wurde im Freien unter Bäumen. Dazu gehörten Schlangen, die beim Schlafen in der Nacht auf ihn gefallen seien und schmerzhafte Skorpionstiche. Die «Toilette» war ein Busch im Freien. Getrunken wurde Wasser aus alten Kanistern, das nach Benzin roch. Dazu kamen 46 Grad, eine sengende Hitze, und eine fast tödliche Malaria. 

Mehrmals war Jörg Lange dem Tod nahe. Er sagt, dass ihm nur sein Glaube die Kraft gegeben habe, diese Tortur so lange zu überleben. Auch das Gegenteil hätte eintreten können: Einmal wurde diskutiert, ob man ihn wegen Blasphemie töten müsse, nachdem er mit einem Entführer über Jesus gesprochen hatte. 

Über die Hintergründe seiner Befreiung muss Lange schweigen. Da er aber zunächst nach Marokko gebracht wurde, liegt das Land als involvierter Drittstaat auf der Hand. Der Sohn der österreichischen Geisel meint, der Fall Lange zeige, dass Marokko im Sahel-Kontext eine reale Vermittlungsrolle spielen könne. Dabei sei es ihm «am Ende vollkommen egal, welcher Staat, welcher Vermittler oder welcher diplomatische Kanal den Durchbruch schafft».

Soldaten in einem Stadion
General Abdourahamane Tchiani, Staatschef und Leiter der Militärjunta in Niger, lässt sich in der Hauptstadt Niamey feiern. Die Militärregierung putschte sich im Juli 2023 an die Macht. Boureima Hama / AFP

«Die erste Kugel ist für dich»

Fliessen am Ende doch Lösegelder? Der Verdacht steht zumindest im Raum. Lösegeldforderungen werden von Behörden grundsätzlich nicht kommuniziert. Informanten, die sich mit der Situation auskennen, sprechen jedoch von 5 Millionen US-Dollar pro Geisel, die für eine Freilassung nötig seien. Verhandelt wird von einem Krisenstab unter Einbindung der Nachrichtendienste. Die Heimatländer der Entführten halten sich hier grundsätzlich bedeckt. Denn Angehörige von Ländern, die bezahlen, werden öfter entführt. Dazu kommt die Gefahr von «Folgetätern» in der «Entführungsindustrie». 

Die Militärregierung im Niger ist scheinbar machtlos. Überhaupt scheint der Versuch, die Geiseln mit Waffengewalt zu befreien, aussichtslos zu sein. Jörg Lange berichtet, dass man ihm für diesen Fall gesagt habe: «Die erste Kugel ist für dich.» Sei eine Drohne in der Nähe ihrer Verstecke gesichtet worden, habe sich sofort einer der Entführer mit der Kalaschnikow neben ihn gesetzt, dann seien sie weiterzogen. 

Hoffen auf die USA 

Hoffnung auf eine Freilassung ruhen auch auf den USA. Denn mit einem missionarisch tätigen Piloten (48) wurde am 21. Oktober 2025 auch ein US-Bürger von der IS-Gruppe entführt. Er wird in geografischer Nähe zu den beiden Frauen festgehalten. Die USA haben sich mit Österreich und der Schweiz in Verbindung gesetzt. Ob ihre Beteiligung eine neue Dynamik in die Situation der Geiseln bringt, ist allerdings offen. Auch die USA gehören zu den Staaten, die keine Lösegelder zahlen. Für eine schnelle Freilassung des Piloten hat das politische Gewicht der USA bisher nicht gereicht. 

Das Überleben der Geiseln hängt primär von den geopolitischen Interessen jener Drittstaaten ab, die über funktionierende Kanäle zu den Dschihadisten verfügen. Die beiden Frauen müssen vorerst weiter in der Gluthitze ausharren.

Editiert von Marc Leutenegger

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