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Drei Medienschaffende finden Zuflucht in der Schweiz – und kämpfen weiter

Perihan Kaya, Najibah Zartosht, Saddam Hamed Abu Asim schauen in die Kamera
Perihan Kaya, Najibah Zartosht und Saddam Hamed Abu Asim. SWI swissinfo.ch

In vielen Ländern sind Pressefreiheit und Journalist:innen viel bedrohter als in der Schweiz. Doch für jene, die hier Zuflucht suchen und ihren Beruf weiterverfolgen wollen, sind die Herausforderungen gross. Drei Medienschaffende im Schweizer Exil erzählen.

Sie sind vor Verfolgung, Krieg oder Repression geflüchtet. Wenn sie ein Aufenthaltsrecht bekommen, sind die meisten Journalist:innen im Schweizer Exil sicher. Sie könnten freier über ihre Heimat berichten, als sie es vor Ort konnten.

Doch vielen fehlt ein Medium oder Kanal, um ihr Publikum zu erreichen. Doch die Hürden auf dem hiesigen Arbeitsmarkt sorgen dafür, dass ihr Journalismus häufig zum Engagement ohne Auskommen wird – oder sie den Journalismus ganz hinter sich lassen müssen.

Swissinfo hat drei Medienschaffende im Schweizer Exil getroffen.

Najibah Zartosht, Afghanistan

Najibah Zartosht
Aus der Schweiz heraus leitet Najibah Zartosht die Afghanistan’s Women Voice. Das Online-Magazin berichtet über die Situation von Frauen unter dem Taliban-Regime. Benjamin von Wyl / SWI swissinfo.ch

Najibah Zartosht ist seit Ende 2021 Chefredaktorin der Afghanistan Women’s Voice. Von ihrer kleinen Wohnung am Stadtrand von Zug aus koordiniert sie die Redaktion des Online-Magazins, das etwas Unerhörtes will: aus säkularer, feministischer Perspektive über die Situation von Frauen seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 berichten. Erreichen will sie ein Publikum in Afghanistan, einem Land, in dem Mädchen die Bildung nach der Grundschule und später die Beschäftigung in fast allen Berufen verwehrt wird.

«Borrowed IdentityExterner Link» heisst der Artikel, der anhand eines einzelnen Lebens aufzeigt, wie sich die Misogynie in Afghanistan in eine Biografie eingeschnitten haben.

Die Geschichte könnte auch im New Yorker stehen, 30’000 Zeichen lang, in der Tradition des Erzähljournalismus: Darin schildert Benazir, wie Gewalt und Diskriminierung sie dazu brachten, als Junge zu leben. Die Stimme von Benazir, so heisst im Artikel, trage die Last dessen in sich, was es bedeutet, in Afghanistan Frau zu sein: Verlust und Ausdauer. «Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Stimmen zum Schweigen gebracht werden», appelliert der Text.

«Am wichtigsten ist mir, gegen die schleichende Normalisierung anzukämpfen», sagt Zartosht. «Es ist nicht normal: Wenn Frauen keine Schule besuchen dürfen, wenn Mädchen zu Hochzeiten gezwungen werden und nur noch Suizid als Ausweg sehen.» Sie möchte sich dagegen wehren, dass die Situation in Afghanistan als normal angesehen wird.

«Es ist nicht normal»

Hinter der Afghanistan Women’s Voice steht ein Team, das von der Diaspora aus mit Journalist:innen im Land zusammenarbeitet. Als Chefredaktorin verdient Zartosht selbst nichts; die Mitarbeiterinnen vor Ort wiederum entschädigt ein Schweizer Verein.

Mit dem Projekt hat Zartosht einen Antrieb und einen medialen Kanal. Ansonsten steht ihr Leben in der Schweiz in vielerlei Hinsicht am Anfang: Während sie vor ihrer Flucht 2021 an der Universität Kabul Wirtschaft lehrte, studiert sie in der Schweiz nun selbst wieder. Während sie einst ein Stück Weltkultur für andere öffnete – sie übersetzte die Liebesbriefe von Frank Kafka auf Farsi – ringen sie und ihr Mann nun darum, die Alltagskultur in der Innerschweiz zu verstehen und Teil der Gesellschaft dort zu werden.

Ob sie eines Tages in der Schweiz als Journalistin arbeiten kann, ist offen. Dadurch, dass sie Tag für Tag Inhalte ans Publikum in einer Diktatur bringt, hat sie aber den meisten Journalist:innen in demokratischen Ländern etwas voraus.

Ein wichtiger Kanal, um die afghanische Gesellschaft im Land und in der Diaspora zu erreichen, ist Facebook. Doch das Publikum weiss, dass es bei kontroversen Themen besser still bleibt: «Auf Artikel über das Regime und seine Taten erhalten wir kaum Reaktionen auf Facebook», so Zartosht. «Wenn wir über kulturelle Themen berichten, kommentieren viel mehr Menschen.»

Zartosht erzählt, dass sich bei der Afghanistan Women’s Voice immer wieder Männer via Facebook-Chat melden, die offensichtlich den Taliban angehören. Doch abgesehen davon erreichen die Taliban sie im Schweizer Exil nicht.

In Kabul hingegen folterten die Taliban Syed Nemat Ziat, einen Journalisten der Afghanistan Women’s Voice. In Iran hat ein Anderer Ähnliches durch das dortige Regime erlebt.

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Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Seit mehreren Jahren beobachtet Reporter ohne Grenzen eine kontinuierliche Verschlechterung, schreibt ihr Generaldirektor Thibaut Bruttin.

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Perihan Kaya, Türkei

Perihan Kaya
Perihan Kaya wurde kürzlich in der Türkei in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Für sie gibt es kein Zurück mehr. Aylin Elci / SWI swissinfo.ch

Ginge es nach den türkischen Behörden, wäre die kurdisch-türkische Journalistin Perihan Kaya nicht in Genf, sondern in einem Gefängnis in der Türkei. Zuletzt Anfang 2026 hat sie ein Gericht wegen angeblicher Verbreitung von Terrorpropaganda in Absenz zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als Beweise dienten der Strafverfolgung laut internationalen PressefreiheitsorganisationenExterner Link acht Facebook-Posts von 2015 und 24 undatierte Tweets. Externer Link

Prozesse begleiten Kaya nicht erst, seit sie 2006 begann, für eine kurdische Nachrichtenagentur zu berichten. Bereits davor verbrachte sie acht Monate im Gefängnis, weil sie sich als menschlicher Schutzschild zwischen kurdischen Guerillas und türkische Armee gestellt hatte.

Als Journalistin berichtete Kaya über Proteste, den Grenzkonflikt zwischen Syrien und der Türkei in Şırnak und die regelmässigen Auseinandersetzungen zwischen der kurdischen PKK und der türkischen Armee.

Nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2016 häuften sich die Verfahren gegen Journalist:innen, die über kurdische Themen berichteten. Kaya wusste schon da, dass sie gehen musste. Nach dem Tod ihres Vaters 2022 verliess sie die Türkei.

Über die Balkanroute floh sie in die Schweiz. «Es fühlte sich an, als stünde ich vor der Wahl zwischen verschiedenen Toden: Entweder ich bleibe in meinem Land und verrotte im Gefängnis, sterbe auf der Flucht oder ich erreiche einen sicheren Ort und bin von meinen Lieben getrennt», sagt Kaya, die ihre Familie seit vier Jahren nicht mehr gesehen hat. Doch es gibt kein Zurück: In den letzten zehn Jahren wurden in der Türkei laut der Organisation Reporter ohne Grenzen 174 Journalist:innen festgenommen, alleine im Jahr 2026 schon sieben.

«Asylsuchend zu werden ist furchtbar, besonders für Frauen»

«Asylsuchend zu werden, ist furchtbar, besonders für Frauen», sagt sie, die von der kroatischen Polizei misshandelt worden war. Für ihr Recht auf Asyl als politisch Verfolgte musste sie bis vors Bundesverwaltungsgericht ziehen, weil die Schweiz sie unter dem Dublin-System nach Kroatien abschieben wollte.

Nun hat sie vor kurzem eine Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz erhalten, ist aber noch nicht als Flüchtling anerkannt – und es bleiben Herausforderungen. «Der grösste Vorteil am Leben in der Schweiz ist, dass ich nicht ins Gefängnis geworfen würde, aber das grösste Problem ist: Wer veröffentlicht meine Arbeit?», fragt Kaya. Seit ihrer Ankunft in der Schweiz war sie nur sporadisch als Journalistin tätig, etwa für das kurdisch-türkische Medienportal Nupel Media mit Sitz in Deutschland.

Laut Reporter ohne Grenzen ist die Pressefreiheit weltweit unter Druck. Lesen Sie hier den Bericht:

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Pressefreiheit laut Rangliste weltweit unter Druck

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Weltweit hat sich die Situation der Pressefreiheit nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen (RSF) weiter verschlechtert.

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In den Schweizer Medien hat sie noch nicht Fuss gefasst, auch wegen der Sprachbarriere. Trotzdem ist Kaya fest entschlossen, Journalistin zu bleiben: «Ich muss schreiben, um zu überleben, es ist meine Verantwortung.»

Saddam Hamed Abu Asim, Jemen

Saddam Hamed Abu Asim
Saddam Hamed Abu Asim hat auch zur Situation jemenitischer Journalist:innen im Exil geforscht. Vera Leysinger / SWI swissinfo.ch

Die Huthi-Miliz eroberte 2014 die jemenitische Hauptstadt Sanaa, wo Saddam Hamed Abu Asim lebte. Danach wurde der freie Journalist zunehmend bedroht: Anrufe von Unbekannten, im Quartier fragten die Sicherheitsbehörden nach ihm. Er entschied sich zu fliehen, und gelangte über Saudi-Arabien in die Schweiz nach Bern.

«Ich suchte eine Stelle und merkte, wie schwierig das ist», sagt Abu Asim. Zuerst lag es an der Sprachhürde – doch heute ist sein Deutsch gut. Trotzdem wollte es nicht klappen mit dem Berufseinstieg in den kriselnden Schweizer Journalismus.

An der Frage, was es heisst, als Journalist in der Diaspora zu wirken, hat er sich regelrecht abgearbeitet. Nach seiner Flucht hat er noch einmal studiert, Nahoststudien an der Universität Bern. In seiner Masterarbeit beschäftigte er sich mit der Situation jemenitischer Journalist:innen im Exil.

Darin schildert Abu Asim etwa die Situation von Samah Al-Shaghdhari, die von den Huthi verleumdet wurde und seit 2016 in Deutschland lebt. Dort schreibt sie für die mehrsprachige Nachrichtenplattform Amal News. Ihre Artikel tragen Titel wie «Ehrenamt macht Spass und hilft beim Ankommen» – und sie sei, schreibt Abu Asam, «eine der wenigen jemenitischen Journalistinnen, die nach wie vor hauptsächlich vom Journalismus leben».

«Wir kennen die Gesellschaft vor Ort»

Für Abu Asim ist es unverständlich, dass europäische Medien nicht mehr Interesse zeigen, die Erfahrung von Journalist:innen im Exil auszuschöpfen. Eine positive Ausnahme sieht Abu Asim in den Niederlanden, wo verschiedene Projekte geflohene Journalist:innen mit lokalen Medienschaffenden in einem Tandem zusammenführen.

Durch seine Erfahrung als Journalist im Jemen, sagt Abu Asim, habe er eine Expertise, die er gerne in den Schweizer Journalismus brächte. «Wir kommen aus dem Jemen, wir kennen die Gesellschaft vor Ort – wir können andere Journalist:innen bei der Recherche unterstützen, im Umgang mit Krieg und Krisen», sagt Abu Asim.

Mangels Perspektive in der Branche arbeitet er heute kaum noch im Journalismus. Momentan hat Abu Asim eine Stelle in der Kommunikationsabteilung einer arabischen Botschaft in Bern.

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