The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Unterschätzte Gefahr: In der Schweiz ertrinken jährlich rund 50 Menschen

Neuenburgersee
Jedes Jahr werden in der Schweiz laut Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) rund 13'000 Badeunfälle registriert. Keystone / Anthony Anex

Aktivitäten in den Schweizer Seen und Flüssen sind im Sommer sehr beliebt, doch ihre Gefahren werden manchmal unterschätzt. Jedes Jahr werden im Land rund 50 Ertrinkungsunfälle verzeichnet. Hier sind die wichtigsten Fakten dazu.

Mit dem Stand-Up-Paddle von einem der vielen Strände des Neuenburgersees aus losfahren, sich von der Strömung der Aare entlang der Berner Altstadt treiben lassen oder in die türkisfarbenen Becken des Flusses Verzasca im Tessin eintauchen: Die Schweiz verfügt über zahlreiche zugängliche und saubere Gewässer, Wassersportaktivitäten sind im Sommer deshalb hier fast ein Muss.

Lesen Sie hier mehr darüber:

Mehr
eine Frau in der Aare dahinter das Bundeshaus

Mehr

Fünfte Schweiz

Warum die Schweiz das Paradies des urbanen Flussbadens ist

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht An heissen Sommertagen lassen sich in Schweizer Städten Tausende von der Aare, dem Rhein oder der Limmat treiben. Die Flussbadekultur hat hier Tradition – und gilt international als Vorbild.

Mehr Warum die Schweiz das Paradies des urbanen Flussbadens ist

Doch hinter diesem idyllischen Bild verbirgt sich auch eine düstere Realität: Jedes Jahr werden laut StatistikenExterner Link der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) rund 13’000 Badeunfälle registriert, und fast fünfzig Menschen ertrinken in den Gewässern der Schweiz.

Im vergangenen Jahr belief sich die Zahl der Ertrinkungsopfer auf 43 und lag damit leicht unter dem Durchschnitt. Nach dem heissen Sommer 2026 könnte die Bilanz höher ausfallen: Ende Juli stellte die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG) fest, dass die Zahl der Ertrinkungsunfälle höher war als im gleichen Zeitraum der Jahre 2024 und 2025.

Das Ertrinkungsrisiko steigt mit der Hitze

Seitdem ist es weiterhin heiss und trocken geblieben. «Es gibt einen Zusammenhang zwischen hohen Temperaturen und tödlichen Ertrinkungsunfällen», sagt David Burkhardt, Leiter Bereich Wassersicherheit bei der bfu. Während der historischen Hitzewelle von 2003 ertranken in der Schweiz fast 90 Menschen; ein trauriger Rekord aus jüngerer Zeit stammt aus dem Jahr 2022 mit 66 Ertrunkenen.

Dieser Zusammenhang lässt sich auch anderswo beobachten. Im Juni verzeichnete Deutschland eine seit 2003 nicht mehr erreichte Rekordzahl. Auch in Frankreich seien «die Zahlen nicht gut», so die Sportministerin: Zwischen dem 19. Juni und dem 10. Juli lag die Zahl der Todesfälle durch Ertrinken um fast 20% über der des Vorjahreszeitraums.

Vor diesem Hintergrund finden Sie hier fünf Dinge, die Sie über tödliche Badeunfälle in der Schweiz wissen sollten.

1. Ertrinkungsunfälle sind im internationalen Vergleich selten

Trotz der beliebten Fliessgewässer weist die Schweiz im internationalen Vergleich eine niedrige Ertrinkungsrate auf – also die Zahl der Ertrinkungsunfälle pro 100’000 Einwohner:innen. Nach den neuesten verfügbaren globalen Daten liegt diese Rate in der Schweiz bei 0,5, weltweit hingegen bei fast 4. Laut der UNO Externer Linksterben weltweit jährlich mehr als 300’000 Menschen durch Ertrinken, davon fast ein Viertel Kleinkinder.

Externer Inhalt

Dieser Vergleich ist jedoch laut Burkhardt wenig aussagekräftig. «Die Schweiz befindet sich in einer ganz anderen Ausgangslage als viele andere Länder», betont er. «Diese Statistiken zeigen zum Beispiel, dass Länder mit tiefem Einkommen im Allgemeinen eine rund dreimal höhere Ertrinkungsrate aufweisen als Länder mit hohem Einkommen.»

Dies lässt sich unter anderem durch einen Mangel an Präventions- und Rettungsmassnahmen sowie an Sicherheitsinfrastrukturen erklären, aber auch dadurch, dass das Schwimmenlernen weniger verbreitet ist.

Nach Ansicht des Experten ist es besser, die Unfälle im Schweizer Kontext detailliert zu analysieren, um sie besser verhindern zu können.

2. Neun von zehn Ertrinkungsunfällen ereignen sich in Flüssen und Seen

Wie in anderen Ländern konzentriert sich auch in der Schweiz die überwiegende Mehrheit der tödlichen Badeunfälle auf offene Gewässer, die oft schwierigere Bedingungen aufweisen. «Strömung, Temperatur, eingeschränkte Sicht, grössere Distanzen und in der Regel weniger Aufsicht», zählt Burkhardt auf.

In der Schweiz ereignen sich fast die Hälfte der Ertrinkungsunfälle in Flüssen und mehr als 40% in Seen – Anteile, die etwa auch in DeutschlandExterner Link zu finden sind. Zum Vergleich: In Frankreich ereignen sich mehr als 40% der Ertrinkungsunfälle im Meer, aber auch 16% in privaten PoolsExterner Link.

Externer Inhalt

3. Ertrinkungsunfälle betreffen immer weniger Kinder und immer mehr Senioren

Männer, insbesondere die Zwanzigjährigen, bilden die am stärksten von Ertrinkungsunfällen betroffene Gruppe. Präventionsfachleute erklären dies mit einer Tendenz zu riskantem Verhalten – das manchmal durch Alkoholkonsum verstärkt wird – sowie mit einer nachlassenden Aufsicht durch Erwachsene ab dem Jugendalter.

Externer Inhalt

Lesen Sie dazu dieses Interview aus dem Jahr 2022 mit dem Direktor der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG):

Mehr

Zwischen 2000 und 2024 hat sich die Ertrinkungsrate bei Kleinkindern in der Schweiz halbiert (von 0,24 auf 0,12), so die bfu. Im vergangenen Jahr sind zwei Kinder ertrunken; die Präventionsstellen streben an, diese Zahl bis 2030 auf null zu senken.

Die Ertrinkungsrate bei den über 70-Jährigen liegt hingegen seit langem über der der unter 5-Jährigen, und dieser Abstand hat sich in den letzten zwanzig Jahren noch vergrössert, da er von 0,44 auf 0,83 gestiegen ist. Die bfu sieht darin ein Spiegelbild der alternden Bevölkerung und der Tatsache, dass diese Altersgruppe zunehmend Wassersport betreibt.

Was damit in der Schweiz schon seit langem beobachtet werden kann, hat sich weltweit erst vor einigen Jahren vollzogen.

4. Fast die Hälfte der Ertrinkungsopfer ist ausländischer Staatsangehörigkeit

Einerseits machen ausländische Touristen 14% aller tödlichen Badeunfälle aus. «Mutmasslich weil diese Personen die spezifischen lokalen Gefahren weniger gut kennen, weil sie mit diesem Umfeld weniger vertraut sind und in diesem Kontext nicht sozialisiert wurden», erläutert bfu-Experte Burkhardt.

Externer Inhalt

Andererseits machen Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit, die in der Schweiz wohnen, etwas weniger als ein Drittel der Ertrinkungsopfer aus, während sie ein Viertel der Bevölkerung ausmachen.

Für diese Überrepräsentation gibt es mehrere mögliche Erklärungen: «Eine andere oder sogar fehlende Sozialisation im Umgang mit Wasser; ein erschwerter Zugang zu Informationen aufgrund von Sprachbarrieren; weniger entwickelte Schwimm- und Wasserkompetenzen oder schlicht eine andere Badekultur, etwa eine geringere Vertrautheit mit dem Baden in Flüssen.»

Burkhardt mahnt jedoch zur Vorsicht vor Verallgemeinerungen. Die Nationalität sei keine Ursache an sich. «Das Risiko hängt in erster Linie von der Exposition und der Situation ab, in der man sich befindet, sowie davon, wie man sich anschliessend in dieser Situation verhält», fasst er zusammen.

5. Die Schweiz setzt auf Prävention und Eigenverantwortung

Die Zahl der tödlichen Badeunfälle ist in den letzten Jahrzehnten drastisch zurückgegangen: Bis 1975 verzeichnete das Land bei einer deutlich geringeren Bevölkerungszahl regelmässig mehr als 200 Ertrinkungsunfälle pro Jahr. «Das deutet darauf hin, dass die Präventionsbemühungen Früchte tragen», sagt Christoph Merki, Sprecher der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG).

«Die SLRG setzt auf einen sehr breit angelegten Präventionsansatz», erläutert er: Sie gibt unter anderem Broschüren in 14 Sprachen heraus, fördert Schwimmkenntnisse und Wassersicherheit, organisiert verschiedene Sensibilisierungsaktionen und stellt gemeinsam mit ihren Partnerorganisationen Informationstafeln an Gewässern auf.

Die Bundesbehörden in Bern haben sich ihrerseits bisher wenig bereit gezeigt, einzugreifen, wie RTS kürzlich berichtete. Der letzte parlamentarische Vorstoss, eingereicht von Baptiste Hurni (SP), stammt aus dem Jahr 2023. Die Regierung wies damals darauf hin, dass sie sich auf die Eigenverantwortung sowie auf die lokalen Behörden und die verschiedenen Organisationen verlasse.

Derzeit erwägt der Bund, die drei Stunden obligatorischen Sportunterricht pro Woche abzuschaffen – eine Massnahme, die bei Sport- und Präventionsorganisationen auf Widerstand stösst. Für Burkhardt ist es in der Tat von zentraler Bedeutung, «ein hohes Niveau an Schwimmkompetenz aufrechtzuerhalten, das heisst, dass alle Kinder von Schwimmkursen profitieren können».

Mehr

Debatte
Gastgeber/Gastgeberin Kristian Foss Brandt

Was wird in Ihrer Region unternommen, um die Menschen vor extremer Hitze zu schützen?

Was wird dort unternommen, wo Sie leben? Und welche Lehren könnten andere daraus ziehen?

16 Likes
14 Kommentare
Diskussion anzeigen

Editiert von Samuel Jaberg. Übertragung aus dem Französischen: Giannis Mavris

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft