Warum die Wahlbeteiligung in der Schweiz so tief ist
Die Schweizer Demokratie mit ihren vielen Volksabstimmungen gilt international als vorbildlich. Gleichzeitig nutzt aber oft nur eine Minderheit ihr Stimm- und Wahlrecht. Warum ist das so?
In Ländern wie Australien gehen fast alle wählen. Neun von zehn haben bei den letzten australischen Wahlen ihre Stimme abgegeben. In Uruguay, manchen bekannt als «Schweiz Südamerikas», wählten das letzte Mal ebenfalls mehr als 89%.
Eine solche Wahlbeteiligung ist in der Schweiz hingegen Fantasie. Die Schweiz gilt im internationalen Vergleich als Land mit tiefer Stimmbeteiligung. Weniger als die Hälfte nutzen ihr Wahlrecht: 46,7% waren es bei den Wahlen 2023.
Warum wählen nicht mehr Menschen in der Schweiz?
«Als Aussenstehender kann ich dies teilweise nachvollziehen», sagt der deutsche Politikwissenschaftler Andreas Goldberg, der Professor an der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim ist. In seiner Laufbahn hat Goldberg in der Schweiz gewirkt und zur Schweiz geforscht.
Goldberg sieht Gründe, warum die Beteiligung nicht grösser ist: «Wahlen führen in der Schweiz nur zu kleinen Verschiebungen zwischen den Parteien.» Kaum je verändert sich nach den Schweizer Parlamentswahlen, welche Kräfte Teil der Regierung sind. Weil man den Bundesrat nicht direkt wählt und die Parteien im Parlament verglichen mit anderen Ländern stabil sind, nutzen wohl einige Leute mehr ihr Wahlrecht nicht – so Goldbergs Annahme. «Denn auf die Regierungsbildung haben die Schweizer Parlamentswahlen nur selten Einfluss.»
Selbst bei den US-Präsidentschaftswahlen, wirft Goldberg ein, nehmen weniger als zwei Drittel teil: «Und diese Wahl ist für die USA entscheidender als die Wahl des Parlaments für die Schweiz.»
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War die Wahlbeteiligung in der Schweiz früher höher?
Nur 1971 und 1975, bei den ersten zwei Wahlen nach Einführung des Frauenstimmrechts, gingen etwas mehr als die Hälfte der erwachsenen Frauen und Männer mit Stimmrecht und Wohnsitz in der Schweiz wählen. Seither bewegt sich die Beteiligung zwischen 42,2% (1995) und 48,9% (1983).
Bei allen Wahlen seit 2003 beteiligten sich immerhin stets mehr als 45% der Stimmberechtigten.
Eine Demokratie gilt dann als stark, wenn ihre Entscheide möglichst breit abgestützt sind. Das Bundesamt für Statistik schreibt auf seiner Webseite: «Die Stimmbeteiligung ist ein Schlüsselindikator für eine funktionierende Demokratie.»
Auch in der Schweizer Öffentlichkeit wird die tiefe Beteiligung vor und nach jeder Wahl kritisch diskutiert. Jedes Mal mit ähnlichen Argumenten und Sorgen: Dass die Demokratie Schaden nehme, wenn sich nicht mehr Menschen beteiligten, weil eine kleine Minderheit über die Mehrheit entscheide. Dass die Gruppen, die sich nicht beteiligten politikverdrossen seien.
Bei schweizweiten Abstimmungen und Wahlen stimmberechtigt sind all jene, die mindestens 18 Jahre alt sind und das Schweizer Bürgerrecht besitzen. Schweizer:innen, die im Ausland leben, müssen sich zur Ausübung der politischen Rechte registrieren. Manche Personen mit einer Behinderung sind vom Stimm- und Wahlrecht ausgeschlossen.
Etwa 5,6 Millionen Personen sind in der Schweiz auf nationaler Ebene stimmberechtigt. Rund 27% der Schweizer Wohnbevölkerung sind Ausländer:innen und können national nicht an der Demokratie teilnehmen. In einigen wenigen Kantonen haben Teile von ihnen lokale oder regionale Mitbestimmungsrechte. Insgesamt hat die Schweiz rund 9,1 Millionen Einwohner:innen.
Warum beteiligen sich bei Volksabstimmungen manchmal mehr Schweizer:innen?
Bei Volksabstimmungen füllen in der Schweiz manchmal 60% und mehr ihre Stimmunterlagen aus. Im Juni 2026, als es um die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» gegangen ist, waren es zum Beispiel 58,9%. Werden Volksabstimmungen also eher als entscheidend wahrgenommen? Die Menschen in der Schweiz würden die Bedeutung des Parlaments eher unter-, die Bedeutung von Volksabstimmungen eher überschätzen, erklärt Goldberg mit Verweis auf eine Analyse des Politikwissenschaftlers Reto MittereggerExterner Link.
Untersuchungen von Goldberg und Pascal Sciarini, ebenfalls Politikwissenschaftler, kommen zum Befund: Je wichtiger man eine Abstimmung wahrnimmt, desto eher stimmt man ab. Aber gleichzeitig gilt: Je komplexer eine Abstimmungsfrage ist, desto weniger Schweizer:innen nutzen ihr Stimmrecht. Diese zwei Effekte zur Beteiligung zeigen ihre Wirkung an den bis zu vier Abstimmungssonntagen, die es in der Schweiz pro Jahr gibt. Regelmässig nehmen auch deutlich weniger als die Hälfte ihr Stimmrecht wahr.
«Es ist schwierig an jedem Abstimmungssonntag hohe Werte zu erreichen und jedes Mal alle zu informieren und motivieren. Das ist einfacher bei einer Wahl alle vier Jahre», führt Goldberg weiter aus. Zumal die vielen verschiedenen Abstimmungsthemen auch überfordernd und entsprechend abschreckend wirken können: Oft stehen Initiativen und Referenden zu lokalen, kantonalen und nationalen Fragen in den Abstimmungsunterlagen.
Da das System so anders ist, findet Goldberg einen Vergleich der Schweiz mit Ländern, in denen nur alle paar Jahre gewählt wird, «etwas unfair». Dennoch bleibe es wünschenswert, dass sich so viele wie möglich am demokratischen Prozess beteiligen.
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Wie viele Menschen stimmen nie ab?
Doch in der Schweiz nehmen über längere Zeit betrachtet fast alle einmal oder manchmal teil. Denn nur rund 10% der Stimmberechtigten in der Schweiz stimmen nie ab.
Dies haben Untersuchungen von Goldberg und seinen früheren Genfer Kollegen ergeben. Mit Registerdaten vom Kanton Genf, die seit 1996 verfügbar sind, haben sie das Stimmverhalten über die Zeit hinweg analysiert. Diese Daten weisen jeder Person einen anonymisierten Code zu, so dass man das Stimmverhalten nachvollziehen kann, ohne zu wissen, wer sie sind. Diese Daten seien viel besser als Umfragen, betont Goldberg. Denn wenn die Bürger:innen gefragt werden, würden sie dazu neigen, zu überschätzen, wie oft sie abstimmen oder wählen waren.
«Damit konnten wir schauen, wer immer teilgenommen hat und wer nie. Beides sind relativ wenig Leute: Über 30 Abstimmungstage hinweg haben nur 10% nie mitgemacht», sagt Goldberg. Ebenfalls nur etwa jede zehnte Person stimmt immer ab.
Etwa vier von fünf Bürger:innen haben an mindestens einem der 30 Abstimmungstage ihre politisches Recht genutzt – aber eben nicht an allen. Die allermeisten Stimmberechtigten stimmen also «selektiv»: Sie entscheiden sich bei jeder Abstimmung neu, ob sie sich beteiligen oder nicht.
«Nicht immer aber auch nicht nie. Das war für uns ein relativ positives Ergebnis für die Demokratie», sagt Goldberg. Nur ganz wenige würden sich demnach komplett abgehängt fühlen.
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Wäre eine Stimmpflicht besser für die Schweiz?
Es zeigte sich in den Untersuchungen, bei denen Goldberg mitwirkte, auch, dass Jüngere seltener abstimmen. Zudem gehören vor allem Menschen mittleren Alters zur kleinen Gruppe, die jedes Mal abstimmen.
Goldberg blickt differenziert auf das Thema Stimmbeteiligung. Eine Stimmpflicht bringe höhere Beteiligung, aber man könne den demokratischen Sinn einer politischen Entscheidung ohne Eigenmotivation hinterfragen. Entsprechend sei es legitim «Interessierte abstimmen zu lassen, statt alle zu zwingen». In der Schweiz kennt traditionell nur der Kanton Schaffhausen eine Stimmpflicht.
Generell sei eine niedrige Beteiligung vor allem dann problematisch, wenn bestimmte Gruppen nie teilnehmen, findet Goldberg. Eine Demokratie aber sei «im grünen Bereich, wenn man die Nichtstimmenden nicht komplett der Politikverdrossenheit überlässt», so Goldberg, eine Mehrzahl von ihnen also zumindest ab und zu teilnimmt.
Andere sehen es kritischer. Die Rechtswissenschaftlerin Léonie C. Marti etwa argumentiert in einem aktuellen Beitrag, selektive Beteiligung unterlaufe «das Versprechen von Direkter DemokratieExterner Link». Denn im Querschnitt führe sie zu Verzerrungen. Das Problem sei nicht, dass wenige teilnehmen würden – sondern immer dieselben Wenigen. «Das Problem ist nicht, dass wenige teilnehmen, sondern dass es strukturell bedingt immer dieselben sozialen Gruppen sind, die fernbleiben», schreibt Marti auf Anfrage von Swissinfo, «So wird das Versprechen der direkten Demokratie – dass die Bürger:innen selbst entscheiden – zum Privileg für jene, die ohnehin schon gehört werden.»
Wer sich bewusst enthalte «aus Protest oder weil einem eine Vorlage nicht wichtig genug erscheint, übt einen legitimen Akt der Selbstbestimmung aus», so Marti. Problematisch sei es, wenn eine Enthaltung nicht bewusst gewählt ist, sondern durch «kognitive Überforderung oder strukturelle Hürden» erzwungen wird. Marti stellt sich in immer Beitrag aber gegen die Einführung einer Stimmpflicht. Diese erhöhe zwar die Beteiligung, aber ohne die Ursachen anzugehen.
In Uruguay und Australien herrscht Stimmpflicht – ein Grund, warum in diesen Ländern neun von zehn Bürger:innen an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen. Doch dort können die Stimmberechtigten anders als in der Schweiz nicht alle paar Monate direkt politisch mitbestimmen.
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Editiert von Balz Rigendinger
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